Sa, 21. Juli 2018

Big-Data-Diagnosen

27.09.2017 07:30

So verändert die digitale Revolution die Medizin

Es kann passieren und es wird passieren: Unternehmen müssen davon ausgehen, dass sie Opfer eines Hacker-Angriffs werden. Schwachstellen rechtzeitig zu identifizieren und sich auf den Ernstfall vorzubereiten riet deshalb US-Cybersecurity-Experte Ralph Echemendia kürzlich bei einer Veranstaltung zum Thema "Datengesteuerte Medizin - Freund oder Feind?" in Wien.

Nur ein Drittel aller Unternehmen bemerkt Hacker-Attacken selbst, zwei Drittel werden von anderen darüber informiert, so der selbst ernannte "Ethical Hacker" und CEO des Start-ups Seguru, der die Sicherheitssysteme großer Konzerne seit 25 Jahren auf ihre Verwundbarkeit testet. Im Durchschnitt vergehen 27 Tage, bis ein System nach einem Angriff wieder hergestellt ist.

Beunruhigendes Detail: Hacker treiben sich im Schnitt 229 Tage in einem Netzwerk herum, ehe sie entdeckt werden. "Das sicherste System ist jenes, das offline ist", erteilte er einem hundertprozentigen Schutz von mit dem Internet verbundenen Systemen eine Absage. Vergessen dürfe man auch nicht die "Schwachstelle Mensch" - etwa den Hausmeister, der den Schlüssel zum Serverraum habe, oder Vorstände, die sich nicht über entdeckte Risiken austauschen würden.

Handlungsfähig bleiben ist oberstes Ziel
Das oberste Ziel müsse sein, während eines Angriffs handlungsfähig zu bleiben, empfiehlt der IT-Experte. Besonders im Gesundheitssektor seien der Schutz und die Integrität der sensiblen Daten das wichtigste - auch wenn Hacker bisher noch keinen Weg gefunden hätten, diese Daten zu richtig viel Geld zu machen. Doch das Risiko ist hoch: Werden medizinische Daten manipuliert, kann das tödlich enden, siehe hackbare Herzschrittmacher. Eine steigende Zahl an medizintechnischen Geräten wie Armbänder, Clips, Insulinpumpen oder Implantate bietet Angriffsflächen. Dennoch würden die Vorteile von datengesteuerter Medizin die Risiken weit übersteigen.

Je mehr Daten kombiniert werden, desto besser, meinte er. "Google und Facebook wissen mehr über uns als wir selber". Auch menschliches Verhalten sei ein Gesundheitsindikator und deshalb nicht außer Acht zu lassen. Nicht der Zugang zu Daten sei das Problem, sondern deren Manipulierbarkeit.

Der Gesetzgeber erschwere es Individuen, ihre Gesundheitsdaten der Forschung zur Verfügung zu stellen, bedauerte der IT-Experte, der aber zugleich forderte, jeder müsse die Kontrolle über seine Daten behalten können. Man müsse Wege finden, wie Patienten ihre Daten legal teilen können, sei es gegen Geld oder einen bestimmten Nutzen, wies Judy Sedwards vom US-Pharmakonzern Pfizer, hin. "Wer seine Genom-Daten 'spendet', könnte etwa eine genetische Beratung und Hinweise für seine künftige Gesundheit erhalten", führte sie aus.

Die Daten unter Verschluss zu halten, sei jedenfalls keine Option, betonte auch Michaela Fritz, Vizerektorin der Medizinischen Universität Wien. "Wir müssen Wissen aus ihnen extrahieren", hob sie das große Potenzial für das Feld der Präzisionsmedizin und in Folge auch für individuelle Präventionstherapien hervor.

Unterschiedliche Zugänge ausgleichen
Viele Chancen ortete John Crawford von IBM Europe darin, mit Hilfe von datengesteuerter Medizin die unterschiedlichen Zugänge zu Gesundheitsleistungen innerhalb der Bevölkerung eines Landes - selbst in gut funktionierenden europäischen Gesundheitssystemen - auszugleichen und niederschwellige Angebote für unterprivilegierte Schichten zu entwickeln.

In Zukunft würde Big Data mehr Wissen über Wirkstoffe, Krankheiten und die Gesundheit ganzer Bevölkerungsgruppen bringen, zeigte sich Sedwards überzeugt. "Wir werden bessere Präventivmaßnahmen und einfachen Zugang zu den optimalen Diagnosemöglichkeiten haben - egal, ob das eine KI-Schnittstelle oder eine Person ist", so Echemendia. Crawford betonte den Rollenwandel, der auf das System zukomme: "Der mündige Patient weiß Bescheid um seine Optionen und sieht den Arzt - den es auch in zwanzig Jahren geben wird - als Partner auf Augenhöhe."

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