Mo, 24. September 2018

Weihnachten in Ö

15.12.2012 17:00

Kurz im Advent-Gespräch mit Andersgläubigen

Auf dem Tisch stehen Weihnachtskekse neben orientalischem Baklava, ein Adventkranz neben einem achtarmigen Chanukka-Kerzenständer, der Symbol für das jüdische Lichterfest ist. Für die "Krone" lud Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz Jugendliche anderer Religionen zu einem Adventgespräch, um zu erfahren, wie Andersgläubige unser Weihnachtsfest empfinden bzw. wie sie diese Zeit begehen.

Bogdan (serbisch-orthodox): Also, ich mag Weihnachten! Das christlich-orthodoxe Fest ist 13 Tage später als das katholische und evangelische, also am 6. und 7. Jänner. Es heißt Boic. An unserem "Heiligen Abend" zündet man einen ganzen Strauch vor der Tür an, den man vorher eigens gekauft hat. Dabei geht es um so etwas wie Räuchern. Am nächsten Tag gibt es Geschenke und eine Messe.

Sebastian Kurz (katholisch): Eure Messen sind sehr lang. Das habe ich schon miterleben dürfen. Bis zu fünf Stunden!

Rachel (Jüdin): Weihnachten wird im Judentum nicht gefeiert. Aber ebenfalls meist in den Dezember fällt Chanukka, unser Lichterfest. Dieses dauert acht Tage im Gedenken an die Wiedereinweihung des Tempels von Jerusalem. Heuer hat Chanukka bereits letzte Woche begonnen, am Vorabend des 8. Dezember. Jeden Tag wird abends, wenn der erste Stern zu sehen ist, eine Kerze angezündet und gebetet. Wir machen entweder ein großes oder acht kleine Geschenke, essen Kartoffelpuffer oder Karpfen.

Manar (Muslimin):(lacht) Ich bin eine gläubige Muslimin, aber trotzdem feiere ich ein bisschen Weihnachten mit und genieße die wundervolle Stimmung um diese Zeit. Ich merke erstaunlicherweise, dass viele meiner muslimischen Freunde Weihnachten mehr lieben als die Katholiken selbst. Ich mag den Christkindlmarkt, Weihnachtskekse und mache meinen christlichen Freunden auch Geschenke! Unser größtes Fest ist aber das "Zuckerfest" am Ende des Fastenmonats Ramadan. Da werden Kinder und Arme mit Geld, Fleisch oder eben Süßigkeiten beschenkt. Heuer war das Zuckerfest am 28. August.

Jaspal (Sikh): Meine Religion ist wahrscheinlich am unbekanntesten hier. Zur Erklärung: Praktizierende Sikhs tragen üblicherweise Turban mit ungeschnittenem Haar darunter. Es ist eine sehr tolerante Religion, ähnlich dem Buddhismus: Uns sind alle willkommen, und bei uns kommen auch andere Religionen vor. Bei uns gibt es gar nichts Vergleichbares zu Weihnachten. Wir haben im Herbst und Winter zwei große Feste. Beim ersten wird einen Tag gefastet. Aber nur von den Frauen, weil die in unserer Religion mehr vor Gott zählen als die Männer. Darum erhört Gott Frauen-Gebete auch mehr. Frauen beten deshalb auch für ihre Männer. Man schenkt sich zu diesem Anlass als Zeichen der Verbundenheit bunte Armbänder und Geld. Das zweite Fest heißt "Diwali" - in Erinnerung an einen Krieg, den die Guten gewonnen haben. Das Licht hat über die Dunkelheit gesiegt. Darum werden an diesem Tag 24 Stunden lang Lichter und Kerzen brennen gelassen. Meine Familie hier in Wien und ich feiern aber sehr wohl Weihnachten. Nicht aus Religiosität, sondern weil wir die Kultur hier schätzen und gerne mitmachen. Ich mag diese Zeit.

Rachel (Jüdin): Ich liebe Weihnachten! Wir singen auch Weihnachtslieder.

