Drogenboss verhaftet
Mexiko und der Mythos um "El Chapo"
Einst zitterte ganz Mexiko vor ihm, jetzt zerren ihn zwei vermummte Marineinfanteristen über eine Landepiste. Mit gebeugtem Haupt und leerem Blick wirkt Joaquin "El Chapo" Guzman zwischen den kräftigen Elitesoldaten fast ein wenig verloren. Der legendäre Chef des Sinaloa-Kartells bestimmte in seinem Einflussgebiet jahrelang über Leben und Tod. Er schmuggelte tonnenweise Kokain und brachte es auf die "Forbes"-Liste der reichsten Menschen der Welt. Nun sitzt der mächtigste Capo der Welt im Hochsicherheitsgefängnis Altiplano hinter Gittern.
Die Festnahme von Guzman am Samstag in der Hafenstadt Mazatlan ist der bisher größte Erfolg der Regierung von Präsident Enrique Pena Nieto im Kampf gegen die mächtigen Drogenkartelle. Im vergangenen Jahr war bereits der Chef der "Los Zetas", Miguel Angel Trevino Morales, gefasst worden, doch niemand steht für den Narco-Staat Mexiko wie "El Chapo".
"Politisch viel wert für Nieto"
"Das ist politisch viel wert für Pena Nieto, das gibt ihm Legitimität", sagt der Sicherheitsexperte Guillermo Zepeda vom Beratungsunternehmen Jurimetria. "Es hat eine große symbolische Bedeutung - er war der Chef der Chefs."
Viele Legenden rankten sich um den Kartellboss, von dem es bisher nur wenige Fotos gab. 1993 war er in Guatemala schon einmal festgenommen und nach Mexiko ausgeliefert worden. Versteckt unter Schmutzwäsche und wohl mit Hilfe der Wächter gelang ihm 2001 indes die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis. Seitdem war Guzman wie vom Erdboden verschwunden - und sein Ruhm wuchs mit jedem Tag.
"Verglichen mit Guzman war Al Capone ein Amateur"
Folkloregruppen feierten "El Chapo" in ihren Liedern. Es wurden Bücher über ihn geschrieben. Jedes Kind in Mexiko kennt den mächtigsten Kartellchef und meistgesuchten Drogenhändler der Welt. Fast schon mit einem gewissen Respekt bezeichnete die US-Antidrogenbehörde DEA Guzmans Sinaloa-Kartell als multinationalen Großkonzern des organisierten Verbrechens. "Verglichen mit 'El Chapo' Guzman war Al Capone ein Amateur", sagte der Präsident der Chicago Crime Commission, J.R. Davis, im vergangenen Jahr.
Guzman war ein Mythos in Mexiko, doch er stand auch für die alte Generation der Drogenhändler. Die "Los Zetas", die sich hauptsächlich aus ehemaligen Mitgliedern von Spezialeinheiten rekrutieren, und die Bande um die Brüder Beltran Leyva hatten sein Kartell mächtig unter Druck gesetzt. Im Bundesstaat Michoacan haben sich die sogenannten Tempelritter ausgebreitet, die im Gegensatz zu den traditionellen Kartellen territoriale Hegemonie anstreben und den Staat offen herausfordern.
Mexiko wird zunächst nicht sicherer
Die Festnahme von "El Chapo" ist ein schwerer Schlag für das Sinaloa-Kartell - sicherer dürfte Mexiko deshalb aber zunächst nicht werden. Nach Guzmans Festnahme könnten interne Machtkämpfe um seine Nachfolge beginnen, heißt es in einer Analyse des auf Sicherheitsthemen spezialisierten Nachrichtenportals "Insight Crime". Experten geben schon länger zu bedenken, dass jede Festnahme ein Machtvakuum schafft und so erst einmal zu mehr Gewalt führt.
Beim Sinaloa-Kartell ist die Lage besonders kompliziert. Guzman war zwar der bekannteste, jedoch nicht der einzige Anführer der "Federacion" (Bündnis), wie seine Organisation wegen der lockeren Struktur auch genannt wird. Das Kartell ist traditionell dezentral strukturiert. Mehrere eigenständige Banden ringen innerhalb des Verbrechersyndikats ständig um Einfluss und Geschäftsfelder.
Alles bleibt in der Familie
Neben dem zweiten starken Mann des Kartells, Ismael Zambada Garcia alias "El Mayo", könnte nun auch Juan Jose Esparragoza Moreno alias "El Azul" Ansprüche anmelden. Der ehemalige Polizist gilt als geschickter Netzwerker, der schon häufig zwischen den verschiedenen Fraktionen des Kartells vermittelt hat. Er ist mit Guzmans Schwägerin verheiratet und Patenonkel eines Sohns von Zambada. So bleibt - wie es auch kommt - alles in der Familie.














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