Mi, 22. August 2018

Indianer auf Abwegen

27.01.2014 09:46

Jeep Cherokee: Der mit dem Multipla tanzt

Die Technik aus Italien, die Marke aus Amerika und das Design nicht von dieser Welt: Nach jahrelanger Pause macht sich der Jeep Cherokee bereit für sein Comeback in Europa. Im Sommer geht es los.

Was war das für ein Aufschrei, als Jeep im letzten Frühjahr das Tuch vom neuen Cherokee gezogen hat! Die sieben senkrechten Balken im Kühlergrill, die jeden Jeep seit 1941 kennzeichnen, konnte man mit viel Phantasie zwar noch wiedererkennen. Doch das war auch der einzige Halt, den der Geländewagen den Fans der Marke bot. Denn ansonsten sah das, was da über die Bühne der New York Motorshow rollte, aus wie ein Fiat Multipla fürs Grobe.

Was liegt, das pickt
Wer gehofft hatte, dass Jeep an diesem Design bis zur Markteinführung noch mal ein bisschen feilen würde, der sieht sich jetzt getäuscht. Denn auch wenn sich die Amerikaner ein volles Jahr Zeit gelassen haben und der Cherokee bei uns erst im Sommer in den Handel kommt, rollt er genau so aus der Fabrik, wie man ihn in New York gesehen hat. Was da demnächst auf den Überseefrachtern nach Europa landet und bei uns zu Schätzpreisen ab knapp 40.000 Euro in den Handel kommt, rittert mit Ssangyong Rodius, Pontiac Atzec und eben Fiat Multipla um Schönheitspreise. Dabei hätte der Cherokee durchaus etwas Besseres verdient. Schließlich wird er von ein paar Jahren Pause abgesehen seit mittlerweile 1974 angeboten und genießt in der 4x4-Gemeinde einen ähnlich guten Ruf wie der Land Rover Discovery oder die Mercedes-G-Klasse.

Den will freilich auch das neue Modell verteidigen und glänzt deshalb mit aufwendiger Allradtechnik. Die Plattform kommt zwar von einem Pkw und zum ersten Mal wird es mit Blick auf den Verbrauch deshalb in nennenswertem Umfang auch frontgetriebene Exemplare geben (zusammen mit einem neuen Vierzylinder-Benziner geht so schließlich der Verbrauch um bis zu 45 Prozent zurück), doch parallel dazu bieten die Amerikaner gleich drei verschiedene Varianten mit Allradantrieb an, von denen die potenteste allerlei Sperren, Offroad-Programme und sogar einen Geländetempomaten für Gefälle und Steigungen bekommt: "Trailhawk" heißt der rustikale Wanderfalke, der als Topmodell mit V6-Motor wohl über 60.000 Euro kosten wird und dafür angeblich mühelos über den legendären Rubicon-Trail kraxeln soll.

Gut, man soll ja nüchtern fahren
Während die Designer außen offenbar um jeden Preis auffallen wollten und dabei meilenweit über das Ziel hinausgeschossen sind, hätten sie innen gerne noch ein bisschen mehr Engagement zeigen dürfen. Ja, es gibt viele Ablagen, eine verschiebbare Rückbank und ein sehr ordentliches Navi mit Appstore und integriertem Hotspot. Doch das eher lieblose Ambiente wird von riesigen Hartplastik-Landschaften geprägt und die paar Vinylholzimitate in den Türen wirken ziemlich billig. Außerdem sind die Platzverhältnisse allenfalls durchschnittlich und an der hohen Ladekante zum eher knapp bemessenen Kofferraum wird man zum Bodybuilder. Da ist die elektrische Heckklappe nur ein schwacher Trost.

Dafür gibt es jede Menge Hightech-Ausstattung, die zumindest für Jeep teilweise neu ist: Der Cherokee hat einen Abstandsregeltempomat und eine automatische Notbremse, er hilft mit aktivem Lenkeingriff bei Spurführung und –wechsel und rangiert selbstständig in Parklücken längs und quer zur Straße.

Auch unter der Haube brechen bei den Amerikanern neue Zeiten an. Dass es für die EU-Version zwei Diesel mit 2,0 Liter Hubraum und 140 oder 170 PS geben wird, ist nicht wirklich revolutionär. Und auch der neue Basis-Benziner mit 2,4 Liter Hubraum und 184 PS ist keine Überraschung. Aber dass sogar der V6-Motor schrumpft, ist schon ein starkes Stück. Von früher mal 4,0 und zuletzt 3,6 Liter sind jetzt noch 3,2 Liter übrig. So ganz ernst meinen die Amerikaner die Sache mit der Effizienz allerdings nicht: Es gibt weder eine Start-Stopp-Automatik noch eine Direkteinspritzung, so dass sich der V6 im US-Zyklus stolze 10,7 Liter gönnt.

Aus den 3,2 Litern holt der Sechszylinder immerhin 271 PS und maximal 316 Nm, mit denen der Cherokee behände ausschreitet. Vor allem im mittleren Drehzahlbereich macht der Sechszylinder ordentlich Druck und sprintet so in 6,4 Sekunden von 0 auf 100. Er schnurrt beim Überholen mühelos am Vordermann vorbei und macht nach ein paar Stunden im Stadtverkehr und auf den Highways um Los Angeles Lust auf den ersten Ritt über die deutsche Autobahn. Schließlich soll er immerhin 220 km/h erreichen. Außerdem sind dann vielleicht auch die Querfugen ein bisschen dünner, so dass die Achsen beim Anfedern nicht ganz so poltern.

Egal welchen Motor man bestellt, immer gibt es dazu die neue Neungang-Automatik von ZF, die dem Indianer seine Lust auf Feuerwasser weiter zügeln soll. Das kann schon stimmen und beim gemütlichen Cruisen überzeugt das Getriebe zudem mit seidenweichen Gangwechseln. Doch wenn es schnell herunterschalten soll, dann wirkt das Räderwerk bisweilen ein bisschen indisponiert und verhaspelt sich. Aber anders als das Design lässt sich das auf dem Weg nach Europa ja vielleicht noch korrigieren. Viel mehr als ein Software-Update ist dafür nicht nötig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar schreiben

Sie haben einen themenrelevanten Kommentar? Dann schreiben Sie hier Ihr Storyposting! Sie möchten mit anderen Usern Meinungen austauschen oder länger über ein Thema oder eine Story diskutieren? Dafür steht Ihnen jederzeit unser krone.at-Forum, eines der größten Internetforen Österreichs, zur Verfügung. Sowohl im Forum als auch bei Storypostings bitten wir Sie, unsere AGB und die Netiquette einzuhalten!
Diese Kommentarfunktion wird prä-moderiert. Eingehende Beiträge werden zunächst geprüft und anschließend veröffentlicht.

Kommentar schreiben
500 Zeichen frei
Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.

Nachrichten aus meinem Bundesland
Die Bekanntgabe Ihres Bundeslandes hilft uns, Sie mit noch regionaleren Inhalten zu versorgen.