Fr, 16. November 2018

Hochzeit des Figaro:

05.11.2017 14:18

Fummeln am letzten tollen Tag

Endzeit im Grafenhaushalt Almaviva: Aufstände wetterleuchten am Horizont, die Zeit für  Eskapaden wird knapp. Maximilian von Mayenburg zeigt, dass der "Figaro" am Vorabend der Revolution entstanden ist, verharrt aber im Konventionellen. Dirigent Marco Comin hält einen spannend unmodischen Mozart dagegen.

Die Revolution dräut bereits im Bühnenhintergrund. Die Bäuerinnen und Bauern wollen bei den feudalen Zerstreuungen und Festlichkeiten nicht mehr mittun. Es ist der letzte Tanz im Schnallenschuh, bevor es den adligen Herrschaften im Hause Almaviva an den Kragen geht. Vielleicht greift man sich deshalb öfter in den Schritt als Michael Jackson in seiner Glanzzeit: Die Zeit wird knapp. Dieser "tolle Tag" wird der letzte sein.

Regisseur Maximilian von Mayenburg nimmt die Entstehungszeit des Figaro drei Jahre vor der französischen Revolution als Anlass für eine konkrete historische Verortung am Vorabend der Umwälzungen. Das ist legitim, weil nicht nur der "Figaro", sondern alle sieben großen Mozart-Opern von der  Aufklärung und der Befreiung des Individuums aus den feudalen Systemen und religiösen Sinnzusammenhängen handeln.

Das Problem der Regie ist jedoch, dass Mozarts "Figaro"-Musik konkrete Zeitbezüge auflöst und ins Allgemeine hebt - ohne freilich ihre Schärfe abzumildern. Mayenburgs historische Konkretisierung ist somit wieder ein Schritt zurück vom Welttheater Mozarts zur (im Grunde  harmloseren) politischen Komödie Beaumarchais’, die als Vorlage diente. Am Pult der Grazer Philharmoniker steht Marco Comin, der zum Glück nicht zu den Dirigenten gehört, die Mozarts Musik besinnungslos forsch nach vorne stürmen lassen, weil sie das für modern oder irgendwie historisch informiert halten. Comin setzt auf eine kontrastreiche, fein gearbeitete Tempo- und Lautstärken-Dramaturgie, gibt den poetischen Stellen Zeit zur Entfaltung, um dann wieder gewaltig aufs Gas zu steigen (etwa im Duett Marcellina/Susanna). Der Dirigent modelliert feine Klangbilder, und doch geht sich für ihn nur ein knapper Punktesieg aus: Erstens weil man den Frevel begeht, ohne Not die Arien Marcellinas und Basilios wegzulassen. Und leider verwaschen in den so wichtigen Ensemble-Szenen zwischendurch die Konturen, diese wirken bisweilen  blass und unsicher.

In Stephan Prattes’ Bühnenbild, das Erinnerungen an "progressive" Opern-Aufführungen in den 1980-ern weckt, schauspielert das Sängerensemble außerordentlich munter und sympathisch dahin. Tetiana Miyus’ Susanna wirkt erst soubrettenhaft, aber ihr lyrischer Sopran blüht immer mehr auf. Peter Kellners Figaro dominiert mit frischem Bariton die Ensembleszenen, während Markus Butter als bleich-neurotischer Graf auch sängerisch etwas blass bleibt. Stark: Oksana Sekerina, die die Gräfin mit schönem Legato und wohlklingenden Sopran singt. Anna Brull spielt einen hinreißenden Cherubino und singt ihn sehr ordentlich.

Die Parade der Gecken in ihren abenteuerlichen Kostümen (von Gabriele Jaenecke) ist wunderbar widerwärtig: Wilfried Zelinkas gestörter Bartolo (ein Doktor wie eine Vorwegnahme des grausigen Arztes aus Bergs "Wozzeck"), Manuel von Sendens süffisanter Basilio und Albert Memetis Witzfigur des Don Curzio. Yuan Zhangs Marcellina ist tadellos, Lalit Worathepnitinan singt die Barbarina-Arie berührend, David McShane ist ein unterhaltsamer Antonio.

Martin Gasser, Kronen Zeitung

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