Sa, 18. August 2018

"Krone"-Ombudsfrau

28.11.2015 17:00

Noch eine Umarmung am letzten Weg

Bis zum Jahr 2011 führte Christine Dietmüller gemeinsam mit ihrem Mann ein Kaffeehaus im oberösterreichischen Enns. Seit ihrer Pensionierung widmet sich die ehemalige Geschäftsfrau einer neuen Aufgabe. Sie begleitet ehrenamtlich kranke Menschen auf ihrem letzten Weg.

Pensionsschock war für die 70-jährige Christine Dietmüller nie ein Thema. "Bereits bevor wir unser Kaffeehaus nach 40 Jahren geschlossen haben, habe ich mir überlegt, was ich im Ruhestand machen könnte, um weiter mit Menschen in Kontakt zu bleiben", erzählt die Oberösterreicherin. Ein Gast ihres Cafés machte sie in einem Gespräch auf die ehrenamtliche Tätigkeit als Hospizbegleiterin aufmerksam. Kurze Zeit später entschied sie sich, die Ausbildung bei den Marienschwestern in Linz zu beginnen und erfuhr bei ihrem Praktikum im Landeskrankenhaus Steyr von der neuen Palliativstation mit zwölf Betten. Seit deren Eröffnung im Jahr 2011 engagiert sich Christine Dietmüller dort freiwillig und schenkt einen Tag pro Woche unheilbar kranken Patienten ihre Zeit. Dass sie mit Menschen gut kann, hat die Oberösterreicherin schon in den 40 Jahren als Chefin ihres "Café Christine" bewiesen. Daher fällt es ihr auch auf der Palliativstation nicht schwer, mit Patienten ins Gespräch zu kommen. "Ich versuche am Anfang immer herauszufinden, worüber ich mit den Menschen sprechen könnte. Wobei vor allem das Zuhören besonders wichtig ist".

Niemand sollte alleine gehen
Es sind oft besonders berührende Erlebnisse, die Christine Dietmüller bei der Ausübung ihres Ehrenamts hat. "Ein 60-jähriger, selbstständiger Tischler, der auf der Palliativstation lag, wollte unbedingt noch nach Hause, um sein neues Büro fertig zu stellen. Er fragte mich, warum es ihm nicht mehr vergönnt sei, sein Vorhaben abzuschließen. Ich konnte den Mann nur in die Arme nehmen und mit ihm gemeinsam weinen. Auf manche Fragen gibt es einfach keine Antwort". Aber es kann helfen, wenn jemand da ist, der so etwas mit einem gemeinsam erträgt. Von den Menschen, die sie auf ihrem letzten Weg begleitet, kann auch die ehemalige Geschäftsfrau noch etwas lernen. "Das Wenige ist oft ganz viel. Es sind kleine Dinge, Gesten oder Momente, die das eigene Leben ausmachen und mit denen man Patienten einen positiven Moment in den schwersten Stunden schenken kann". An eine Begegnung erinnert sie sich besonders gern. "Einmal habe ich einige Stunden bei einer sterbenden, 80 Jahre alten Dame verbracht, ihr einfach die Hand gehalten und für sie gebetet. Um die Stille zu erhellen habe ich begonnen, ganz leise Mundart-Lieder zu singen. Plötzlich öffnete die Patientin ihre Augen und hat angefangen das Lied ‚In die Berg bin i gern‘ zu singen. In diesem Moment waren wir beide uns sehr nahe. Ich war davon sehr berührt. Wenige Stunden später ist die Dame verstorben".

"Dankbarkeit ist mein schönster Lohn"
Als Belastung empfindet Christine Dietmüller ihre Aufgabe in keinem Moment. Ganz im Gegenteil. Das Team der Palliativ-Station ist auch eine Kraftquelle für die Mutter eines Sohnes und einer Tochter. "Ich schätze den respektvollen und würdevollen Umgang zwischen Ärzten, Pflegepersonal, Ehrenamtlichen und Patienten. Es wird wertvolle Arbeit geleistet". Mit dem in unserer Gesellschaft noch immer tabuisierten Thema Sterben geht die 70-Jährige sehr offen um. "Ich lebe heute viel bewusster und mache nur mehr Sachen, die ich wirklich gerne und von Herzen mache. Wenn ich alleine weggehe oder -fahre, verabschiede ich mich von meinem Mann immer herzlich und weiß, dass ich zu Hause alles in Ordnung hinterlassen habe". Und obwohl sie ihre Tätigkeit ehrenamtlich ausübt, ist der Lohn für ihre Tätigkeit ein großer. "Zu wissen, einem kranken Menschen vielleicht ein paar schöne Momente bereitet zu haben, ihm einfach beigestanden zu sein oder von einem Angehörigen ein einfaches 'Danke' zu hören, ist einfach viel mehr wert als jede materielle Zuwendung".

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