Stadt-Fakten

In Wien gibt es mehr Tote als Lebende

"Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Toten!" So hat Wolfgang Ambros bereits 1975 das besondere Verhältnis des Wieners zum Tod besungen. Das Morbide soll ja tief in der Seele verankert sein, als Ausdruck einer Lebenshaltung: Der Tod ist unvermeidlich, also feiern wir ihn. Alleine am Zentralfriedhof wurden seit seiner Eröffnung 1874 mehr als drei Mio. Menschen begraben. Man kann also behaupten, in der österreichischen Hauptstadt "leben" weit mehr Tote als Lebendige. Aber Wien lässt nicht nur mit Friedhöfen den Tod hochleben.

Das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" titulierte 2007 einen Artikel über Städtereisen nach Wien mit "Donaunekropole Wien: A schöne Leich". In einer Stadt also, in dem besonders pompöse Begräbnisse als "A schöne Leich" bezeichnet werden, ist es für City4U Grund genug, einmal abseits der bekannten Friedhofspfade zu wandern und euch morbid-schöne Orte des Todes vorzustellen, die einen Besuch auf jeden Fall wert sind.

#A schöne Leich

Stephansdom, Riesenrad und Schönbrunn - dass diese Wiener Wahrzeichen zu den meist besuchten Stätten der Stadt zählen, dürfte jedem bewusst sein. Jedoch nicht die Tatsache, dass auch der Wiener Zentralfriedhof mit seinen 300.000 Grabstätten und unzähligen Ehrengräbern, in denen Falco, Udo Jürgens und alle wichtigen Staatsmänner und -frauen der Republik ihre letzte Ruhe fanden, dazu zählt. Auf dem zweitgrößten Friedhof Europas sind Menschen aller Konfessionen begraben, eine eigene Gruppe beherbergt die sterblichen Überreste von Personen, die ihren Körper der Wissenschaft zur Verfügung gestellt haben. Es gibt sogar eine eigene Buslinie auf dem Friedhofsareal.

#Zu Besuch im Krematorium

"Der Tod hat in Wien tatsächlich einen höheren Stellenwert, als in vielen anderen Städten Europas. Hier wird der Tod mit Humor verarbeitet, das ist eine Strategie. Das sieht man auch an dem Begriff ‚A schöne Leich‘ oder an dem Umstand, dass die Erdbestattung in Wien noch immer 71 Prozent ausmacht. Nur 29 Prozent wählen eine Feuerbestattung. In den Bundesländern sieht dieser Wert ganz anders aus", sagte Florian Keusch, Pressesprecher der Bestattung Wien, im Gespräch mit City4U.

#Probeliegen im Sarg

Das spezielle Verhältnis zum Tod, das den Wienern attestiert wird, kommt auch nicht von ungefähr. Immerhin steht hier das erste und älteste Bestattungsmuseum der Welt. Hans Novak, seines Zeichens Abteilungsleiter der Gemeinde Wien - Städtische Leichenbestattung, hatte unverdrossen jahrelang Vortragkreuze, Urnen und Bahrtücher gesammelt, um sein Ziel zu erreichen: ein Bestattungsmuseum. 1967 war es schließlich soweit und es wurde eröffnet. Durch die "Lange Nacht der Museen" in den 2000er-Jahren wurde es schließlich noch bekannter. Tausende Besucher kamen um, typisch wienerisch, in einem Sarg Probe zu liegen. Seit 2014 befindet sich das Bestattungsmuseum im Untergeschoß der Aufbahrungshalle 2 am Wiener Zentralfriedhof und ist durch die neue Lage morbider denn je.

#Friedhof der Namenlosen

52 aktive Friedhöfe gibt es in Wien. Der Friedhof der Namenlosen beim Alberner Hafen in Simmering ist es zwar nicht mehr, aber trotzdem oder auch deswegen, einen Besuch wert. Gut versteckt, versprüht dieser kleine, sehr naturbelassene Friedhof eine ganz besondere Atmosphäre. Ein Wasserwirbel der Donau sorgte bis 1939 dafür, dass an dieser Stelle beim Hafen immer wieder Wasserleichen angespült wurden, die meisten Mordopfer oder Selbstmörder. Zwischen 1900 und 1940 wurden am Friedhof der Namenlosen insgesamt 104 davon beerdigt - nur 43 konnten auch identifiziert werden, dank der unermüdlichen Arbeit des ehrenamtlichen Totengräbers Josef Fuchs. Alle Gräber sind mit dem gleichen Schmideisernen-Kreuz versehen und einem Schild, auf dem "Namenlos" steht.