Sebastian Kurz: Ich werde mit meiner Familie und meiner Freundin am 24. Dezember auf dem Bauernhof meiner Großmutter im Waldviertel feiern und die Mette besuchen. Am 25. gibt es immer Truthahn. Und bei den Geschenken bin ich jobbedingt leider ein spätberufener Last-Minute-Einkäufer geworden. (lacht) Die Geschenke an meine Lieben sind deswegen auch für mich selbst oft eine Riesenüberraschung.

"Krone": Weihnachten verbindet euch offensichtlich alle auf die eine oder andere Weise deutlich mehr, als es euch trennt. Wie fühlt sich der Alltag sonst an in Österreich?

Jaspal (Sikh): Ich lebe sehr gern hier. Manchmal höre ich ältere Damen an der Straßenbahnhaltestelle sagen: "Früher hätte es das nicht gegeben, so viele Ausländer!" Aber das höre ich ehrlich gesagt gar nicht mehr.

Manar (Muslimin): Uns Muslimen geht es ähnlich. Meine Freundinnen, die Kopftuch tragen, werden hier schon oft von älteren Leuten blöd angeredet. Trotzdem werde ich sicher auch einmal als Zeichen meines Glaubens Kopftuch tragen. Jetzt noch nicht, ich muss mich noch ein bisschen ausleben. Denn das, was ich heute zum Beispiel trage, dürfte ich zusammen mit einem Kopftuch nicht anziehen. Meine Eltern erwarten, dass ich einmal einen Muslim heirate. (lacht) Aber ich war auch schon einmal in einen Christen verliebt.

Rachel (Jüdin): Bei uns gibt es leider sehr viele Konflikte. In meiner Schule hat einmal einer "Judensau" gesagt oder, wir gehören wieder in die Gaskammer. Das hat mich, ehrlich gesagt, schon sehr geschockt und sprachlos gemacht. Dagegen wird man nie immun. Trotzdem stehe ich zu meiner Religion. Aber es tut weh.

Bogdan (serbisch-orthodox): Solche Erfahrungen hatte ich zum Glück nicht. Einer meiner besten Freunde ist Kroate. Da steht die Religion absolut nicht im Weg.

"Krone": Was ist für euch eigentlich "Heimat"?

Bogdan (serbisch-orthodox): Wien ist meine absolute Heimat!

Rachel (Jüdin): Ich denke an Israel. Eigentlich fühle ich mich dort daheim. Ich bin zwei- bis dreimal im Jahr dort. Trotz der Anschläge empfinde ich es irgendwie für mich als sichereren Ort als Wien. Vielleicht werde ich eines Tages auch dort leben. Wer weiß?

Manar (Muslimin): Ägypten ist meine Heimat, weil meine ganze Familie bis auf meine Eltern dort ist. Trotzdem will ich immer hier in Österreich bleiben, weil ich hier aufgewachsen bin und es hier ruhiger und schöner zu leben ist. In Ägypten gibt es viele Probleme und wenig Möglichkeiten auf Bildung. Dort ist alles sehr viel schwieriger.

Tamara (Katholikin): Für mich ist Heimat da, wo man geliebt wird.

Jaspal (Sikh): Für mich ist es ähnlich. Wichtig sind die Menschen, die um einen sind und einen vermissen, wenn man nicht da ist. So gesehen kann überall Heimat sein.

"Krone": Was wünscht ihr euch von den Menschen hier in Österreich?

Rachel (Jüdin): Ich wünsche mir ein bisschen mehr Toleranz.

Manar (Muslimin): Also, ich finde es hier eigentlich sehr gut! Vor allem, wenn man es mit anderen Ländern vergleicht. Mir gefällt es, und ich fühle mich wohl!

Sebastian Kurz: Ich finde es total wichtig, zu zeigen, dass ein Miteinander der Religionen möglich ist, gerade bei dieser Generation. Ich will auch einmal sagen, welch enormen Beitrag Kardinal Schönborn für den Kontakt der Kulturen leistet. Vieles hier wäre hier nicht so selbstverständlich ohne ihn. Es freut mich, zu sehen, wie sehr wir alle verbunden sind. Und eines haben wir einmal mehr gesehen: Grundvoraussetzung dafür ist das Beherrschen der Sprache.

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