15.04.2017 12:59 |

Neuer Trend bewegt

#Girlpower: Gemeinsam durch dick und dünn

Instagram und Co. gaukeln uns überwiegend eine heile, scheinbar perfekte Welt vor. Doch der Schein trügt, bekommt Risse - einigen mutigen Frauen sei Dank. Ungeschönt und unretuschiert kämpfen diese unter Schlagworten wie "bodypositivity" oder "bopowarrior" im Rahmen der Body-Positivity-Bewegung für mehr "Selbst": Selbstbestimmung, Selbstliebe und (Selbst-)Bewusstsein. Und sie wollen wahrgenommen und akzeptiert werden. Ihre Botschaften machen Millionen Frauen Mut - und immer mehr werden Teil dieser Bewegung.

Connie, Megan und Marcela sind nur einige jener Frauen, die sich ungeschönt und offen auf Instagram und Co. präsentieren. Sie zeigen sich nicht nur in jenen Momenten, die man gerne in sozialen Netzwerken teilt, sondern präsentieren sich oft auch verletzlich, traurig und voller Selbstzweifel - eben in allen Stimmungen, denen man im wahren Leben ausgesetzt ist. Dadurch werden sie zum Vorbild für Millionen Mädchen und Frauen. Depressionen, Ängste und Zweifel, Cellulite, Essstörungen und vieles mehr - kein Thema betreffend Körper und Geist ist diesen Vorreiterinnen zu unangenehm oder zu heikel. Es gibt kein Problem, dem man mit Girlpower nicht beikommen könnte, kein Tabu, über das nicht gesprochen werden darf. Wir haben eine dieser bemerkenswerten Frauen zum Gespräch gebeten (siehe unten).

Connie I., Besitzerin des Instagram-Accounts my_life_without_ana (Mein Leben ohne Anorexie), beglückt ihre rund 63.000 Follower fast täglich mit inspirierenden Botschaften. Die kurzhaarige, hübsche Engländerin litt an Magersucht, kämpft nach wie vor mit der Essstörung und bezeichnet diese unter anderem als "schrecklich" und "trügerisch". Damit verbundende Ängste, Sorgen und Hoffnungen, aber auch Rückschläge und Erfolge macht sie öffentlich, in allen Nuancen ihrer Befindlichkeiten. Beinahe ein Tabu, ist Instagram doch hauptsächlich bunt, "happy" und unbeschwert.

"Ich bin eine Kämpferin! Ich bin ein Star!"
Connie ist unzählige Male geheilt worden und wieder rückfällig geworden, hat ihren Körper "gehasst" und sich gequält, psychisch und körperlich. "Ich habe meinen Körper verletzt", schreibt sie, "ich habe unermesslichen Schaden hinterlassen."

Vor wenigen Wochen schrieb sie an ihre Follower: "Ich vergesse immer, dass ich letztes Jahr um diese Zeit in der Hölle war. Ich wurde zwangseingewiesen, hing am Tropf und hasste meinen Körper mehr, als ich je für vorstellbar gehalten hatte [...]. Ich kann nicht glauben, dass ich es geschafft habe. Ich kann nicht glauben, dass ich mich von einem Mädchen, das es so vor seinem Körper gegraut hat, dass es nicht duschen gehen wollte, in eines verwandelt habe, das sich vor Tausenden Followern präsentiert!"

Ihre Vergangenheit verdränge sie nicht. "Es ist ein Teil von mir und ein Teil dessen, was mich heute ausmacht. Zu allen, die sich hoffnungslos fühlen, die keinen Ausweg sehen, sprecht mir nach: Ich bin eine Kämpferin! Ich bin ein Star! Ich bin schön! Ich bin stahlhart! Nach allem, was ich durchgemacht habe, schaffe ich ALLES! Ich bin bereit!"

"Das Leben ist kein gerader Pfad, Menschen machen Fehler"
Connie begeistert mit Botschaften wie diesen Tausende Follower, die allermeisten von ihnen sind wohl Frauen. Sie hat keine Hemmungen, ihre Selbstzweifel, Versagensängste und andere negative Stimmungen öffentlich in Wort und Schrift auszudrücken. "Diese Woche fühle ich mich wie eine Betrügerin [...]. Ich fühle mich nicht wie eine Body-Positivity-Göttin." Und weiter: "Die letzten paar Tage waren die schwersten der letzten Jahre [...]. Diese Woche habe ich meine Freunde verloren, das Vertrauen meines Partners, die Liebe zu mir selbst [...]. Ich sage das nicht, weil ich um Sympathie oder Aufmerksamkeit bettle. Ich erzähle es, um euch zu zeigen, wie WAHRE GESUNDUNG (Recovery) aussieht [...]. Sie verläuft nicht linear. Das Leben ist kein gerader Pfad, Menschen machen Fehler." Ein öffentliches Tagebuch, und jeder Eintrag bekommt Tausende Likes und Kommentare.

Girlpower abseits einer Welt, in der Cellulite keinen Platz hat
Mit solchen Postings steht Connie im krassen Gegensatz zu jenen Instagram-Usern, die uns eine Welt vorgaukeln wollen, in der Cellulite, Selbstzweifel etc. keinen Platz haben. Connie hat keine Angst davor, ihre Makel und die gesamte Palette ihrer Gefühlswelt zu zeigen, sie ermutigt andere Frauen, es ihr gleichzutun. Es ist schwer, sich für ein Bild von ihr zu entscheiden, fast überall besticht sie mit ihrem einnehmenden Wesen, dem bezaubernden Lächeln und ihrem wachen Blick. "Ich bin ein dünnes weißes Mädchen in der Body-Positivity-Community", schreibt sie auf Twitter, "Ich habe eine Menge Privilegien. Aber ich werde niemals jemanden vorsätzlich ausschließen!" Und: "Manche Tage sind härter als andere. Aber selbst die schwersten Tage dauern nur 24 Stunden."

