Mi, 17. Oktober 2018

Marlene Kirchner

28.11.2017 10:53

Vorarlbergs neue Tierschutzombudsfrau im Interview

Als neue Tierschutzombudsfrau des Landes Vorarlberg setzt sich die Veterinärmedizinerin Dr. Marlene Kirchner in den kommenden fünf Jahren für Tierwohl und Tierrechte im Ländle ein. Welche Aufgaben sie dabei hat und wie die Lage in Sachen Tierschutz in Vorarlberg bewertet, verrät sie im Interview mit "Krone"-Redakteur Harald Küng.

Die neue Tierschutzombudsfrau des Landes Vorarlberg steht uns im Anschluss an eine Pressekonferenz, in der sie sich und ihre Arbeit der Öffentlichkeit vorstellte, Rede und Antwort. Viel Zeit bleibt nicht fürs Gespräch, Frau Kirchner muss gleich weiter: "Es gibt viel zu tun."

"Krone": Frau Dr. Kirchner, Sie haben vor rund anderthalb Monaten die Leitung der Vorarlberger Tierschutzombudsstelle übernommen. Welche Aufgaben umfasst Ihr Bereich?
Marlene Kirchner: Meine Arbeit umfasst drei Kernaufgaben. Erstens: Parteistellung für Tiere vor Gericht in Verwaltungs- und Verwaltungsstrafverfahren. Daneben verrichten wir auch Gremiumsarbeit, etwa im Tierschutzrat, der unter anderem das Österreichische Gesundheitsministerium in Tierschutzfragen wissenschaftlich berät. Und der dritte Bereich umfasst Bildungsarbeit auf dem letzten Stand von Wissenschaft und Ethik.

"Krone": Wie darf man sich eine derartige Parteistellung für Tiere vor Gericht vorstellen?
Kirchner: Zu Beginn steht immer eine Meldung, dass es zu einem Zwischenfall gekommen ist und dabei möglicherweise eine Gesetzesübertretung stattgefunden hat - etwa wenn jemand berichtet, dass vorsätzlich ein Tier getreten oder geschlagen wurde. So etwas ist nach dem Österreichischen Tierschutzgesetz nicht erlaubt und sollte angezeigt werden. Dann treten erst einmal die Amtsärzte auf den Plan, die vor Ort feststellen, welcher Sachverhalt vorliegt. Oftmals können die Dinge sehr rasch aufgeklärt und bereinigt werden.

"Krone": Und wenn nicht?
Kirchner: Dann tritt unsere Stelle in Aktion, die weitere Prüfungen und Untersuchungen anstellt. Diese Arbeit verlangt eine hohe Genauigkeit, man darf sich da keinerlei Fehler erlauben. Für den Beschuldigten folgt zudem ein sogenannter Verbesserungsauftrag, welcher mit einer Frist verbunden ist. Die Tierschutzombudsstelle hat dann die Möglichkeit, eine Stellungnahme zum Fall abzugeben. Handelt es sich um einen schwerwiegenden Fall, bei dem es zum Verfahren kommt, habe ich Akteneinsicht, darf alle Aussagen lesen etc. Im Prozess selbst habe ich zudem die Möglichkeit, die Beschuldigten zu befragen und Stellung zu beziehen. Nach dem Verfahren wird die TSO informiert, wie der Prozess ausgegangen ist. Wir benachrichtigen auch die Landesregierung über all unsere Tätigkeiten.

"Krone": Wie schwierig ist es, Tierleid abzuschätzen - nicht zuletzt aufgrund der beschränkten Kommunikationsmöglichkeiten?
Kirchner: Es gibt heute zahlreiche wissenschaftliche Verfahren, die wir anwenden können, um die Verständigung zwischen Mensch und Tier zu vereinfachen. Natürlich gibt es noch keine gemeinsame Sprache, keine direkte oder eindeutige Kommunikation. Aber wir können - zumindest auf wissenschaftlicher Ebene - bereits viele Dinge schon sehr gut abschätzen.

"Krone": In Vorarlberg wurden in den vergangenen Jahren regelmäßig Übertretungen nach dem Tierschutzgesetz aufgedeckt. Haben Sie im Ländle buchstäblich einen Saustall übernommen?
Kirchner: Ich befand mich die letzten dreieinhalb Jahre im Ausland und muss deshalb gestehen, dass ich nicht alles mitbekommen habe, was sich in dieser Zeit abgespielt hat. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht alles wieder ausgraben. Denn ich bin der Meinung, dass es viel wichtiger ist, nach vorne zu schauen. Tierschutz findet hier und jetzt - und auch in der Zukunft - statt. Darum muss ich mich kümmern. Als Bürgerin und Privatperson sehe ich die Vorfälle im Ländle aber durchaus mit Sorge. Und was beispielsweise die zuletzt gemeldeten skandalösen Transporte männlicher Kälber anbelangt, werden mit Sicherheit Schritte unternommen.

