Sa, 22. September 2018

"Krone"-Interview

21.12.2016 14:06

John Grant: "Will kein arrogantes Arschloch sein"

John Grant ist ein geborener Kosmopolit. Der in Colorado aufgewachsene Autodidakt verdingte sich unter anderem als Krankenhausdolmetscher und Kellner, bevor er 2010, im Alter von 42 Jahren den musikalischen Durchbruch schaffte. Im Interview mit der "Krone" glänzte der sympathische Alternative-Rocker mit Hang zu elektronischen Klangkaskaden nicht nur mit perfektem, akzentfreiem Deutsch (er spricht fünf Sprachen perfekt), sondern erzählte auch über seine dunkle Vergangenheit als Heroinabhängiger und seinem Leben mit der HIV-Erkrankung.

"Krone": John, es ist jetzt mehr als ein Jahr her, dass du dein drittes Soloalbum "Grey Tickles, Black Pressure" veröffentlicht hast. War es auch klar dein persönlichstes?
John Grant: Das weiß ich nicht. Ich sehe alle meine Alben als gleich an. Bei dieser Platte habe ich erstmals versucht, andere Sachen zu thematisieren, die mit mir überhaupt nichts zu tun haben. Bei "Black Blizzard" geht es etwa um die Dust Bowl im Mittleren Westen der USA. Mich hat eine Dokumentation tief beeindruckt und ich wollte darüber schreiben, auch wenn der Text besser sein könnte. Es war aber wohl nicht die persönlichste Platte, sondern sie entspricht einfach mehr meiner Persönlichkeit. Das Schwanken zwischen den Stilen gibt meinen Alltag ziemlich gut wider. (lacht)

Du besingst darauf nicht nur deine Vergangenheit, sondern auch allgemeinere Themen wie die Liebe und das Leben. Brauchst du dieses Zwischenspiel zwischen dunklen und hellen Momenten?
Ich denke schon, weil es der Wirklichkeit entspricht. Das Leben ist ja auch vielseitig. Es geht nicht immer um traurige Themen, sondern ich baue auch lustige Sachen ein. Selbst wenn man an Lungenkrebs stirbt hat man Momente, wo man lacht oder sich mal kurz des Lebens erfreut. Jeder Tag ist anders und daher finde ich, dass so eine Platte perfekt dazu passt.

Du wurdest als Kind in deiner Heimat Colorado wegen deiner Homosexualität gemobbt, bist später in die Alkohol- und Drogensucht abgerutscht und hast dich vor einigen Jahren mit HIV angesteckt. Ich finde es beeindruckend, dass du mit all diesen Themen stets offensiv an die Öffentlichkeit gegangen bist. Hattest du niemals Angst, verletzt zu werden?
Ich war verletzbar, als ich selbst nicht mit mir fertigwerden konnte. Ich habe aber nichts zu verbergen und brauche mich für nichts zu schämen. Wenn du irgendwelche Geheimnisse in dir verbirgst, kann man dir wehtun - ist man offen und scheut nicht vor der Wahrheit zurück, dann kann einem wenig passieren. Was können mir die Leute sagen? Wir finden das ätzend, dass du deine Vergangenheit nach außen trägst? Gut, dann hör einfach weg. Die Leute, die das interessiert, mit denen möchte ich Kontakt haben. Ich versuche durch die Songs an der Gesellschaft teilzunehmen. Es ist meine Art und Weise, in dieser Welt zu leben. Wenn die Leute merken, dass du merkst, dass du einfach einer aus acht Milliarden Menschen bist und nicht mehr oder weniger wert, dann kann man diese Songs als anthropologisches Beispiel, als Beobachtung nehmen. Wir machen alle sehr ähnliche Sachen durch. Jeder hat Schwierigkeiten im Alltag, macht Fehltritte und muss sich mit dem Tod befassen. Jeder hat Dinge, die man nicht ändern kann und man muss einfach lernen, Sachen loszulassen, die man nicht ändern kann.

Gab es einen zündenden Funken, einen bestimmten Moment, wo du wusstest, du musst jetzt von diesen Süchten loskommen?
Ich fing an, nachts Straßenschilder anzufahren und dachte mir dann, irgendwann wird das ein Kind sein. Das ist aber auch eine Gabe vom Himmel, das überhaupt einsehen zu können. Bei mir hat das irgendwie geklappt. Ich hatte auch eine Menge Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, die man zum Glück heilen kann. Ich habe Sex wie eine Droge behandelt, als Flucht vor mir selbst und habe mir durch dieses Verhalten HIV eingehandelt. Da war ich aber schon clean und weg von den Drogen. Aber offensichtlich wollte ich unbedingt ein zerstörerisches Verhalten für mich behalten. Wenn ich schon Drogen und Alkohol aufgeben muss, dann behalte ich halt den Sex für mich und war HIV-positiv. Ein wirklich toller Einfall von mir. Das war dann der Punkt wo ich sagte, ich muss damit aufhören, mit meinem Leben so umzugehen, als sei ich nichts wert. Ich musste verstehen, warum ich so ticke, warum ich mich so wertlos behandelte. Ich arbeite noch heute daran und man lernt nie aus. Ich glaube, daran arbeite ich auch den Rest meines Lebens. Das lohnt sich, weil man dadurch gesunde Beziehungen mit Leuten eingehen kann. Wenn man sich selbst liebt, kann man auch andere lieben und sich für andere Opfern. Ein selbstloses Leben ist eine gute Sache. Ich will kein arrogantes Arschloch sein, dem alles scheißegal ist.

