Positiv für Gehirn

Zwei Mäuse-Eltern sind besser als Alleinerziehende

Wissen
04.05.2013 08:00
Kinder, die von zwei Elternteilen großgezogen werden, entwickeln sich besser als der Nachwuchs von Alleinerziehern – das stimmt zumindest bei Mäusen. Wie kanadische Wissenschaftler nun herausgefunden haben, werden gewisse Bereiche des Gehirns besser stimuliert, wenn sich zwei Tiere um den Nachwuchs kümmern. Bei Mäusekindern, die nur mit der Mutter aufwuchsen, wurden in besagten Bereichen weniger neue Zellen produziert und sie verhielten sich auch in Verhaltenstests anders.

Für ihre Studie verglichen die Forscher um Samuel Weiss von der University of Calgary die Gehirnentwicklung bei Mäusekindern, wobei die eine Gruppe nur von der Mutter und zwei andere Gruppen von zwei Elternteilen großgezogen worden war. Dazu setzten sie trächtige Mäuseweibchen kurz vor der Geburt der Jungen in Einzelkäfige. Einige blieben dann bis zum Abstillen ihres Nachwuchses allein - waren also quasi alleinerziehend. Andere teilten sich den Käfig mit dem Vater der Jungen. Eine dritte Gruppe von Weibchen erhielt eine weibliche, selbst nicht trächtige Maus zur Seite gestellt.

Um die Auswirkungen dieser Varianten auf die Mäusejungen vergleichen zu können, machten die Wissenschaftler mit dem Nachwuchs im Alter von acht Wochen verschiedenen Verhaltenstests. Sie prüften dabei unter anderem die Neugier, die Lernfähigkeit, das Sozialverhalten und das Angstverhalten der Tiere in verschiedenen Labyrinthen, bei Schwimmtests und bei Begegnung mit einem ihnen unbekannten Artgenossen. Als Indikator für die neuronale Entwicklung verglichen die Forscher, wie viele Stammzellen die Mäusejungen in bestimmten Regionen ihres Gehirns besaßen, da diese für das Wachstum bestimmter Hirnbereiche entscheidend sind.

Intensivere Zuwendung durch zwei Elternteile
Ein Unterschied zeigte sich bereits kurz nach der Geburt: "Die Jungen, die von Vater und Mutter oder Mutter und Co-Mutter aufgezogen wurden, wurden häufiger geleckt und geputzt als die mit nur einer Mutter", berichten die Forscher in einer Aussendung der Universität. Zwar habe sich jedes Tier etwa gleich viel um den Nachwuchs gekümmert, aber bei den Nestern mit zwei Betreuern bekamen die Jungen diese Zuwendung gleich von zwei Seiten und damit quasi die doppelte Portion. 

Überraschenderweise wirkte sich dieser frühkindliche Unterschied auf männliche und weibliche Jungen ganz unterschiedlich aus, wie die Forscher berichten. So zeigten die doppelt betreuten Weibchen in den Verhaltenstests eine bessere Balance und Bewegungskoordination und waren sozialer. Die Männchen lernten dafür schneller, unangenehmen Reizen aus dem Weg zu gehen. Dabei machte es keinen Unterschied, ob es sich um gleichgeschlechtliche Eltern oder Vater und Mutter handelte.

Doppelte Betreuung bringt doppelte Hirnzellen
Auch auf der Ebene der Gehirnzellen waren deutliche Unterschiede zu erkennen, die ebenfalls geschlechtsspezifisch waren. Weibchen, die mit zwei Betreuern aufgewachsen waren, produzierten als Erwachsene im Bereich des Gehirnbalkens doppelt so viele neue Neuronen aus Stammzellen wie jene, die nur mit Mutter aufgewachsen waren. Der Balken, auch Corpus Callosum genannt, bildet die Brücke zwischen den beiden Gehirnhälften und ist essentiel für die Koordination von Bewegungen, aber auch für das Sozialverhalten. 

Dies könne möglicherweise die in den Verhaltenstests beobachteten Unterschiede erklären, schreiben die Forscher. Bei den Männchen gab es in diesem Hirnbereich keine Unterschiede, dafür aber in einem anderen: Die doppelt Betreuten besaßen mehr Stammzellen in einem Areal, das den Hippocampus versorgt und so das Lernverhalten steuert.

"Zellwachstum nachhaltig gefördert"
"Unsere Studie zeigt, dass die Betreuung durch zwei Elternteile oder Mutter und Co-Mutter das Zellwachstum im Gehirn nachhaltig fördert und dadurch auch Wirkungen auf das spätere Verhalten des Nachwuchses hat", so die Forscher. Primärer Auslöser sei wahrscheinlich die im Vergleich zu alleinerziehenden Müttern intensivere Betreuung der Kinder. 

Überraschend sei allerdings, wie unterschiedlich und geschlechtsspezifisch dieser Effekt ist. Warum dies der Fall sei, müsse nun in weiteren Studien genauer untersucht werden, schreiben die Wissenschaftler. Ob ihre Ergebnisse bei den Mäusen auf andere Säugetiere und den Menschen übertragbar sind, ist bisher nicht geklärt.

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