Jedes Jahr, am Nachmittag des ersten Sonntags nach Allerheiligen, versammeln sich die Mitglieder des Fischervereins Albern, um ein von ihnen gebautes Floß, geschmückt mit Kränzen, Blumen und brennenden Kerzen, zu Wasser zu lassen um so den Opfern der Donau und den Toten auf dem Friedhof der Namenlosen zu gedenken.

#Friedhof St. Marx

Auf dem Friedhof St. Marx im 3. Bezirk wurde 1791 Wolfgang Amadeus Mozart in einem Armengrab beigesetzt. Lange Jahre war das Grab so gut wie unbekannt, bis 1855 seine Lage festgestellt wurde. Dem Musikgenie hat der Friedhof auch zu verdanken, dass er überhaupt noch existiert. Denn viele Jahre lag er verlassen da, bevor die Anlage 1937 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Heute ist der Friedhof St. Marx ein kleines Juwel.

#Jüdischer Friedhof

Im 9. Bezirk befindet sich der älteste erhaltene jüdische Friedhof der Stadt. Anfang des 14. Jahrhunderts wurde er eröffnet und blieb bis 1943 unverändert, ehe er im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört wurde. Nach dessen Ende wurden 280 der ursprünglich 931 Grabsteine wieder aufgestellt. Heute ist der jüdische Friedhof ein historisches Kleinod in der Seegasse. Ein makaberes Detail am Rande: Zu betreten ist er ausschließlich über das Seniorenheim, welches sich direkt daneben befindet.

#In der Gruft

Den Ruf als morbideste Stadt der Welt wird Wien vor allem mit der Michaelergruft gerecht. Unter der Michaelerkirche in der City liegen mittlerweile 4.000 Menschen. Nicht alle davon in Särgen, Knochen an Knochen über Knochen liegen sie an manchen Stellen bis an unter die Decke. Noch todessehnsüchtiger wird es in den Katakomben von St. Stephan. Im Rahmen einer 30-minütigen Führung, kann man gestapelte Totenköpfe, Knochen und Skelette von 10.000 Menschen bewundern. Wem das doch etwas zu - sagen wir einmal - tot ist, dem sei die Kapuzinergruft ans Herz gelegt. Dort liegt neben Sissi und Franz auch Maria Theresia begraben - in pompösen Zinnsärgen.

#Auch Bello, Mizi und Hoppsi

Nicht nur die Menschen sollen nach dem Tod eine schöne Ruhestätte finden. Am Wiener Tierfriedhof haben des Menschen beste Freunde ein würdiges Platzerl für die Ewigkeit - 800 Haustiere liegen derzeit dort begraben, vor allem Hunde, Katzen und Kaninchen. Seit dem Jahr 2011 können Frauchen und Herrchen ihren Lieblingen unmittelbar neben dem Zentralfriedhof gedenken. "Eine Tierbestattung läuft im Grunde wie die eines Menschen. Es gibt eine Verabschiedung, einen Raum in dem die Tiere aufgebahrt werden und dann werden sie zur Grabstätte gebracht", erklärte Hermann Hahner, Leiter des Tierfriedhofs Wien. Wer neugierig ist - der Tierfriedhof Wien steht ebenfalls täglich für Besuche offen.

#Die G'schicht vom Morden

Wer noch immer nicht genug vom Tod hat, dem empfiehlt sich ein Abstecher ins Kriminalmuseum. In einem unscheinbaren Wohnhaus in der Große Sperlgasse 24 im 2. Bezirk werden Tatwaffen, Folterwerkzeuge und teils Originalaufnahmen von Leichen und Mordopfern ausgestellt. Um es mit den Worten von Helmut Qualtinger zu sagen: "In Wien musst erst sterben, damit's dich hochleben lassen. Aber dann lebst lang."

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Viktoria Graf
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