Land am Abgrund
Schwarzarbeiten oder auswandern: Griechen verzagen
Die Politiker in Griechenland versuchen jedenfalls, den Menschen Mut zu machen: Gut drei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise sind nach den Worten von Regierungschef Antonis Samaras im März landesweit 15.000 Menschen mehr eingestellt worden als entlassen wurden. Die Griechen hätten viele Reformen in die Tat umgesetzt und stünden kurz vor dem Ende der Qualen: "Wir haben ganze Ozeane überquert, wir dürfen jetzt nicht in einem Glas Wasser ertrinken", soll Samaras nach Berichten der griechischen Presse bei einer Sitzung mit seinen Ministern vergangene Woche gesagt haben.
Pulverfass der sozialen Unzufriedenheit
Der Regierungschef weiß, woher die Gefahr kommen könnte: Knapp 27 Prozent der Menschen sind arbeitslos, und gut 60 Prozent der jungen Menschen haben keinen Job. Ein unvorhersehbares Ereignis könnte der Funken werden, der das Pulverfass der sozialen Unzufriedenheit zur Explosion bringt, warnen Beobachter. Populistische, rassistische und rechtsradikale politische Kräfte werden immer stärker - und lauter.
Auf dem Arbeitsmarkt herrschen chaotische Zustände. Tausende Arbeitnehmer bekommen seit Monaten nur Teile ihrer Löhne. Sie wehren sich nicht, weil sie ihren Job nicht verlieren wollen. Im Rahmen einer Studie der größten Rentenkasse des Landes IKA wurde bei Kontrollen in Athen festgestellt, dass 40 Prozent der Arbeitnehmer gar nicht versichert sind. "Mit anderen Worten: Die Schwarzarbeit dient im Moment als eine Art Sicherheitsventil, damit es nicht zur Explosion kommt", sagt Thanasis Georgantas, einer der Kontrolleure der staatlichen Versicherungen. Im sechsten Jahr in Folge schrumpft die Wirtschaft - 2013 sollen es wieder minus 4,6 Prozent werden.
"Menschen haben Ertragbares längst überschritten"
Der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias sagt es bei jeder Gelegenheit: Die Griechen hätten das menschlich Ertragbare längst überschritten. Die Renten- und Krankenkassen stehen kurz vor dem Zusammenbruch. Ihre Einnahmen sind wegen der Arbeitslosigkeit und der Schwarzarbeit seit 2009 um fast 50 Prozent gesunken. In vielen Krankenhäusern fehlt es sogar an Desinfektionsmitteln. Ärzte bitten Verwandte der Patienten, Medikamente aus den umliegenden Apotheken selbst zu kaufen.
Die seit zwei Jahren angekündigten Privatisierungen kommen nicht voran. Ziel für dieses Jahr ist, daraus 2,5 Milliarden Euro einzunehmen. Bisher bleibt der Privatisierungszeiger aber auf null Euro, moniert die griechische Presse. Stattdessen werden immer neue Steuern auf Immobilien verhängt. Mittlerweile leben ganze Familien mit dem Geld der Renten ihrer älteren Mitglieder. Erstmals seit mehr als 100 Jahren müssen nun auch Staatsbedienstete gehen: Bis Ende 2014 sollen 15.000 Menschen ihren Job beim Staat verlieren. "Das Tor ist jetzt offen. Die Regierung wird noch mehr von uns rausschmeißen", fürchtet ein 38-jähriger Lehrer.







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