Mi, 14. November 2018

Geyrhalter-Film

02.11.2016 12:00

"Homo Sapiens": Dieser Film braucht keine Worte

"Ohne Dialog" steht im Programm. Da, wo sonst die Sprache angeführt ist, in der ein Film gedreht wurde. "Homo Sapiens" (Kinostart: 4. November) des Österreichers Nikolaus Geyrhalter kommt 94 Minuten ohne Worte aus. Mehr noch: Geyrhalter zeigt 94 Minuten keinen einzigen Menschen. Nur das, was er geschaffen und wieder verlassen hat.

"Homo Sapiens" kann als Apokalypse gelesen werden: So sieht die Welt aus, wenn es den Menschen eine Zeit lang nicht mehr gibt. Gras bricht durch Asphalt, Gebüsch überwölbt Stahl und Beton, ein Militär-LKW im Wald ist unter seiner Haut aus Moos erst auf den zweiten Blick erkennbar. Doch es sind reale Bilder, offenbar aus der ganzen Welt zusammengetragen: morsche Kühltürme, durch deren Öffnungen Tauben herabstürzen und wieder hinausfliegen, Shopping Malls, über deren staubverkrustete Boulevards der Wind Papierschlangen weht.

Überhaupt, der Wind: In vielen Einstellungen ist er der eindringliche Geräuschmacher. Scharniere alter Schließfächer quietschen, Jalousien vergammelter Krankenzimmer knistern im offenen Fenster, er pfeift über verwehte Bunkeranlagen am Meeresstrand. Mitunter regnet es auch und gibt dem auf den ersten Blick statischen Geschehen zusätzliche Tristesse: Es nieselt durch zerborstene Dächer in Büroräume mit umgefallenen Stühlen und zerschlagenen Scheiben von Großraumbüros, in die pompöse Bar eines früheren Hotels, tropft auf die milchig-trübe Oberfläche eines Höhlengewässers, in das sich vom Eingang her ein Müllberg schiebt.

Geyrhalter agiert mit starren Bildtotalen, es gibt im ganzen Film keinen Zoom, keinen Schwenk. Und doch ist das Ergebnis weit mehr als ein Diavortrag ohne Worte: Denn immer bewegt sich etwas, bäumt sich vergilbtes Papier in einer Ecke auf, schlägt Metall an Metall, knattern Flügelschläge. Lange stehen die Bilder und werden nicht langweilig. Der Zuseher sucht die Einordnung: Gehörten die hunderten herabhängenden, klirrenden Ketten zu einem Industrie- oder einem Sakralbau?

Dass sich Geyrhalter Zeit lässt, gerne mit dem Kameraauge auf unscheinbaren Details verweilt, die ganze Lebensgeschichten erzählen, hat er schon voriges Jahr bei der Berlinale mit seinem Film "Über die Jahre" erkennen lassen. Wer sich auf das Abenteuer der Endzeitbilder von "Homo Sapiens", die Motive in markantem Licht und harmonischen Farben, einlässt, kann sich von ihnen mehr fesseln lassen als von manch atemlos geschnittenem Spielfilm, denn die Ästhetik des Verlassenen, das Schaurig-Schöne des Morbiden regt die Fantasie an.

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