"Nimm mich zurück!"

US-Mutter verbannte Tochter nach Sibirien

Ausland
25.10.2013 12:48
Es klingt wie ein Gruselmärchen über Rabeneltern, die ihr Kind im Stich lassen. Seit 2011, sagt Sofia, sitze sie verbannt in Sibirien fest - Tausende Kilometer weit weg von ihrem Zuhause in den USA. Nun wendet sie sich mit Hilferufen an die Öffentlichkeit.

Es ist die kaum fassbare Geschichte einer Verbannung nach Sibirien: Seit mehr als zwei Jahren versucht Sofia, aus Russland in ihre Heimat zurückzukehren, wie die 17-Jährige sagt. Nach Hause zu ihrer Mutter, nach Chantilly im US-Bundesstaat Virginia. Seit Tagen setzt das Mädchen Hilferufe ab - über Medien in den USA und nun auch in Russland. "Meine Mom lässt mich einfach nicht heimkehren. Ich habe alles versucht", sagte Sofia der Nachrichtenagentur dpa am Telefon.

Stiefvater als wahrer Grund für Verbannung?
In der Großstadt Nowosibirsk hat sie in einem Hostel Arbeit und einen Schlafplatz gefunden, wie die Verwaltung des Gästehauses bestätigt. In den Vereinigten Staaten griff der Fernsehsender WUSA die Story zuerst auf, interviewte das Mädchen per Skype, erhielt Mails von ihrer Mutter Natalia Roberts und dem Stiefvater und sprach mit Freunden, die Sofia bei ihrer Heimkehr helfen wollen. Ja, sie habe schwere Fehler gemacht und bereue, sagt die 17-Jährige.

Aber der wahre Grund dafür, dass die Mutter sie weggeschickt habe, sei wohl ihr neuer Mann, ein auf Migrationsfragen spezialisierter Jurist. Nach der Hochzeit habe ihre Mutter die US-Staatsbürgerschaft erhalten und stehe seither unter dem Einfluss des Ehemanns. "Das Verhalten wurde schlimmer, und wir sahen keinen Ausweg", schrieb Sofias Stiefvater an WUSA und berichtete von Wutausbrüchen um 2 Uhr nachts. Die "unkontrollierbare" Tochter habe Drogen genommen und Burschen ohne Erlaubnis mit nach Hause gebracht, schrieb die Mutter. Sofia selbst räumt ein, sie habe als Kind viele Probleme gemacht und ihren Eltern einmal sogar 1.000 US-Dollar gestohlen.

Mutter: "Es war nicht leicht, aber richtig"
Es war wohl nach diesem Vorfall, dass sich die Mutter entschloss, Sofia nach Sibirien zu schicken. Nicht ohne Grund. "Sie sagte mir, dass ich meinen leiblichen Vater kennenlernen soll. Von drei Wochen war die Rede", erzählte Sofia mit breitem US-Akzent. "Erst, als ich schon hier war, sagte sie mir, dass ich viel länger bleiben würde." Ein Rückflugticket habe sie nicht gehabt. Es sei "keine leichte Entscheidung" gewesen, Sofia ins rund 9.400 Kilometer entfernte Nowosibirsk zu verbannen, sagte die Mutter laut WUSA. "Aber es war die richtige Entscheidung."

Größtes Problem bis heute sei, dass sie nur einen russischen Pass mit dem Namen Sofia Petrowa und damit keinen Nachweis über ihre wahre Heimat habe, erklärte Sofia. Dass ihre Lebensgeschichte nicht einfach zu glauben ist, erschwert die Lage. Auf ihrer Facebook-Seite trägt sie den Familiennamen der Mutter. 1998 habe diese mit einem Studentenvisum Russland verlassen, um mit der Kleinen in den USA zu leben.

Mädchen kannte Kultur, Sprache und Vater nicht
Von der Sprache und der Kultur Russlands - dem Leben auf dem anderen Kontinent - hatte Sofia nach eigener Darstellung keine Ahnung, als sie im März 2011 in Nowosibirsk landete und ihren Vater Igor kennenlernte, der kein Englisch verstand. Die Lage sei verfahren, sagte die Chefredakteurin des Portals sib.fm, Iwa Awrorina, der dpa. "Sie spricht nur mit Mühe Russisch, wohl auch weil sie wegen des Traumas die Sprache nicht richtig lernt." Aber inzwischen gebe es einige Hilfsangebote von Russen.

Sibirische Medien wie sib.fm oder "The Siberian Times" griffen die tragische Geschichte des Teenagers auf. Den russischen Reportern erzählte Sofia, dass sie nicht mehr weiterwisse. Mit Mühe sei sie ihrem Vater, der viel trank, in dem Ort Berdsk entkommen, habe sich allein - bisweilen auf der Straße - durchgeschlagen und nun in dem Hostel "Fine O'clock" Obdach gefunden.

Brief auf Facebook: "Bitte nimm mich zurück!"
In dem Hotel in Nowosibirsk bescheinigen Kollegen Sofia Fleiß und Bescheidenheit. "Sie räumt die Zimmer auf, macht Betten, eben alles, was anfällt. Wenn Ausländer kommen, hilft ihr Englisch", sagte die Administratorin Olga. Sofias eigene Hoffnungen, wie sie sagt, richten sich nun auf die US-Botschaft in Moskau. Doch dort hätten ihr Konsularmitarbeiter gesagt, dass sie mit einem russischen Pass wenig Chancen habe - diese habe sie nur mit einem Anwalt. Und der kostet Geld.

Auf Facebook hat Sofia deshalb einen flehenden Brief an ihre Mutter geschrieben: "Bitte nimm mich zurück! Bitte fass dir ein Herz, um mir meine Fehler zu vergeben, die ich gemacht habe, als ich noch ein Kind war. Du bist die einzige Familie, die ich habe. Ich brauche dich." Sie vermisse auch ihre jüngere Schwester Maria, erklärte Sofia. In einem Eintrag vom Juni schrieb sie den Satz: "Jedes Kind verdient einen Elternteil, aber nicht jeder Elternteil verdient ein Kind."

Loading...
00:00 / 00:00
play_arrow
close
expand_more
Loading...
replay_10
skip_previous
play_arrow
skip_next
forward_10
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
explore
Neue "Stories" entdecken
Beta
Loading
Kommentare

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Kostenlose Spiele