Megan J. Crabbeist mittlerweile eine richtige Berühmtheit auf Instagram. Mehr als 719.000 Abonnenten folgen der 23-Jährigen, die ebenfalls an Anorexie litt. 2011 wog sie nur noch 40 Kilogramm - und fand sich zu dick. Mit Unterstützung ihres Vaters gelang es ihr, wieder zu essen. Nach und nach nahm sie zu - bis sich ihre Magersucht in eine Binge-Eating-Störung, die sich durch unkontrollierbare Fressanfälle äußert, verwandelte. Heute zeigt sie sich selbstbewusst, schreibt über den langen, noch andauernden Genesungsprozess, die Irrungen und Wirrungen des Alltags und warum es gut und okay ist, wenn Frauen so sind, wie sie eben sind.

"Es ist keine Schande, nicht okay zu sein"
Megan schreibt: "Ich habe gelernt abzunehmen, meinen Körper zu hassen, ich habe gelernt, dass dünn zu sein der einzige Weg ist, schön und glücklich zu sein. Es hat mich eine LANGE Zeit gekostet, diese Lektionen wieder zu verlernen. Und ich plane, diese so vielen Menschen zu zeigen, wie ich kann, damit diese sie ebenso verlernen können. Ehrlich? Wir alle verdienen so viel mehr als das, was man uns gelehrt hat zu sehen."

Doch auch Megan zeigt sich in ihren dunklen Momenten - auch wenn es sie Überwindung kostet, wie sie auf Instagram zugibt: "Auf der rechten Seite sieht man mich nach einer Panikattacke, die mich zu Boden geworfen hatte und mir alle Farbe aus dem Gesicht weichen ließ. Nachdem ich wieder zu Atem gekommen war, starrte ich in den Spiegel und redete mir ein, dass nichts, was ich tat, gut genug sei. Ich fragte mich, warum Ben vielleicht mit mir zusammen sein wollte, ich dachte, wie hässlich mein Gesicht wäre, und ich ließ meinen Ängsten freien Lauf. Nach zehn Minuten entschied ich mich dazu, dieses Foto zu machen. Ich sagte mir, dass ich es posten und euch erzählen würde, dass es keine Schande ist, nicht okay zu sein. Und meiner Angst sage ich dasselbe."

"Wir sind alle Schwestern und sollten uns vereinen!"
Unter Hashtags wie "bodypositive", "bodypositivity" oder "bopowarrior" ist auch Marcela Sabiá aktiv. Die brasilianische Grafikerin bezeichnet sich selbst als "Body-Positivity-Botschafterin" und erreicht mit ihren Botschaften auf Instagram bis zu 20.000 Follower. Wir haben die 26-Jährige, die in Sao Paulo lebt und Marketing studiert hat, um einige Antworten gebeten, die man sich angesichts der "BoPo"-Bewegung stellt.

"Krone":Marcela, mit welcher Motivation nehmen Sie an der Body-Positivity-Bewegung teil?
Marcela Sabiá: "Ich denke, das rührt daher, dass ich selbst immer sehr darum gekämpft habe, ein gutes Selbstbewusstsein zu haben. Ich weiß, wie schwer es sein kann, sich selbst zu lieben. Also wollte ich mitwirken und dazu beitragen, andere Menschen zu ermutigen.

Haben Sie ein persönliches Vorbild?
Nein. Ich werde von allen Mädels, die auch Teil der "BoPo"-Bewegung sind, inspiriert. Jeder Körper und jede Geschichte lehrt mich etwas.

Welche Botschaften wollen Sie anderen Frauen mitgeben?
Wir sollten mehr Liebe haben, für uns selbst und andere. Wir müssen freundlicher sein und weniger verurteilend. Leben und leben lassen.

Welche Reaktionen erhalten Sie auf Ihre Grafiken und Botschaften?
Hauptsächlich erhalte ich schlichtweg großartige und extrem positive Rückmeldungen. Ich bekomme viele Dankesnachrichten. Viele bedanken sich für meine Unterstützung oder dafür, dass ihnen meine Arbeit dabei hilft, selbstbewusster zu sein. Zu gewissen Themen werden auch Machosprüche oder beleidigende Kommentare gepostet, aber diese stammen nie von meinen Followern.

Möchten Sie uns abschließend noch etwas sagen?
Frauen und Menschen im Allgemeinen sollten ihre Gedanken mehr öffnen. Sie sollten Dinge hinterfragen und über die Dinge, die wir seit der Kindheit lernen, nachdenken - wie sehr sie uns auch bedrücken. Brechen wir das Stigma, dass Feministen Männer hassen, es ist Gleichheit, worüber wir sprechen. Wir sind alle Schwestern und sollten uns vereinen!

Die Themen Körper und Gewicht, Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie (Selbst-)Akzeptanz spielen für (junge) Frauen - und auch Männer - gewöhnlich eine große Rolle, on- und offline. Aus diesem Grund widmet sich dieser Artikel vorrangig diesem speziellen Aspekt der komplexen Body-Positivity-Bewegung.

Mara Tremschnig
Mara Tremschnig

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