Di, 17. Juli 2018

"Krone"-Interview

26.11.2017 15:25

Moser-Pröll: "Es muss alles aufgeklärt werden!"

Sexuelle Übergriffe, ja sogar Missbrauch in Österreichs Skisport. Die Aussagen der ehemaligen Weltklasse-Rennläuferin Nicola Werdenigg, vormals Spiess, schockierten. Auch wenn die von ihr genannten Vorfälle bald ein halbes Jahrhundert zurückliegen. Damals, in den 1970er-Jahren, war Annemarie Moser-Pröll der gefeierte Superstar. Erfolgreicher als alle anderen. Hübsch. Beliebt. Begehrt. Die heute 64-Jährige, die 1999 zu Österreichs Sportlerin des Jahrhunderts gekürt wurde, erinnert sich im "Krone"-Interview an die Zeiten, als sie als noch blutjunges Dirndl mit Erwachsenen, darunter natürlich sehr viele Männer, um die ganze Welt reiste.

"Krone": Frau Moser-Pröll, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie die Aussagen Ihrer früheren Teamkollegin hörten?
Annemarie Moser-Pröll: Ich war betroffen. Es ist schlimm, ja fürchterlich, dass ihr so etwas widerfahren ist. Jede Art von Gewalt oder Vergewaltigung ist zutiefst zu verurteilen. Ich bin selbst Mutter einer heute erwachsenen Tochter und will mir gar nicht vorstellen, dass ihr je so etwas Widerwärtiges zugestoßen wäre.

"Krone": Sie waren selbst erst 15 Jahre alt, als Sie in den Weltcup kamen. Blutjung und in jeder Hinsicht unerfahren …
Moser-Pröll: Völlig unerfahren sogar. Und sehr, sehr naiv.

"Krone": Mussten Sie also auch ähnlich Schreckliches erleben?
Moser-Pröll: Wir waren alle sehr jung. Natürlich gab es da in all den Jahren Liebeleien. Aus Sympathie. Auch aus Neugierde. Weil man sich zueinander hingezogen fühlte. So wie das unter jungen Menschen, die ihr Leben genießen wollen, auch heute noch der Fall ist. Ich wurde aber nie sexuell belästigt. Oder gar missbraucht.

"Krone": Wenn es aber jemand zumindest versucht hätte?
Moser-Pröll: Mich rief vor ein paar Tagen meine Freundin Monika Kaserer, die damals auch im Skiteam war, an. Sie meinte: Gell, Annemarie, von uns hätten s’ eine kräftige Watschen bekommen, wenn sie das probiert hätten. Und genau so ist es auch! Aber ich will damit nicht sagen, dass sich andere hätten wehren müssen. Jeder Mensch ist anders. Und jeder Mensch geht daher mit diversen Dingen auch völlig anders um.

"Krone": Hätten Sie von Übergriffen den Eltern erzählt?
Moser-Pröll: Sicher. Sofort. Die Familie ist doch immer die erste Anlaufstelle, wenn man Hilfe braucht. Sogar wenn ich verliebt war, habe ich das damals jedes Mal meinen Eltern sofort erzählt. Hätte mein Vater etwas von einer Vergewaltigung oder Ähnlichem erfahren, er hätte sicher sofort bei der Polizei Anzeige erstattet. Und der Täter wäre ihm wohl besser nicht in die Hände gelaufen.

"Krone": Im Zusammenhang mit den Missbrauchsvorwürfen sorgte ein TV-Interview, das Sie gaben, für gewisse Aufregung.

Moser-Pröll: Ja, weil gewisse Passagen oder Fragen herausgenommen wurden. Wenn man das gesamte Interview sieht, klingt das ganz anders. Dass zu einer Vergewaltigung immer zwei gehören, habe ich natürlich so nie gesagt. Das wäre auch Schwachsinn. Aber die Situation ist für uns alle nicht leicht. Mit Lea Sölkner hat mich etwa unlängst eine weitere Kollegin angerufen. Ihr Sohn wollte wissen, was denn damals so los war, und sie musste sich fast rechtfertigen vor ihm. Auch für meine Tochter waren es schlimme Tage, weil sie mich und meine Einstellung zu Missbrauch kennt, in den letzten Tagen aber von anonymen Anrufern beschimpft wurde und nicht wusste, wie sie mit der ganzen Situation umgehen soll.

"Krone": Wie gehen eigentlich andere Ex-Kollegen damit um?
Moser-Pröll: Natürlich ist das ein Thema, über das man spricht und diskutiert. Alle verurteilen jede Form von Missbrauch aufs Schärfste. Genau wie ich. Aber ebenfalls genau wie ich sind auch sie bestürzt über die Pauschalverurteilungen, zu denen es da jetzt gekommen ist. Wissen Sie, wir waren damals ein riesiges Team und sind gemeinsam um die ganze Welt gezogen. Es waren viele Männer unter den Trainern und Helfern, und oft waren wir auch mit der Herren-Mannschaft unterwegs. Es sind daraus zahlreiche echte Freundschaften entstanden, von denen viele zum Glück noch heute bestehen.

"Krone": Und jetzt?
Moser-Pröll: Es sollte alles schleunigst aufgeklärt werden. Was ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel auch veranlasst hat. Solange keine Namen genannt werden, ist das aber nicht so einfach. Den Missbrauchsvorfall, zu dem es laut Nicola 2005 gekommen sein soll, lässt er ganz besonders genau untersuchen. Weil das schon in seiner Amtszeit gewesen wäre. Ich bin jedenfalls froh, dass es im Skiverband mit Petra Kronberger und Roswitha Stadlober mittlerweile sogar zwei Frauen-Beauftragte gibt. Und somit sicher sofort reagiert werden würde, sollte es heutzutage zu ähnlichen Vorfällen kommen.

Peter Frauneder, Kronen Zeitung

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