Do, 20. September 2018

"Krone"-Ombudsfrau

15.10.2014 12:07

Statt Nichte: Gericht bestellt fremde Sachwalterin

Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass sich Verwandte um einen kümmern, wenn man betagt und pflegebedürftig ist. Eine 97-jährige Steirerin hatte Glück. Bis vor Kurzem wurde sie von Nichte und Großnichte umsorgt. Dann bestellte das Gericht eine Fremde als Sachwalterin. Jetzt bekommt die Tante nur 80 Euro Taschengeld pro Woche. Obwohl genug Geld da wäre...

Nichte und Großnichte haben sich laut ihrer Wiener Anwältin Charlotte Poeffel immer rührend um ihre demenzkranke 97-jährige Tante Hilde S. in Graz gekümmert. Sie haben eine 24-Stunden-Pflege in der Wohnung organisiert, täglich mit den Pflegerinnen telefoniert, ließen erforderliche Reparaturen durchführen und förderten die geistigen Aktivitäten der betagten Dame. Außerdem kamen sie regelmäßig - oft mehrmals pro Woche - zu Besuch.

Dann haben Roswitha und Irina F. einen "Fehler" gemacht. Sie wollten ihrem Kümmern ein "offizielles Mascherl" umhängen und haben die Sachwalterschaft beantragt. "Unsere demenzkranke Tante konnte sich nicht mehr selbst versorgen und außderdem war ihre Bankomatkarte abgelaufen."

Das daraufhin vom Gericht beauftragte "Clearing" verlief zunächst positiv. Dabei prüfen Sachwaltervereine, ob sich nahe Verwandte als Sachwalter eignen. "Die Dame, die das untersuchte, war sehr zuversichtlich", erinnern sich die beiden Frauen. Warum das Bezirksgericht Graz-Ost dann nicht sie, sondern eine Unbekannte zum Sachwalter bestellte, erscheint merkwürdig und geschah offenbar nicht unbedingt zum Vorteil der Tante.

Denn die neue Sachwalterin wechselte zunächst den gewohnten Pflegedienst und beschränkte das Taschengeld auf 80 Euro pro Woche. "Die Pflegerinnen waschen die Einweg-Handschuhe aus, weil zu wenig Geld da ist. Mit dem Betrag müssen auch Lebensmittel für unsere Tante und die Pflegerinnen sowie Pflegeprodukte gekauft werden", so die Großnichte. Dabei verfügt die 97-jährige über ein beträchtliches Einkommen von mehreren Tausend Euro pro Monat. Mit dieser stattlichen Apanage könnte man ihr einen schönen und würdigen Lebensabend ermöglichen!

Am bittersten ist für die Verwandten, dass ihnen jedes Mitspracherecht bei der Betreuung verwehrt wird. "Mangels Parteistellung sind sie quasi zu Randfiguren degradiert. Die Bedürfnisse der Tante finden keine Berücksichtigung, obwohl laut Gesetz das Wohl der Pflegebefohlenen bestmöglich zu fördern ist", betont Anwältin Charlotte Poeffel.

Ob das fehlende Mitspracherecht der Verwandten mit der geplanten Reform des Sachwalterrechts geändert wird, konnte oder wollte uns das Justizministerium nicht sagen. Und auch das Bezirksgericht Graz-Ost schweigt beharrlich auf unsere Anfrage...

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