Mo, 15. Oktober 2018

"Krone"-Interview

01.10.2017 10:57

Hirscher: "Da freute ich mich aufs Faulsein"

Marcel Hirscher offen wie selten: Österreichs Ski-Star spricht im "Krone"-Interview über Abhängigkeiten, unverschämtes Sudern, Winterspiele in Österreich, sein Weitermach-Gefühl, Politik und den Sportler des Jahres.

Am Sonntag in vier Wochen beginnt in Sölden der Weltcup-Winter der Herren. Der Gigant des Skirennsports feiert derzeit aber ganz andere Siege als die sonst üblichen auf den Pisten. Nach seinem Knöchelbruch genießt es Marcel Hirscher so richtig, endlich wieder ohne Gips und Krücken durch seine Heimat spazieren zu können. Die "Krone" durfte ihn in den Bergen über Annaberg begleiten und erlebte  den 29-Jährigen offen, emotional, aber auch sorgenvoll wie selten zuvor.

"Krone": Marcel, wie verläuft der Heilungsprozess?
Marcel Hirscher: Neben dem Bruch waren auch die Kollateralschäden durch den Gips erheblich. Muskel und Bänder sind beleidigt. Und jetzt, wo ich ohne Krücken gehen darf, beginnt erst der richtig harte Weg. Aber endlich nicht mehr abhängig zu sein, nicht um jeden Griff bitten und fragen zu müssen ist ein gutes Gefühl. Wenn man gewohnt ist, selbstständig zu sein, sehnt man sich danach.

Dein Körper wurde jahrelang dauerbelastet. Konnte er sich jetzt durch die Zwangspause erholen?
Nein. Weil ich vom ersten Tag an voll trainiert habe. Und der Stress war sogar größer als sonst. Training, Behandlung und so weiter. An den Abenden freute  ich mich da wirklich immer schon riesig auf die Couch. Aufs Faulsein.

Du verpasst Sölden sicher, kannst vielleicht auch das zweite Rennen in Levinicht  fahren. Bis zu den Winterspielen im Februar bist du aber sicher wieder voll fit: Olympia-Gold fehlt dir noch - dein großes Ziel?
Was hatte ich schon Glück! Was hatte ich schon für Winkelstellungen, bei denen normal alles kaputt sein müsste! Also ich darf überhaupt nicht sudern: Da wäre es ja geradezu vermessen, irgendeiner Goldenen nachzutrauern. Aber natürlich ist Olympia immer ein großes Ziel.

Die Korea-Krise ist eine Bedrohung für die Spiele im nur 80 Kilometer von Nordkorea entfernten Pyeonchang: Macht dir das Angst?
Es stimmt  mich bedenklich. Und man sollte darüber nachdenken, ob es so schlau ist, Spiele dort durchzuführen. Aber wie schon gesagt: Wenn es für mich zu viel Risiko birgt, bleib ich wirklich daheim.

Du hast mehrmals angedacht, 2018 aufzuhören. Noch immer ein Thema?
Aktuell nicht. Das muss ein Gefühl sein, das auf einmal kommt. Aber im Moment ist das Gefühl ganz stark auf der Gegenseite. Also fürs Weitermachen!

Jetzt noch kurz weg vom Sport. Es stehen einige - nennen wir es Abstimmungen - an. Zuerst bitte ein Satz zur Nationalratswahl: Was sollte sich in unserem Land danach unbedingt ändern?
Ich habe eine politische Meinung, doch die behalte ich bewusst für mich. Daran möchte ich auch nichts ändern. In Österreich sollte sich allerdings ändern, dass es eine ehrlichere, offenere Diskussion über anstehende Probleme und ein ehrliches, respektvolles Miteinander gibt.

Am Wahltag, also am 15. Oktober, werden die Tiroler auch gefragt, ob sie 2026 Winterspiele in ihrem Bundesland haben wollen.
Von mir gäbe es ein klares Ja. Ich halte Olympia allerdings nur dann für sinnvoll, wenn eine Infrastruktur zur Verfügung steht und die Investitionen nachhaltig genutzt werden. Wir sind ein Wintersportland und haben alles zur Verfügung, was es für gelungene Winterspiele braucht.

Die dritte Abstimmung läuft unter Sportjournalisten: Wer würde von dir ein Kreuzerl als Sportler des Jahres bekommen?
Ich selbst. Weil ich die beste Saison meiner Karriere hinter mir habe! Und wenn Stefan Kraft gewinnt, hat er es genauso verdient!

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