Vor einigen Jahren bist du wegen deines aktuellen Lebenspartners nach Island gezogen. Hilft diese abgeschiedene Umgebung, um leichter zu dir selbst zu finden, mit Dingen ins Reine zu kommen?
Ich glaube schon, dass mir diese Umgebung und Landschaft gut bekommt. Hier fehlen einfach viele Menschen und das tut mir gut. Am Ende wird man aber überall mit denselben Problemen konfrontiert, man muss sie lösen und besiegen. Du kannst nicht davor flüchten. Ich hatte sicher oft einmal Schiss und bin vor etwas davongelaufen. Eine Beziehung nahm mich so mit, dass ich darüber zwei Platten schrieb. Ich habe das als Versagen betrachtet und wollte weg. Es ist aber auch okay, eine neue Kultur und Sprache kennenzulernen und ich habe auch nicht wieder angefangen zu trinken oder Drogen zu nehmen. Dieser Tapetenwechsel ist also nicht so ungesund. In Orten wie meiner Heimatstadt Denver habe ich schon noch Dinge zu verarbeiten. Ich habe dort für mich viel Schlimmes, wie den Tod meiner Mutter oder die Unfähigkeit zu lieben, erfahren. Dort zu sein ist nicht immer angenehm.

Du hast aber die Möglichkeit, furchtbare Orte deiner Vergangenheit zu meiden.
Ja, aber man kann auch neue Erinnerungen mit neuen Leuten erschaffen. Du kannst gewisse Sachen nicht ungeschehen machen, aber du kannst wieder hinfahren und für dich selbst neue Erinnerungen schaffen. Natürlich fällt mir so etwas nicht leicht, aber man geht langsam voran.

Du bist eine Art Kosmopolit. Als jemand, der schon in den unterschiedlichsten Ecken der Welt wohnte - wie definierst du ein Daheim?
Da wo man selbst sein kann. Es gibt viele tolle Orte mit vielen tollen Leuten und vielen Arschlöchern. Das ist überall gleich. (lacht) Ich fühle mich natürlich am wohlsten, wo ich geboren bin, weiß aber nicht, ob das nicht eine Art von Vergangenheitsverherrlichung ist. Damit meine ich meine Kindheit, die nahezu perfekt war, aber dann fingen auch die Probleme und das Mobbing an dem Ort an. In Denver wohnt aber auch meine Schwester und dort fühle ich mich wohl. Einfach in ihrer Gegenwart sein ist für mich zuhause sein, weil wir uns wirklich bis ins Tiefste verstehen. Ich könnte mich überall wohlfühlen, es kommt immer auf die Leute und die Umgebung an.

Aus künstlerischer Perspektive ist deine neue Heimat Island aber wohl der Worst Case, denn es ist wohl kaum wo kostspieliger als von Island für Konzerte aufs Festland zu fliegen.
Das ist gar nicht so schlimm. Island liegt in der Mitte von allem und es gibt nur wenige Jahreszeiten, wo die Flüge viel teurer sind. Ich kriege aber genug Rabatt, weil ich für Hunderte Flüge bezahle und auch immer viele Leute dabei habe.

Du bist aber eher ein Reisender und kannst per se nicht sagen, ob Island jetzt zu einem dauerhaften Lebensmittelpunkt wird?
Ich versuche immer, mir wo ein kleines Nest zu bauen und will dann woanders hin. Ich habe aber seit mehr als drei Jahren meinen festen Freund und der ist an diesen Ort gebunden. Es stört mich also nicht, wenn wir hier eine Zeit lang bleiben müssen. Er ist für mich wichtig, ich für ihn und außerdem kann ich meine Isländisch-Sprachenkenntnisse und meine Freundschaften vertiefen. Ich könnte mir aber auch vorstellen, wieder in den USA zu leben - auch wenn Trump gewann.

