08.05.2006 16:46 |

Nur nicht hudeln!

Langsamstes Konzert der Welt mit neuem Klang

Wie lange dauert ein richtig langes Konzert? Also, ein wirklich richtig langes! Drei Tage? Eine Woche? Einen Monat? Ein Jahr? Ist ja schon recht lang, aber wirklich lang dauert das langsamste und längste Konzert der Welt: 639 Jahre! Es wird seit knapp fünf Jahren gespielt. Am 5. Mai 2006 wurde der zweite Tonwechsel vollzogen. Begonnen hat alles am 5. September 2001 – mit einer 17-monatigen Pause.

Was klingt wie ein dummer Scherz, ist tatsächlich ernst gemeint. Das langsamste Konzert der Welt findet in Ostdeutschland statt, wo man offenbar richtig viel Zeit hat: in der sachsen-anhaltischen Kreisstadt Halberstadt. Das Musikstück, das zur Aufführung kommt, heißt «ORGAN2/ASLSP» und stammt von dem amerikanischen Komponisten John Cage. «ASLSP» steht für «as slow as possible», eine Partitur für Klavier oder Orgel, vom Komponisten auf vier Seiten notiert. In Halberstadt hat man für die Aufführung des Stückes 639 Jahre veranschlagt. Es ist übrigens kein Künstler beleidigt, wenn Zuschauer vor dem Ende des Konzertes den Saal verlassen. In den nächsten zwei Jahren erklingen jedenfalls die Töne A, C und Fis.

Wie langsam ist langsam?
Vor rund fünf Jahren vertrat der schwedische Organist Hans Ola Ericsson auf einer Tagung von Musikwissenschaftlern die Ansicht, so langsam wie möglich werde von der Physik begrenzt, auf dem Klavier durch das Anschlagen und Verklingen der Töne. Doch Orgeltöne verklingen nicht solange die Bälge getreten werden. Somit kam er zu dem Schluss, so langsam wie möglich bedeute die Lebensdauer einer Orgel.

Aus einer Fachsimpelei unter Experten wurde ein Projekt. Der Berliner Komponist Jacob Ullmann begab sich auf die Suche nach einem geeigneten Raum und stieß dabei auf die Halberstädter Burchardikirche, die, seit sie 1808 von Nonnen aufgegeben worden war, ein trauriges Dasein friste - zuletzt als Schweinestall. Gleichzeitig kam er damit an den Geburtsort der Orgel zurück. 1361 soll hier die größte Blockwerkorgel der christlichen Welt fertig gestellt worden sein, die das Muster aller späteren Klaviaturen vorgibt. Dieses Jahr gibt denn auch die Zeitspanne für das Cage'sche Stück vor: 1361 bis 2000, dem Geburtsjahr des Halberstädter Projektes, entspricht 639 Jahre.

Eine 17-Monats-Pause zu Beginn
Am 5. September 2001, zum 89. Geburtstag von John Cage, begann dann das Stück mit dem Einschalten des Orgelmotors und des Blasebalges. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt noch nichts zu hören. Der Komponist hatte an den Anfang seiner Partitur eine Pause gesetzt. Diese dauerte bis zum 5. Februar 2003. Seitdem ertönt in der Burchardikirche der erste Akkord, ein E-Dur Klang, aus sechs Orgelpfeifen, die sich mit den kommenden und sich im Lauf der Jahrzehnte verändernden Klängen vermehren und zu einer Cage-Orgel aufbauen werden. Für jeden neuen Ton werden neue Pfeifen installiert. Insgesamt soll die Orgel bis zu ihrer Fertigstellung 200.000 Euro kosten.

Tonwechsel nach fast zwei Jahren
Zum Tonwechsel wurde zu Ehren von John Cage in Halberstadt die John-Cage-Akademie feierlich eröffnet. Gründungspräsident und Komponist Dieter Schnebel nahm als erste Amtshandlung und zur großen Abwechslung einen Tonwechsel an der Cage-Orgel vor. Dieser Klangwechsel wurde von zahlreichen Musikexperten und Hörlustigen feierlich zelebriert. Das Konzert ist auf dem Weg, nicht nur zum längsten sondern auch zum berühmtesten Konzert Deutschlands zu werden, da niemand sein Ende erleben wird. Falls auch du diesem musikalischen Meisterwerk lauschen willst, hast du noch bis 5. Juli 2008 Zeit, dann findet erneut ein Klangwechsel statt.

«639 Jahre sind für einen Menschen eine unüberschaubare Zeit», betonte Schriftsteller Kluge. Aber der Mensch löse durch sein Handeln ganz andere zeitlich Ereignisse aus, «Nach der Tschernobyl-Katastrophe haben wir es bei dem freigewordenen Strahlungen mit einer Halbwertzeit von 300.000 Jahren zu tun. Was sind da 639 Jahre?».

Montag, 21. Juni 2021
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