Ruf Rat auf Draht

"Hilfe, ich habe ein Nacktfoto verschickt"

"Ich habe eine Freundin und möchte sie küssen. Wie mache ich das?" oder "Ich habe meinem Freund ein Nacktfoto über Whats App geschickt, aber jetzt sind wir nicht mehr zusammen." Auch wenn sich die Art der Probleme ändert, die Anzahl tut es nicht. Rat auf Draht, die Telefonhotline die schon so manchem Jugendlichen bei vermeintlich ausweglosen Situationen gut zugeredet und geholfen hat, feiert im Oktober 2017 ihr dreißigjähriges Bestehen.

"Wenn du wirklich nicht mehr weiter weißt, ruf Rat auf Draht" - wer kennt ihn nicht, diesen Slogan. War es früher für viele Heranwachsende einfach ein Spaß, dort anzurufen und vermeintliche Probleme vorzutäuschen oder lustige zu erfinden, um gespannt auf die Antwort zu warten, war und ist Rat auf Draht für viele Jugendliche eine der einzigen Möglichkeiten, Ballast, über den man sich mit sonst niemanden zu reden traut, loszuwerden.

2,8 Mio. Telefonate hat Rat auf Draht seit 1987 geführt. Dazu kommen Chat- und E-Mail-Beratungen. "Wir sind eine niederschwellige Einrichtung, mit der man über alles reden kann. Es gibt auch heute nur wenige Gelegenheiten, seine intimsten Gedanken loszuwerden oder zu besprechen ohne in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden", erklärte eine Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte im Gespräch mit City4U.

Spaß als Vorwand

Spaßanrufe gibt es natürlich nach wie vor - wie reagiert man als Berater darauf? "Ich versuche, mich darauf einzulassen. Ganz oft ist es nämlich so, dass sich jemand nicht traut, sein Problem anzusprechen und mit einem vermeintlichen Scherz austestet, wie so ein Gespräch läuft. Oft ist eine Mutprobe der Anlass für einen Anruf. Manchmal rufen diese Jugendlichen aber nach der Mutprobe, wenn sie wieder alleine sind, mit ihrem wahren Anliegen an", erläuterte die Beraterin.

Grooming, Sexting, Sextortion

Im Schnitt werden 250 Beratungsgespräche pro Tag geführt. Die Gründe für den Anruf sind unterschiedlich, manchen haben sich in den vergangenen 30 Jahren geändert, andere wieder nicht. Die Scheidung der Eltern, Gewalt in der Familie, die erste Liebe, erste sexuelle Erfahrungen und die Angst und Scham davor - diese Probleme gibt es seit 1987. Aber in Zeiten von Sozialen Medien, Whats App und Cybermobbing sind auch neue dazugekommen: Sextortion, Grooming, Sexting. "Die neuen Medien sind natürlich ein großes Thema. Die Hintergründe für die Anrufe sind aber nach wie vor die gleichen: Wertschätzung, Beziehung und Akzeptanz. Das wünschen sich die Jugendlichen", sagte die Mitarbeiterin.

Was passiert mit Nacktfoto?

Eines der häufigsten Anliegen betrifft junge Mädchen, die ihren Freunden während der glücklichen Beziehung ein Nacktfoto gesendet haben. Nun ist die Liebe Geschichte und der ehemalige Partner droht, das Bild im Internet zu veröffentlichen oder es allen in der Schule zu zeigen. Was rät man den Betroffenen? Dem Gegenüber klipp und klar zu machen, dass das ein Straftatbestand ist und ernsthafte Folgen haben kann.

Telefonseelsorge für Erwachsene

Auch die Version für Erwachsene feiert diesen Oktober ein Jubiläum: Die Telefonsorge unter der Rufnummer 142 feiert ihr 50-jähriges Bestehen. Genauso wichtig wie für Heranwachsende ist die Rund-um-die-Uhr-Beratung auch für die Großen. 1,1 Mio. Gespräche wurden im letzten halben Jahrhundert abgewickelt.

Einsamkeit und Beziehungsprobleme

Auch hier sind die Gründe für Anrufe vielfältig: Die häufigsten Gründe sind Beziehungsprobleme und Einsamkeit. Ein Phänomen der letzten zwei Jahrzehnte ist der Anstieg von Anrufern mit psychischen Erkrankungen. "Der Anrufende muss nicht sein Gesicht zeigen, nicht seinen Namen nennen, wird nirgends registriert. Das macht es vielen Menschen leichter, über ihre Sorgen zu sprechen.  Was viele Anrufer schätzen, das ist, dass ihnen jemand einfach einmal zuhört, sie nicht unterbricht, nicht glaubt etwas besser für sie zu wissen", erklärte Marlies Matejka, Leiterin der Telefonseelsorge.

Schlechte Sicht und Vaterfreuden

Es gibt viele Anrufer, die immer wieder zum Hörer greifen - nicht weil sie zwingend ein Problem haben, sondern einfach nur jemanden zum Reden brauchen. So bedankte sich eine Dame für das Gespräch mit den Worten: "Ich muss mich sprechen hören, weil ich den ganzen Tag mit niemandem rede." Aber nicht immer ist alles so ernst: So ruft auch schon mal jemand an, der schlecht sieht und darum bittet, eine Telefonnummer rauszusuchen. Und einmal gab es auch einen besonders glücklichen Anruf mitten in der Nacht: "Ich bin gerade Vater geworden und ich will jetzt in der Nacht niemanden mehr aufwecken. Aber ich muss einfach jemand erzählen, wie glücklich ich bin."

Oktober 2017

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Viktoria Graf
Viktoria Graf

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