Wachsen schneller

Sind Rothörnchen-Mamas gestresst, ist Nachwuchs fitter

Wissen
23.04.2013 08:13
Stresshormone in der Schwangerschaft sind an und für sich nicht förderlich für die Gesundheit des Nachwuchses. Doch die Natur hat nun gezeigt, dass es auch hier eine Ausnahme gibt - und zwar die amerikanischen Rothörnchen. Steht die Hörnchen-Mutter nämlich unter Stress, wachsen die Jungen schneller und sind widerstandsfähiger, wie Wissenschaftler nun herausgefunden haben.

Ben Dantzer von der Michigan State University und seine Kollegen haben über 22 Jahre hinweg eine Population von Rothörnchen im Yukon-Territorium in Alaska beobachtet. Dabei hatten sie entdeckt, dass immer dann, wenn die Populationsdichte sehr hoch war, besonders viele große und schnell wachsende Jungtiere geboren wurden. "Was uns überraschte, war, dass das Futterangebot nicht besser war als sonst", erklärt Dantzer. Eine hohe Populationsdichte bedeutet daher zusätzlichen Stress für die Rothörnchen-Mütter, die infolgedessen Hormone ausschütten.

Um dies zu untersuchen, machten sie sich die Territorialrufe der Hörnchen zunutze. Diese schnarrenden Rufe stoßen die Tiere aus, wenn sie ihre Gebiete verteidigen. Je mehr Hörnchen dabei in einer Nachbarschaft leben, desto häufiger erklingt auch das Schnarren. Deshalb nahmen die Forscher zunächst die Rufe einiger schnarrender Hörnchen auf und spielten diese dann über längere Zeit einigen trächtigen Weibchen im Untersuchungsgebiet vor. Dadurch gaukelten sie den Hörnchen eine sechsfach höhere Populationsdichte vor als tatsächlich vorhanden. Eine Vergleichsgruppe bekam stattdessen nur neutrale Vogelstimmen zu hören.

Übervölkerung erzeugt Stress bei Hörnchen-Mamas
Die Stressbelastung der Rothörnchen ermittelten die Wissenschaftler, indem sie allen Weibchen Blutproben entnahmen und den Gehalt von Stresshormonen maßen. Nachdem die Jungen geboren waren, wurden diese zudem in regelmäßigen Abständen gewogen. Dabei zeigte sich: Die Hörnchen-Mamas, die in vermeintlich überbevölkerten Gebieten lebten, hatten einen 30 Prozent höheren Gehalt an Stresshormonen im Blut. 

Dass Enge und Überbevölkerung Stress erzeugt, war bereits bekannt. Überraschender war aber die Folge dieser Stressbelastung: Die Jungen, die als Ungeborene diesen erhöhten Hormonpegeln ausgesetzt worden waren, wuchsen schneller und wurden größer als der Nachwuchs der ungestressten Mütter. Dank ihres Wachstumsschubs wurden die Jungen auch schneller erwachsen und konnten sich dadurch im folgenden Winter rechtzeitig vor ihren zahlreichen Konkurrenten ein Territorium sichern. Dieses gilt als wichtige Voraussetzung für die Rothörnchen, um den harten Winter in Alaska zu überleben.

Stresshormone lassen Nachwuchs schneller wachsen
Dass tatsächlich die Stresshormone für das schneller Wachstum der Babys verantwortlich sind, belegten die Forscher mit einem zusätzlichen Versuch: Bei diesem fütterten sie einige trächtige, normal gehaltene Weibchen mit Cortisol-haltigem Futter und erhöhten so künstlich deren Stresshormonpegel. Das Ergebnis: Im Vergleich zu Kontrolltieren mit normalem Futter gebaren auch diese Weibchen deutlich fittere Jungen. Ihr Nachwuchs entwickelte sich 41 Prozent schneller, wie die Forscher berichten. 

"Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass Stress schlecht ist, zeigt unsere Studie damit, dass hohe Stresshormon-Werte bei Müttern ihrem Nachwuchs sogar helfen können", erklärt Dantzer. Bei manchen wild lebenden Tieren fördere dieser vermeintlich negative vorgeburtliche Einfluss die Anpassung an schwierige Verhältnisse. Einen Haken hat die Sache allerdings, wie er einräumt: Die Jungen wachsen zwar schneller und ergattern so bessere Territorien, sie leben aber weniger lang als ihre Altersgenossen. "Die Kosten für den Startvorteil machen sich offensichtlich am Lebensende bemerkbar", so Dantzer. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlicht.

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