Mi, 15. August 2018

"Krone"-Rezension

13.01.2017 12:49

Sohn: Selbstfindungsprozess mit Beats und Bässen

Nach seinem Sensationserfolg "Tremors" wurde der einstige Wahl-Wiener Christopher Taylor alias Sohn durch die ganze Welt gereicht. Erfolge als Produzent, Songschreiber und Musiker hielten sich die Waage - die größten Weltstars vertrauten auf den Input des Londoners. Privates Glück und berufliche Weggabelungen verschlugen Sohn dann nach Kalifornien, wo er schließlich wieder zu sich selbst fand und mit "Rennen" die musikalische Welteroberung anstrebt.

Sonne, Wärme, ein entspannter Lebensstil, Glamour, Stars und allerorten Musik - es lässt sich durchaus nachvollziehen, warum der Brite Christopher Taylor nach seinem mehrjährigen Wien-Aufenthalt eine Stadt mit enorm hoher Lebensqualität gegen die freiheitsverheißende Umgebung in Nordkalifornien eingetauscht hat. Wien hat den Klangkünstler aus London geprägt, hier konnte er sich von seiner alten Band Trouble Over Tokyo emanzipieren und als Sohn zur wichtigen Fußnote im modernen Elektronikpopsegment reifen. Doch eine neue Liebe, eine Hochzeit, ein Kind und das für eine musikalische Weltkarriere zweifellos gewinnbringendere Umfeld haben den sympathischen Musiker über den großen Teich getragen.

Versteckter Weltstar
Mit seinem Sohn-Debütalbum "Tremors" katapultierte sich der Shooting-Star von null auf hundert in die Champions League. Mehr als 60 Millionen mal wurden die verschiedenen Songs gestreamt, die Festival-Veranstalter rissen sich um den Klangkünstler und innerhalb von nur zwei Jahren tourte Sohn dreimal um den gesamten Erdball. Noch viel mehr als Künstler im Rampenlicht, war er Produzent und Songschreiber im Hintergrund. Weltstars wie Rihanna, Lana Del Rey, Banks oder Kwabs können davon - wortwörtlich - ein Lied singen. Wie Maschinengewehrsalven schlugen Anfragen bei ihm ein und wer kann bei solchen Kalibern schon nein sagen? Neben einem steigenden Bekanntheitsgrad nach außen und hart erarbeiteten Respekt in Musikerkreisen, kam die Rückbesinnung auf sich selbst zu kurz. Eine gewisse Art von Rastlosigkeit hatte sich in Christopher Taylors Leben geschlichen.

Sohn musste sich endlich zurücklehnen, abschalten, Luft holen, durchatmen. "Ich habe mich dann im Norden Kaliforniens mit jedem Teil meines Equipments eingeschlossen und verbrachte einen Monat in der Abgeschiedenheit, um endlich neue Songs zu schreiben." Im Gegensatz zu ihm selbst hatten die Fans nicht auf Sohn vergessen, sie verlangten Neues und nach einer gefühlten Ewigkeit des Wartens konnte er es ihnen endlich wieder geben. "Rennen" nennt sich das Zweitwerk Taylors, das den passionierten Hutträger einerseits gereift, andererseits aber so hungrig wie eh und je zeigt. Wie der Titel aussagt, hat Sohn den Kontakt zu seiner deutschsprachigen Vergangenheit nicht aufgegeben - nur eine von vielen Brücken, der er zu seinem Alter Ego aus der Vergangenheit schlägt. Denn trotz all der Rastlosigkeit dazwischen war es Sohn ein Anliegen, niemals seine musikalischen Wurzeln zu kappen.

Tanzflächen-Inferno
Auf "Rennen" glänzt vor allem die erste Albumhälfte mit ausgereiftem Songwriting und spannendem Ideenreichtum. Der Opener "Hard Liquor" ist geprägt von elektronischem Gekloppe und Sohns eindringlicher Stimme, der auf dem gesamten viel stärker in den Vordergrund setzt als in der Vergangenheit. Die träumerischen Soundkaskaden erfreuen mit ihrer intensiven Detailverliebtheit auch noch frühmorgens auf sich leerenden Tanzflächen. Mit dem R&B-lastigen "Conrad" gelingt ihm schon früh das Album-Highlight, für das er sogar Küchen- und Haushaltsgeräte zu Percussion umfunktionierte. Absolute Höhepunkte sind auch das zart-flackernde "Primary" und der balladeske Titeltrack, auf dem sich Sohns Stimme markant in den Vordergrund stellt.

Dazwischen tobt sich Sohn gerne stilübergreifend aus. Dubstep-Einsprengsel koalieren geschwisterlich mit sanften Soul-Anleihen, humane Gefühlsregungen obsiegen über die weitflächige, maschinelle Technik, die den Sound des innovativen Künstlers zu seiner ganz eigenen Melange gedeihen lässt. Mit Verve und Präzision läuft Sohn einem neuen Karriereabschnitt entgegen und darf sich dabei durchaus mit dem internationalen Genre-Wunderkind James Blake messen. Dass er seine Texte dabei immer wieder politisch formt, lässt ihn nur noch offensichtlicher aus dem Wulst hedonistischer Alternative-Charts-Musiker herausstechen. Filigraner Electro-Soul-Pop darf schließlich auch kritisch sein - und wir folgen diesem Weg gerne.

Ausverkauft in der Arena
Sohn spielt am 13. Februar live in der Wiener Arena. Das Konzert ist bereits restlos ausverkauft.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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