02.11.2014 09:00 |

Multiplayer-Frust

"Driveclub": Das Online-Rennspiel im Langzeittest

"Driveclub", das neueste Werk der britischen Evolution Studios, sollte einer der ersten großen Rennspiel-Hits für Sonys PS4 werden. Und zwar nicht nur für Singleplayer-Freunde, sondern ganz besonders für die Multiplayer-Fraktion. Die Spieler sollten sich in Clubs organisieren, sich gegenseitig herausfordern und den sozialen Charakter der PS4 zelebrieren. Doch daraus wurde selbst im Langzeit-Test nichts.

Angesichts des massiven Online-Charakters von "Driveclub" haben wir es zwar befürchtet, das gesamte Ausmaß der Serverpannen beim Start des PS4-Rennspiels übertraf dann aber sogar unsere schlimmsten Erwartungen. Während der ersten Wochen, in denen "Driveclub" verkauft wurde, konnte im Grunde niemand die versprochenen Mehrspieler-Features nutzen, weil diese durch massiv überlastete und meist unzugängliche Server schlicht nicht funktionierten.

Immer noch massive Serverprobleme
Selbst jetzt, einige Wochen und Updates nach dem Releasetermin, laufen die Server noch immer nicht rund. Gerade zu Stoßzeiten am frühen Abend ist es nach wie vor Glückssache, ob man sich mit den Servern verbinden und gemeinsam spielen kann oder auf den glücklicherweise als brauchbaren Zeitvertreib enthaltenen Einzelspielermodus ausweichen muss. Angesichts der Tatsache, dass Sony die Mehrspielerfunktionen der PS4 nur gegen PS-Plus-Gebühr anbietet, ist das schlicht inakzeptabel, was wir mit einer Abwertung von zwei Punkten bestrafen.

Aber taugt "Driveclub" denn nun etwas? Zunächst zum Einzelspielermodus: Der bietet solide Rennkost, die vor allem Freunden arcadelastiger Games Spaß bereiten dürfte, Simulations-Fetischisten wegen mangelndem Realismus aber wohl nur ein müdes Lächeln entlockt. Bei verschiedenen Events auf Pisten in der ganzen Welt arbeitet sich der Spieler mit der Zeit nach oben, schaltet neue Bewerbe und neue Autos frei, steigt im Level auf und lernt so nach und nach das Spiel kennen.

Großer Umfang, liebevoll designte Welt
Am vorhandenen Umfang gibt es dabei nichts auszusetzen. Das Spiel bietet eine Vielzahl von Strecken in verschiedenen Gegenden, namentlich Schottland, Norwegen, Indien, Kanada und Chile. Die Landschaften sind abwechslungsreich, der freischaltbare Fuhrpark mit 50 Boliden ansehnlich. Vom kleinen Mini Cooper über Einsteiger-Sportwagen wie BMWs M3, bis hin zu hochgezüchteten Supersportwagen wie dem Marussia B2 ist für jeden etwas dabei.

Auffallend: Strecken und Autos wurden mit viel Liebe zum Detail umgesetzt. Am Rande der Rennpisten – es gibt Rundrennen, Drift-Bewerbe, Zeitfahren und Rennen von A nach B – gibt es lebensechte Vegetation, verschlafene Dörfer oder eisige Klippen zu sehen, die Autos warten mit sich während dem Rennen verstellenden Spoilern und anderem Zierrat auf. Das Game bietet viele verschiedene Perspektiven, wobei insbesondere die gelungene Cockpit-Perspektive hervorzuheben ist, die das Interieur der Sportwagen zeigt.

Arcadelastiges Handling, lästige Kurvenstrafen
Das Fahrverhalten der Boliden ist irgendwo zwischen Simulation und Arcade, aber deutlich näher an Zweiterem angesiedelt. Das macht es angenehm zugänglich für Anfänger, könnte Simulations-Fans aber unterfordern. Schade: Obwohl das Spiel im Kern ein Arcade-Racer ist, nervt es rabiat nach vorn drängende Spieler mit übertriebenen Kurvenstrafen und einer relativ stur auf der Ideallinie dahinfahrenden künstlichen Intelligenz, die zu allem Überfluss ziemlich schwer abzuhängen ist.

Wenn man die Spieler schon zum "Schönfahren" erziehen will, dann hätte man zusätzlich zu den Kurvenstrafen auch ein Schadensmodell integrieren können, das nicht bloß optischer Natur ist. Und auch, dass es dem Spiel völlig an Tuning-Optionen für die eigenen Autos mangelt, ist eher schwach. Immerhin: Beim Lackieren darf sich der Spieler austoben und viel herumexperimentieren.

Sehr hübsche Optik, aber niedrige Bildrate
Apropos Optik: Hier liegt klar die große Stärke von "Driveclub". Das Rennspektakel sieht auf der PS4 zum Niederknien aus. Die Autos wurden extrem detailreich eingefangen, die Strecken wirken lebensecht und insbesondere die während der Rennen auf Wunsch im Zeitraffer ablaufenden Wettereffekte mit ihren hübschen Licht- und Schattenspielen und Reflexionen können sich absolut sehen lassen.

