Mi, 17. Oktober 2018

Hin & zurück Kehren

09.08.2016 11:22

Ein Bike, ein Bus und erstaunliche Dolomiten

"'Tataa, wir sind's, die Dolomiten!' Ein bissl aufdringlich sind sie schon", echauffiert sich die Sozia augenzwinkernd eines Tages nach dem ersten Espresso. Tatsächlich schauen die Felsformationen hier anders aus als anderswo, und den täglichen Anblick mächtiger Schönheit schon beim Frühstück muss man erst einmal verkraften. Doch keiner von uns beiden will auch nur eine Minute in der Gegend oder einen Kilometer mit unseren beiden Fahrzeugen - dem Mercedes Sprinter und der BMW R 1200 GS - missen.

Die Kombination aus Transporter und darin verzurrtem Motorrad ist schlichtweg die Königsidee für einen entspannten Biker-Urlaub, auch, aber nicht nur, weil die Gattin nicht selbst am Gasgriff schraubt, sondern ausschließlich Sozia ist. Es ist Luxus, sich beim Gepäck nicht einschränken zu müssen - und stimmungsrettend, im obligatorischen Unwetter bei der (im Sprinter vergleichsweise besonders komfortablen) Anreise trocken zu bleiben.

Nach dem Teil Südtirols westlich der Brennerautobahn letztes Jahr haben wir uns dieses Mal den Teil östlich davon vorgenommen und damit die berühmt-berüchtigte Runde um den Sella, die in keiner Motorradzeitschrift und keinem Führer für Motorradtouren fehlt.

Kein Wunder, denn das Fahrerlebnis sucht mit seiner Kehren- und Kurvendichte seinesgleichen. Wer ein einsames Bergerlebnis sucht, tut sich hier allerdings (zumindest im Hochsommer) deutlich schwerer, denn vor allem Teile der zentralen Sella-Runde haben eher den Charakter eines Freizeitparks oder gar einer Hochschaubahn und stellen eine Art Prater für Motorradfahrer dar. Mitten in einer mit Skiliften und Gondeln lückenlos erschlossenen Gegend herrscht auch im Sommer touristischer Hochbetrieb.

Das war einst ganz anders, als die Einwohner Ladiniens nicht den Mut besaßen, die Landschaften in den Bergen zu erforschen, aus Angst und Respekt vor Geistern wie etwa Salvans und Ganes sowie anderen Wesen, um die sich Sagen und Legenden ranken. Etwa die von dem Prinz, dessen Braut, die Tochter des Mondes, wegen ihrer Sehnsucht nach zu Hause in Lebensgefahr geriet. Da versprach er dem weisen Volk der Salvans Schutz und ewigen Aufenthalt, im Gegenzug spannen diese die Strahlen des Mondes und webten sie zu einem engmaschigen Netz aus Licht und Silberfäden zusammen, um die Felsen mit einem weißen Mondkleid zu überziehen. Daher kommt der Legende nach die besondere bleiche Farbe der Dolomiten, die auch als "monti pallidi", also bleiche Berge bezeichnet werden.

Doch es sind nicht Geister und Wesenheiten, derentwegen man vor allem das Sella- und das Grödner Joch nach den frühen Morgenstunden meiden sollte, sondern die zähe Masse aus Autos, Bussen, Wohnmobilen und Radfahrern. Der Zeitgewinn der BMW gegenüber dem Sprinter ist hier nur marginal. Also stattdessen von Corvara aus besser über den unspektakulären Campolongo-Pass nach Arabba brettern und von dort die Region erobern.

Wir sind mit dem aktuellen Sondermodell der BMW R 1200 GS namens Triple Black unterwegs und befinden uns in bester Gesellschaft. Geschätzt jede dritte Maschine, der wir begegnen, ist eine GS. Kein Wunder, denn etwas Besseres und Vielseitigeres für diese Art des Motorradfahrens wurde einfach noch nicht erfunden. Ihr 125 PS starker Wasserboxer liefert immer und überall genug Drehmoment (maximal 125 Nm) für schaltfaules Fahren, sogar zu zweit bergauf, und selbst über 2000 Meter Seehöhe geht ihm nicht die Luft aus. Nie fühlt sie sich schwer an, nicht nur wegen ihres mit 244 kg vollgetankt relativ geringen Gewichts.

Das semiaktive Fahrwerk bügelt auch üble Verwerfungen so glatt, dass die Sozia kein einziges Mal ein Zügeln der Gashand einfordert und die BMW unbeirrt ihre Linie hält. ASR und ABS regeln superfein. Ein unschätzbarer Gewinn beim Bremsen bergab ist dabei der Telelever, der ein Eintauchen der Gabel verhindert, trotz respektabler 190 mm Federweg. Das bringt Ruhe in Fahrwerk und Gattin, die überhaupt ganz famos sitzt. Der Komfort wird nur noch durch den schwingenden Fahrersitz im Mercedes Sprinter übertroffen. Und natürlich von unserer Ausgangsbasis, dem Moho-Hotel Ciasa Soleil in La Villa.