In diesem Sinne bist du aber nirgends mehr in Sicherheit gebettet, denn auch in Europa rückt vieles nach rechts.
Das ist überall so, aber man kann überall seine Leute finden, zu denen man passt. Ich wollte immer Russland kennenlernen, aber das ist für einen schwulen Menschen sehr harte Kost. Dort muss man sich einiges gefallen lassen mit den Gesetzen. Ich kann damit schwer umgehen, aber auch dort gibt es viele tolle Menschen und tolle Orte, die ich nie kennenlernte, weil ich immer Angs verurteilen. Das gleiche gilt für die USA. Wenn man schon mal dort war weiß man, dass es viele intelligente Leute gibt, die sich für andere Kulturen und Sprachen interessieren. "White Trash" gibt es aber auch auf Island, in Österreich oder Deutschland. Von daher kann ich mir vorstellen, überall zu leben. Wien ist eine wahnsinnig edle Stadt und eure Sprache ist unglaublich interessant. Österreichisches Deutsch finde ich sehr interessant, ganz zu schweigen von den vielen Dialekten. Mir wurde gesagt, dass ich vom Mostviertlerisch wahrscheinlich kein Wort verstehen würde. (lacht)

Viele Musiker sagen, dass Kreativität nur durch Schmerz, Leid und Pein entsteht. Du hingegen bist derzeit so ausgeglichen wie nie zuvor.
Schönheit kann auch inspirieren. Ich setze so etwas aber nicht in Frage. Ich will einfach immer besser werden. Ich glaube, dass meine besten Platten noch vor mir liegen. Ich will mehr dazulernen und weitermachen. Mir macht nach wie vor alles großen Spaß und vielleicht ist es auch ein Vorteil, wenn man weniger Schmerz hat. Sollte das nicht so sein, dann mache ich eben was anderes. (lacht) Deutsche oder russische Grammatik unterrichten, das könnte ich auch sehr gut. Isländisch wäre schwieriger. Um die Sprache perfekt zu können, braucht man sicher zehn Jahre.

Schreibst du schon an neuen Songs, kann man mit deinem vierten Album rechnen in absehbarer Zeit?
Ich machte mir Gedanken, in welche Richtung es gehen soll und begann damit, Texte zu schreiben und auf dem Computer Skizzen aufzunehmen. Ich werde 2017 sicher hart daran arbeiten, aber ich glaube, der Veröffentlichungstermin wird eher Anfang 2018 sein. Das klingt nur sehr krass, weil es so weit entfernt liegt. Es ist ein Albtraum, wie schnell die Zeit vergeht.

Weißt du auch schon, in welche Richtung du textlich und inhaltlich gehen wirst?
Es werden einfach Beobachtungen aus dem Alltag sein. Liebeslieder und so manch melancholische Sachen werden sich vermischen, das kann ich recht gut und mag es gern. Es wird schon ähnlich wie das Bisherige sein, aber es könnte durchaus sein, dass ich noch mehr Dinge von außen thematisiere, anstatt in mir selbst zu bohren. Ich bin derzeit etwas ruhiger und habe nicht so viel zu sagen, was mich betrifft. Es gibt Millionen von Inspirationsquellen und man muss nur im richtigen Moment die Augen öffnen und entscheiden, ob man das Angebotene auch umsetzen will.

Gibt es noch weitere Bereiche aus deinem eigenen Leben, die du verarbeiten möchtest?
Vielleicht meine Zeit in Deutschland, das könnte ich mir gut vorstellen. Ein Album in einer anderen Sprache wäre auch sehr interessant. Vielleicht etwas in Russisch oder Isländisch. Ich glaube, das muss ich machen, aber ich habe Angst davor, das nicht perfekt zu machen. Da muss man aber einfach durch.

Du warst auch ein Teil der neuen Platte von Robbie Williams - wie kam es eigentlich zu dieser Kooperation?
Er sah mich im Fernsehen, als ich in Glastonbury aufgetreten bin und hat durch einen gemeinsamen Bekannten meine Mailadresse bekommen. Er hat mir dann einfach geschrieben und daraus entstand eine Art Brieffreundschaft. Wir haben uns ziemlich gut verstanden und merkten, dass wir so einiges gemeinsam haben. Ich mag ihn einfach als Mensch. Er ist gut drauf und hat viel Mitgefühl und kann vieles nachvollziehen, weil er selbst vieles durchgemacht hat mit seinem Ruhm und seinem Leben. Ich würde ihn auf jeden Fall als Freund bezeichnen. Guy Chambers und er haben mich dann gefragt, ob ich nicht ins Studio kommen möchte, was mit denen zu machen und da habe ich sofort zugesagt. Ich war damals sowieso in Los Angeles und bin gleich zu ihnen und habe dann mit ihnen was kreiert.

Würde dich diese Art von überbordendem Ruhm, die Robbie Williams zuteilwird, verängstigen?
Ich denke, diese Art von Ruhm wird mir nie zuteilwerden, aber ich denke schon, dass das sehr angsteinflößend sein kann. Ich glaube nicht, dass mir diese Popularität gut bekommen würde, aber darüber muss ich mir wohl keine Gedanken machen. (lacht)

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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