Gerade im Dämmerlicht mangelt es dem Game zwar auf einzelnen Strecken ein wenig an Kontrast, optisch ist "Driveclub" aber alles in allem eine Augenweide geworden. Dass es nicht mit 60, sondern nur mit 30 Bildern pro Sekunde läuft, könnte Fans besonders flüssiger Darbietungen aber stören.

Angenehmer Soundtrack, tolle Motorgeräusche
Auszusetzen haben wir auch am Sound von "Driveclub" wenig. Das Spiel wird von einem unaufdringlichen Soundtrack untermalt, die erste Geige spielen aber die sehr gut getroffenen Motorengeräusche der Boliden.

Die geben jedem Auto seinen eigenen Charakter und reichlich "Spruch". Als gelungen kann man auch die Soundeffekte bezeichnen – etwa, wenn der eigene Bolide mit einem charakteristischen Klicken hochschaltet oder in der Hitze des Gefechts doch einmal Blech auf Blech trifft.

Viele kleine Mängel verderben den Brei
So viel es an "Driveclub" zu loben gibt, das Game hat auch einige Mängel. Zum Beispiel den fehlenden Replay-Modus. Wenn man schon eines der aktuell hübschesten Rennspiele aus dem Boden stampft, sollte man den Spielern doch bitte auch die Gelegenheit geben, besonders gelungene Rennen nach deren Ende noch einmal Revue passieren zu lassen. Tut man aber nicht. Und die Video-Uploadfunktion der PS4 ersetzt das Feature auch nicht, weil man bei Videos naturgemäß nicht die Perspektive wechseln kann. Auch dass es keinen einstellbaren Schwierigkeitsgrad gibt, erstaunt.

Nächstes Manko: "Driveclub" fehlt es an einem Splitscreen-Modus. Uns ist schon klar, dass es sich um ein Online-Rennspiel handelt, aber ein Splitscreen-Modus hätte den Multiplayer-Durst der Spieler zumindest während der ersten Wochen mit ihren Serverproblemen ein wenig stillen können. Und außerdem gibt es immer noch jede Menge Menschen, die Konsolen vor allem wegen ihres lokalen Multiplayer-Erlebnisses mit physisch anwesenden Freunden schätzen und nicht ausschließlich online spielen wollen.

Mehrspieler-Partien werden zur Geduldsprobe
Nun aber zum Mehrspielermodus: Der macht, wenn er denn mal funktioniert, grundsätzlich Spaß, was aber auch daran liegen könnte, dass menschliche Spieler einfach spaßigere Gegner abgeben als die stur auf Ideallinie dahinfahrende künstliche Intelligenz. Rennen können über eine Übersicht aufgerufen werden, in der immer wieder neue, gerade startende Events auftauchen.

Im Test wurden wir beim Verbinden allerdings immer wieder mit Verbindungsabbrüchen konfrontiert – selbst Wochen nach dem Release. Und für den unkomplizierten Mehrspieler-Spaß zwischendurch ist es dann doch recht mühsam, mehrmals nach gerade startenden Rennen suchen zu müssen und anschließend um ausreichende Serverstabilität zu beten. Noch mal: Die Spieler zahlen fünf Euro im Monat für den Mehrspielermodus auf der PS4.

Witzige Herausforderungen, wenige Möglichkeiten
Das Rennerlebnis im Mehrspielermodus ist durch die fehlende KI etwas besser als im Einzelspielermodus, die lästigen Kurvenstrafen verderben aber auch hier bisweilen den Spaß. Nett sind die Herausforderungen, die es im Mehrspielermodus zu schlagen gibt. Immer wieder gibt es besonders spektakuläre Drifts oder Geschwindigkeitsrekorde anderer Spieler zu schlagen, was das Game aber auch nicht mehr wirklich rettet.

Zumal die Clubs zum einen im Grunde nur Freispiel-Gemeinschaften sind und außer Club-Lackierungen wenig Mehrwert bieten. Und weil die Größe der Clubs auf sechs Fahrer beschränkt ist, wodurch größere Spieler-Gemeinschaften, die gerne einen richtig großen Rennstall gründen möchten, gezwungenermaßen auf mehrere Clubs aufgeteilt werden.

Fazit:Schöne Fassade mit vielen Schwächen
Letzten Endes hat sich "Driveclub" im Test nicht als der erhoffte Online-Rennspaß entpuppt, sondern vor allem als optisch opulente Zerreißprobe für die Nerven. Klar ist das Game ausgesprochen hübsch, klar bietet es liebevoll designte Wagen und coole Strecken mit tollen Wetter- und Lichteffekten. Und auch das Fahrverhalte die lästigen Kurvenstrafen, die Ideallinien-KI, die fehlenden Replays und das nicht vorhandene Tuning den Spaß vermiesen, ein lokaler Mehrspielermodus nicht zur Verfügung steht und der groß angepriesene Online-Mehrspielermodus trotz kostenpflichtigem PS-Plus-Abo selbst Wochen nach Release immer noch Probleme macht? Richtig: Nichts. Deshalb sehen wir uns auch zur Vergabe dieser deutlich reduzierten Wertung gezwungen.

Plattform: PS4
Publisher: Sony
krone.
at-Wertung: 5/10

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