Das bietet uns hervorragende Küche, Schwimmbad und Wellnessbereich und herzlichen Service - sowie den eingangs erwähnten Blick auf das aus dem Grün aufragende Massiv u.a. mit der Cunturines-Spitze (auf Ladinisch Sas dla Crusc) als höchstem Punkt samt den ersten Kurven, die Richtung St. Kassian und weiter über den Passo Valparola nach Cortina d'Ampezzo führen. Das ist überhaupt die bessere Richtung für den Einstieg in diverse Touren.

Oben mündet der Valparola in den Falzarego, den man durchaus runter Richtung Andraz nehmen kann. Ergiebiger und etwas weniger befahren ist die Strecke weiter Richtung Cortina und dann rechts über den Passo Giau nach Codalonga. Kurz nach der Abzweigung vom Falzarega befindet sich rechts übrigens ein sehr empfehlenswertes Gasthaus.

Beim Kurvencarven kommt zwischendurch sogar Slalom-Feeling auf, als ich mit dem rechten Handguard in einer etwas zu eng genommenen Kurve einen Straßenbegrenzungspfosten abräume. Ohne das Plastikteil hätte der Pfosten wohl die Bremse betätigt.

Nun führt die Tour (entweder über Selva di Cadore oder Colle Santa Lucia) über Arabba hin zum unbedingt zu fahrenden Pordoi-Joch und weiter nach Canazei. Alles relativ unkompliziert ins Navi programmiert. Das anschließende Kurvengeschlängel bin ich an einem Solo-Tag (mit auf Knopfdruck angepasster Federvorspannung) unzählige Male rauf und runter gefahren - eine perfekte Trainingsstrecke. Hat man irgendwann genug davon, geht es weiter über den Fedaia, vorbei am Stausee und dem darüber liegenden Marmolata, dem letzten verbliebenen Gletscher der Region. Hier lässt es sich verkehrsmäßig ganz gut aushalten.

Tagtäglich Kurven und Kehren, das kann ganz schön an die Substanz gehen. In dem Fall ist es wiederum praktisch, einen Transporter dabei zu haben. Wir haben einen Tag in Bozen verbracht, während die GS sicher in der Tiefgarage verwahrt war, neben der alten Yamaha von Hotelier Werner Bernardi, der gerne davon erzählt, wie er in jungen Jahren mit Valentino Rossi die Rennstrecke geteilt hat. Aber das ist eine andere Geschichte. Bozen jedenfalls ist einen Tagesausflug locker wert, vor allem wenn man ausgiebig shoppen möchte (fette Prozente ab Juli). Ein absoluter Lokaltipp für Bozen: der Nussbaumer in der Bindergasse.

Nach dem Pausentag geht uns das Kurvenschwingen schon wieder richtig ab, die nächsten Tage erkunden wir weitere Pässe und Strecken, etwa den Passo Rolle, südlich, oder das Würzjoch, den Passo delle Erbe Richtung Villnöss, das auf Italienisch tatsächlich Funes heißt, mit dem französischen Schauspieler aber nichts zu tun hat.

Hier sind die Straßen schmal und w mehr zu entdecken gibt, abseits von "Trampelpfaden".

Das Absurdeste, was wir entdeckt haben, sind die "Drei Zinnen". Man zahlt 15 Euro, um mit dem Motorrad die Mautstraße befahren zu dürfen, kurvt weit hinauf bis zum Schutzhaus und einer unfassbar schönen Aussicht in ein unglaubliches Bergpanorama - und trifft auf überquellende Parkplätze sowie Wanderwege, die mit Spaziergängern voll sind wie Ameisenstraßen. Wie es halt so ist bei Touristenattraktionen.

Nach zehn Tagen ist es dann tatsächlich genug. Nicht wegen der "aufdringlichen" Dolomiten, die ich einfach nur wunderschön finde. Aber irgendwann ist es genug mit Kehrenfahren. "Kehr-aus", könnte man sagen. Wir verladen die GS wieder in den Sprinter und ab geht's - nein, nicht nach Hause. Statt Richtung Bruneck und Lienz ist erst einmal Udine unser Ziel. Es macht richtig Spaß, wieder mit dem Sprinter zu fahren. Der hat zwar nur vier PS mehr als die BMW (was für so ein großes Gefährt nicht viel scheint), dank seines Drehmoments von 305 Nm ab 1200/min. (das aktuelle Modell 314 CDI hat sogar 330 Nm) tritt er aber höchst kräftig an, sodass wir mit ihm auch auf Pässen sicher kein Verkehrshindernis sind (im Gegensatz zu den Sonntagsfahrern, die erstaunlicherweise die ganze Woche über unterwegs sind). Und wieder sind wir froh um den Laderaum - auch in Udine lässt es sich hervorragend shoppen.

Was bleibt, ist Folgendes: herrliche Erinnerungen an einen großartigen Urlaub; ein weiterer Zugewinn an fahrerischer Routine; die Überzeugung, noch mehr zwischen Südtirol, Trentino und Venezien entdecken zu wollen; die Erkenntnis, dass BMW und Sprinter in ihrem Metier die Besten und damit nicht zufällig Marktführer sind; und eine lange Kreditkartenabrechnung. Aber darüber echauffiert sich die Gattin natürlich nicht, schließlich sind wir nicht nur gut erholt, sondern auch komplett neu eingekleidet. Was sich mit meinen in den zehn Tagen etwas breiter gewordenen Schultern ausgesprochen gut macht.

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