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Ist Wien Mode-Flop oder -Top?

In dem Buch "111 Gründe Wien zu hassen" geht Autor Markus Lust voller Inbrunst auf ein Phänomen ein: "Wien hat den schlechtesten Modestil aller Großstädte". Stimmt das? Ist Wien tatsächlich so stilbefreit wie Lust vorgibt? City4U hat sich näher mit der Frage auseinandergesetzt.

What a time to be alive, wenn es um Mode geht. Mode wandelt sich vor unserem Auge und wir erleben es hautnah, wie ein Topf voller kochendem Wasser, das jeden Moment zu überlaufen droht. In Wien ist diese Euphorie allerdings nicht wirklich spürbar, obwohl die österreichische Hauptstadt bereits mit einer eigenen Fashion Week zu einer Modemetropole zählt. Oder ist das alles nur Show?

# Sind wir in 2017 oder 2000?

Schaut man sich auf Wiens Straßen und diversen Streetstyle-Blogs um, kommt man um ein Naserümpfen nicht herum. Der Kalender sagt 2017, doch Wiens Straßen sagen 2000. Um die Jahrtausendwende war jeder Mensch auf diesem Planeten stilbefreit. Es war, als hätte sich die Modeindustrie nach ihrer harten Arbeit in den 20er, 50er, 60er, 70er, 80er und 90er Jahren endlich beschlossen, dass es an der Zeit für eine Verschnaufpause wäre. Also gönnte sie sich ein Jahrzehnt Urlaub. Cropped Poloshirts in Pasteltönen waren dank Marissa Cooper aus O.C. California der Trend schlechthin. Dann kamen Ed Hardy Shirts, Abercrombie Hoodies und Jeans die so tief sitzten, dass man bald nichts mehr zu verdecken hatte. Geht man durch Wiens Straßen, ist dieser seltsame "Ich peppe meine Basic-Teile auf"-Trend noch immer da, obwohl das Jahr 2000 schon 17 Jahre her ist.

# Harte Worte, Herr Lust

Selbst Markus Lust wird nicht schlau daraus. In einer Stadt, die vor Kultur, Geschichte und Kunst strotzt, also all das, was Mode in einem vereint, ist die Zeit im hässlichsten Modejahrhundert stehen geblieben: "Der gemeine Wiener zeichnet sich dadurch aus, dass er zielsicher das stilistisch verbrecherischste Einzelstück findet, mit zehn Jahre alten, metallic-blau gestreiften Asics kombiniert (»Die sind noch gut, damit bin ich nur drei Jahre gelaufen!«) und das Ganze mit einer farbenfrohen Hose mit Lederapplikationen auf den Gesäßtaschen abrundet." Harte Worte von Herrn Lust.

In Wien interessiert sich kaum jemand für das, was er tägt. Diese lässige "Ich gebe nichts auf mein Aussehen"-Mentalität ist so tief in den Köpfen verankert, dass nicht einmal eine Übersetzung des Wortes "underdressed" im Wörterbuch existiert. Pons sagt: "zu einfach gekleidet". Diese Übersetzung ist mindestens genauso befriedigend wie der Wiener Modestil.

# "I don't care"-Look nach Vetements

Sich so zu kleiden, als hätte man keinen Gedanken an sein Outfit verschwendet, ist momentan der Hit. Begonnen hat das in Berlin, so wie alles, was cool ist. Das französische Label Vetements unter Gründer, Demna Gvesalia, der nun auch Creative Director bei Balenciaga ist, hat dies zu seiner Verkaufsstrategie gemacht und begann, gelbe DHL Shirts und blaue Ikea-Säcke als die Trendteile schlechthin zu vermarkten. Was sagt mehr "Ich gebe nichts auf mein Äußeres" als ein Ikea-Sack als Uni-Tasche? Allerdings ist dieser "Ich sehe aus als hätte ich in meinen Sachen geschlafen"-Look Absicht und sieht sogar stylish aus. In Wien ist es weder das eine noch das andere.

Das findet auch Autor Markus Lust:"Tatsächlich gibt es in Wien eine ziemlich erstaunliche Dichte an Shops, die nahelegen würde, dass in Wien alle i-D lesen und sich komplett bei Hendrik Vibskov einkleiden. Solche Leute gibt es natürlich - nur sind es meistens skandinavische Touristen. Ansonsten ist Wien ein Loch aus absoluter Stillosigkeit."

# Die Macht der Modeblogger

Doch eines hat sich in den letzten Jahren getan. Mode- und Streetstyleblogger sprießen wie Unkraut aus dem Boden und holen das Modepotential aus der verschlafenen Metropole. Timo von "The Cosmopolitas" hat zu Wiens Stilbefreitheit harte Worte, die gleichzeitig auch zu einem positiven Rückschluss führen:"Mode ist einer der wenigen Punkte, bei denen sich eine Ähnlichkeit zwischen meinem Heimatdorf und Wien herstellen lässt. Auch wenn Wien in der Einwohnerzahl fast 300x größer ist, denke ich oft daran, wie ähnlich sie in Sachen Mode eigentlich sind. Man beschließe z.B., mit einem Schuhpaar die "Öffentlichkeit" zu betreten, das es NOCH nicht in jedem Schuhladen gibt, wird man sowohl in meinem Dorf, als auch in der "Metropole" Wien so gemustert, als wäre man gerade vom Mars gelandet. Ausländer in Sachen Stil könnte man meinen. Das Positive daran, dass WienerInnen im Vergleich zu anderen Großstädten den schlechtesten Modestill haben, ist die Tatsache, dass man schnell zum Trendsetter gekürt wird."

Auch Sara, Timos Bloggerkollegin, sieht es genauso: "Dass Wien eine Stadt ist, die nicht gerade viel mit Fashion am Hut hat, wurde mir erst dann klar, als selbst ich anfing, mich mit dem Thema mehr zu befassen. Als Fashionbloggerin schaue ich mich immer auf den Straßen um und suche nach Inspirationen für meine Outfits. Sehr inspirativ sind die Straßen Wiens jedoch nicht gerade, weswegen ich doch lieber auf Pinterest oder Instagram unterwegs bin. Um ehrlich zu sein, verstehe ich nicht gerade, woran das liegen könnte. Vielleicht finden WienerInnen andere Sachen einfach wichtiger als die Mode. Wer weiß? Was mich jedoch sehr stört ist, dass man in der U-Bahn wie ein Außerirdischer angeschaut wird, sobald man ein bisschen aus der Masse heraussticht."

Wie seht ihr das? Ist Wien modetechnisch top oder flop? Postet sie uns in den Kommentaren oder schreibt uns mit Hashtag #City4U auf Facebook, Twitter oder Instagram!

Márcia Neves
Márcia Neves

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