Hormann-Interview

Kampusch-Film eine “Umarmung des Lebens”

Kino
27.02.2013 16:35
Regisseurin Sherry Hormann ("Wüstenblume") hat sich nach dem Tod von Produzentenlegende Bernd Eichinger daran gewagt, die über achtjährige Leidensgeschichte von Natascha Kampusch für die Kinoleinwand zu verfilmen. Am Donnerstag startet "3096 Tage" in unseren Kinos.

Als Bernd Eichinger das Projekt "3096 Tage" initiierte, hatte er Sie bereits als Regisseurin im Auge, was Sie ablehnten. Weshalb?
Sherry Hormann: Ich hatte damals gedacht, dass alles über den Fall erzählt worden sei. Ich habe mich auch vor der Grausamkeit gefürchtet. Und deshalb habe ich abgesagt. Als Eichinger dann verstarb, war das natürlich ein Schock. Dann wurde mir sein Drehbuchfragment zum Lesen gegeben. Dabei hat mich die Idee sehr beeindruckt, in die Zweisamkeit zu gehen, das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Figuren zu zeigen und nicht den gesamten Fall zu erzählen. Da bin ich aufgesprungen.

Was war für Sie das Argument, den Film gleichsam als Kammerspiel zu inszenieren?
Hormann: Der Fall ist in seiner monströsen Grausamkeit natürlich singulär. Die Idee, dass ein Mann ein achtjähriges Kind ausspioniert, um es sich als Frau heranzuziehen, finde ich einzigartig. Die Vorstellung, dass so ein Mensch unter uns weilt, das hat mich sehr angetrieben. Der zweite Aspekt war die unglaubliche Kraft des Kindes. Ich weiß nicht, ob ich das überlebt hätte. Wenn ein Kind in einem fensterlosen Raum versucht, sich eine Normalität zu bauen, muss es einen unvorstellbaren Lebenswillen haben. Deshalb ging es mir am Ende darum, einen Film zu machen, der eine Umarmung des Lebens und gleichzeitig eine Erfolgsgeschichte ist.

Was steht hinter der Entscheidung, den Film nicht österreichisch oder deutsch, sondern international auszurichten?
Hormann: Der Film geht über den Fall Kampusch hinaus. Ich bin keine Österreicherin, wir haben nicht hier gedreht, wir haben keine österreichischen Schauspieler besetzt. Irgendwann war klar, dass man den Fall authentisch nimmt und zugleich diesem Vorbild irgendwann Flügel verleiht und zeigt: Es passiert auf der ganzen Welt. Es war wichtig, über das Bild hinauszugehen, das wir alle von den Medien transportiert bekommen haben.

Die körperliche Ebene des Hungers und der sexuelle Missbrauch haben eine zentrale Rolle in Ihrem Film. War es unabdingbar, das zu zeigen?
Hormann: Es gibt einen Abschnitt von Frau Kampusch im Verlies, den wir alle nicht kennen: den Hunger. Und den musste man auch zeigen. Und dazu war Antonia Campbell-Hughes bereit. Und dann begleiten wir ein Kind von zehn Jahren bis zum Alter einer jungen Frau. In dieser Zeit verändert sich der Körper, spielen die Hormone verrückt. Das ist die eine Seite. Und auf der anderen Seite haben wir einen Mann, der sich seine Frau heranzieht, die er irgendwann auch zu seiner Frau machen möchte. Diesen Punkt auszusparen wäre so gewesen, als hätte ich weggeguckt. Ich wollte keine Abblende machen, ich wollte, dass wir hinschauen. Aber wir haben es nicht reißerisch oder voyeuristisch gemacht.

Die Gewalt wird von Ihnen schon beinahe nüchtern, unpathetisch inszeniert. War das eine dezidierte Herangehensweise?
Hormann: Ich habe es immer als empathischen Zugang empfunden. Die Grundfrage ist doch: Wie viel können wir von dieser Monstrosität ertragen? Warum soll ich es mir antun, diesen Film anzuschauen? Ich glaube, dass viele ihre eigenen Schattenseiten entdecken werden, die wir "gesunden" Menschen einigermaßen in den Griff bekommen. Ich wollte dem Zuschauer die Möglichkeit lassen, selbst zu empfinden. Ich wollte ihm kein Empfinden vorgeben.

Wie groß war der Einfluss Ihres Ehemannes Michael Ballhaus, der als Kameramann für das Projekt hinter die Kamera zurückgekehrt ist, auf die Optik des Films?
Hormann: Filmarbeit ist ja immer eine Teamarbeit. Und Michael hat keine Sperenzchen zugelassen, sondern in seiner charmanten Art darauf gedrungen, die Figuren zu lieben und ernst zu nehmen. Deshalb ist die Kameraführung sehr minimalistisch. Es ist kein Film, in dem er 360-Grad-Pirouetten drehen kann - er musste mit sechs Quadratmeter Raum umgehen.

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