"Krone": Wie schätzen Sie allgemein die Haltung von Herrn und Frau Vorarlberger zum Tierschutz ein?
Kirchner: Ich habe schon den Eindruck, dass die breite Bevölkerung ein sehr hohes Bewusstsein für Tierrechte und Tierwohl hat. Aber das ist nur mein erster Eindruck nach einem Monat im Amt. Grundsätzlich scheint es aber einen hohen Standard für Tierethik im Ländle zu geben.

"Krone": In Vorarlberg ist vor allem der Verein gegen Tierfabriken sehr aktiv und leistet viel Aufdeckungs- und Informationsarbeit. Was halten Sie von Vereinen wie dem VGT?
Kirchner: Beim VGT handelt es sich um eine Tierrechtsbewegung, die ja nicht nur in Vorarlberg, sondern in ganz Österreich aktiv ist. Dieser Verein ist - wie viele andere im Land auch - im Bereich des Tierschutzes angesiedelt und arbeitet an vorderster Front. Über die Arbeit des Vereins möchte ich aber keine Wertung abgeben.

"Krone": Sollten Tierrechte in der Verfassung festgeschrieben werden?
Kirchner: Es gibt diese Debatte schon sehr lange, gerade bei Menschenaffen stellt sich immer wieder die Frage, welche Rechte ihnen zugesprochen werden sollen. Auch in meiner Zeit an der BOKU in Wien oder als Assistenzprofessorin an der Uni Kopenhagen habe ich mich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Doch meines Wissens ist "Tierrecht" im eigentlichen Sinne noch in keiner einzigen europäischen Verfassung verankert. Die Diskussion zur Thematik ist aber eine sehr wichtige, um das Wohl unserer Mitgeschöpfe zu steigern. Es ist auch nicht immer einfach, sich damit auseinanderzusetzen: In meinem Fach ist eine gute Portion Empathie berufsimmanent, aber durchaus auch "Berufsrisiko".

"Krone": Wo sehen Sie in Vorarlberg bislang die größten Baustellen?
Kirchner: Ich bin ja erst seit anderthalb Monaten da, richtige Baustellen konnte ich bislang noch keine ausmachen. Es gibt aber einige wichtige Themen, die mich sehr interessieren: Kleingeflügelhaltung ist ein Bereich, mit dem ich mich intensiver beschäftigen werde. Auch Katze und Hund - die beliebtesten Haustiere der Vorarlberger - sind ein großer Punkt. Alles Weitere kann ich jetzt noch nicht ganz abschätzen, meine Zukunftspläne sind nicht zur Gänze ausgeformt. Das wird meine Aufgabe in den nächsten Wochen und Monaten sein.

"Krone": Weil Sie gerade von beliebten Tieren gesprochen haben: Haben Sie selbst auch ein Lieblingstier?
Kirchner: (Lacht.) Ach, da gibt es sehr viele. Ich mag's am liebsten exotisch. Chamäleons faszinieren mich besonders. Sie sind sehr anpassungsfähig, verändern je nach Gefühlslage ihre Muster - nicht ihre gesamte Farbe, wie viele Menschen denken. Es sind wirklich sehr bemerkenswerte Tiere.

"Krone": Haben Sie selbst eines zu Hause?
Kirchner: Nein, ich habe keine Haustiere. Das wäre in meinem Amt eine zu große Verantwortung. Ich reise sehr viel, da wird es mit einem Haustier ganz schwierig. Als Kind hatte ich zwei Kaninchen - "Oscar" und "Frederik". Vielleicht habe ich in der Pension wieder Zeit für ein Haustier (lacht). Aber dann werden's keine Kaninchen mehr. Die können nämlich mit Streicheln und Kuscheln eigentlich gar nichts anfangen. Zumindest nicht mit uns Menschen. Mit Artgenossen sieht das wieder anders aus.

"Krone": Letzte Frage: Weihnachten steht vor der Tür. Was halten Sie von Tieren als Geschenk?
Kirchner: Tiere sind keine Geschenke! Das ist eine ganz wichtige Botschaft. Wer es sich aber dennoch nicht nehmen lassen kann, ein Tier zu schenken, sollte sich zumindest ausreichend darüber informieren.

Harald Küng, Kronen Zeitung

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