13.03.2013 14:26 |

'Nicht extra geweckt'

Gorbatschow verschlief Fall der Berliner Mauer

Kalter Krieg, atomare Bedrohung: Bald ist es ein Vierteljahrhundert her, dass der Ost-West-Konflikt endete. Einer der bedeutendsten Politiker von damals sorgt nun dafür, dass die Erinnerung auflebt: Michail Gorbatschow. Der frühere Präsident der Sowjetunion präsentierte am Dienstag seine Memoiren in Berlin und gab in einem Interview mit dem Magazin "Stern" zu, den Fall der Berliner Mauer verschlafen zu haben.
Der 82-Jährige erklärte, er habe tief und fest geschlafen, als in der Nacht zum 10. November 1989 ein Stück Weltgeschichte im geteilten Deutschland geschrieben und eine weitere "tickende Zeitbombe" entschärft worden sei. Erst am Morgen des 10. November habe er von den Ereignissen in Deutschland

erfahren - extra geweckt worden sei er nicht, sagte Gorbatschow dem "Stern". "Es war ja auch nicht nötig", denn die Haltung der Sowjetunion sei klar gewesen. Das geteilte Deutschland sei eine Zeitbombe gewesen, mit der Europa auf Dauer nicht habe leben können, sagte Gorbatschow.

550-Seiten-Wälzer mit tiefen Einblicken ins Privatleben
Scharfe Kritik übte der geistige Vater von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) bei der Vorstellung seines Werkes am Dienstag an seinen damaligen politischen Partnern im Westen. Dort habe er 1991 vergeblich um Kredite gebeten, als sich die soziale Lage und der innenpolitische Machtkampf in Russland zuspitzten. "Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sich damals einige unter dem Tisch die Hände rieben, wenn sie an die schlimme Lage unseres Landes dachten", erinnerte sich Gorbatschow.

Unter anderem um diese Erinnerungen seines Lebens geht es auch in Gorbatschows neuestem Werk, seiner Autobiographie mit dem Titel "Alles zu seiner Zeit". Der 82-Jährige zeigt in dem 550-Seiten-Wälzer zum Teil sehr emotionale Einblicke in sein Leben an der Seite seiner 1999 an Blutkrebs verstorbenen Frau Raissa. Diesen größten Verlust seines Lebens versucht der ehemalige sowjetische Staatschef, mit dem Werk zu verarbeiten.

"Habe keinen Zweifel an Richtigkeit meiner Politik"
Obwohl seine Reformen letztendlich zur Auflösung der Sowjetunion führten und ihm die russische Öffentlichkeit nicht überwiegend wohlgesinnt ist, stellte Gorbatschow in Berlin klar, dass er keinen Zweifel an der Richtigkeit seiner Politik habe. "Die Abwendung der atomaren Gefahr, das Ende des Kalten Krieges, die deutsche Wiedervereinigung, ohne Perestroika wäre all das nicht möglich gewesen", sagte der 82-Jährige.

Aber er räumte auch Niederlagen ein. So habe er seine politischen Gegner, vor allem Boris Jelzin, unterschätzt. Manche Historiker und Politologen werfen Gorbatschow weitaus mehr Fehler vor: etwa die tagelange Vertuschung des Ausmaßes der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 oder den Einsatz von Panzern gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Sowjetbürger im Baltikum.

Sorge wegen aktueller Situation in seiner Heimat
Sorgenfalten auf der Stirn bereitet die heutige Lage in seiner Heimat. Den Namen von Kremlchef Wladimir Putin nahm er zwar nicht in den Mund. Aber Gorbatschow ließ durchblicken, dass er sich um die Lage im Riesenreich Sorgen macht. Auch wenn dort immer mehr Menschen Vergangenheit und Gegenwart kritisch hinterfragten - "die Gefahr von Nomenklatura und Bürokratie ist nicht gebannt", befand er.

Auf Demonstrationen werde heute in Russland mit Stalin-Porträts aufmarschiert, und es werde versucht, die Menschen einzuschüchtern, kritisierte Gorbatschow. Aber auf lange Sicht werde die Politik der "harten Hand" keinen Erfolg haben. Er vertraue da ganz auf den Freiheitswillen der jungen Leute - und auf die Sozialdemokratie: "Das ist es, was Russland braucht."

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