Mo, 22. Oktober 2018

"Das ist der Hammer"

10.12.2012 14:30

Opel schließt Werk in Bochum - Tumult bei Versammlung

Opel macht sein Werk in Bochum mit 3.365 Beschäftigten dicht: Wenige Tage vor dem 50. Geburtstag der Fabrik kündigte der Vorstand auf einer von Tumulten begleiteten Betriebsversammlung an, die Produktion des Familienwagens Zafira in der deutschen Ruhrgebietsstadt 2016 auslaufen zu lassen. Opel-Chef Thomas Sedran begründete die Schließung am Montag mit dem dramatisch geschrumpften Automarkt in Westeuropa und den hohen Überkapazitäten in der gesamten Branche.

Damit fällt das erste deutsche Automobilwerk der Absatzkrise in Westeuropa zum Opfer. Opel leidet wie andere Hersteller massiv darunter, dass in Südeuropa kaum neue Autos verkauft werden. Hinzu kommen Managementfehler in den vergangenen Jahrzehnten, durch die die General-Motors-Tochter den Anschluss an die Konkurrenz verloren hat. Vor zwei Jahren hatte Opel bereits sein Werk im belgischen Antwerpen dicht gemacht.

Die Bochumer Beschäftigten reagierten empört. Nach Angaben von Teilnehmern kam es während der nicht-öffentlichen Versammlung zu Tumulten. "Was der Vorstand hier macht, ist der Hammer", beschwerte sich ein Mitarbeiter. "Einfach die Schließung ankündigen und weggehen. Das ist ein Schlag ins Gesicht des Ruhrgebiets."

Rempeleien mit Sicherheitsleuten
"Wie soll das jetzt in Bochum weitergehen? Für Jugendliche gibt es nur noch Hartz IV", beschwerte sich ein Lehrling. Er hoffe, wenigstens seine Lehre abschließen zu können. Ein anderer Teilnehmer berichtete, Mitarbeiter hätten versucht, den Vorstand aufzuhalten, um Fragen zu stellen. Dabei sei es zu Rempeleien mit Sicherheitsleuten gekommen. "Es gab ein Sicherheitsaufgebot wie in Fort Knox", sagte der IG-Metall-Delegierte Paul Fröhlich.

Regierung fordert faire Lösungen für Mitarbeiter
Die deutsche Regierung kritisierte die Entscheidung von GM. "Das ist ein schwerer Schlag für die betroffenen Menschen, für ihre Familien, aber auch für den Industriestandort Bochum", sagte Regierungssprecher Georg Streiter in Berlin. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel erwarte, dass GM alles unternehme, um sozialverträgliche Lösungen zu finden. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle monierte, das Management des US-Konzerns liefere seit Jahren eine Hängepartie und habe dem Ansehen der Marke Opel geschadet. Auch er forderte faire Lösungen für die Mitarbeiter.

Reiner Einenkel, Betriebsratschef des Bochumer Werks, kündigte Widerstand an: "Wir wollen auch nach 2016 in Bochum noch Autos bauen". Zum 50. Jahrestag der Werkeröffnung am 15. Dezember kündigte Einenkel Proteste an. Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug sagte, die Verhandlungen mit dem Management über den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze würden fortgesetzt. Mit der Ankündigung, das Werk dicht zu machen, seien die Gespräche "weder abgeschlossen noch abgebrochen", sagte er Reuters.

GM-Vize Stephen Girsky, der dem Aufsichtsrat von Opel vorsitzt, versprach, "eine signifikante Zahl" an Arbeitsplätzen im Lager und einer möglichen Komponentenfertigung in Bochum zu erhalten. Über einen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen solle mit dem Betriebsrat verhandelt werden. Derzeit sucht eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des Unternehmens, der Arbeitnehmer und der Landesregierung nach Möglichkeiten, um auf dem Werksgelände neue Arbeitsplätze anzusiedeln. Dabei wird auch diskutiert, Komponenten für andere Hersteller zu produzieren.

Größter Industrie-Arbeitgeber in strukturschwacher Region
Das Werk war in den vergangenen Jahren mehrfach verkleinert worden. Dennoch ist es mit einer Gesamtfläche von 1,7 Millionen Quadratmetern nach wie vor der größte industrielle Arbeitgeber in der strukturschwachen Region. Das Getriebewerk mit rund 300 Beschäftigten soll bereits Ende nächsten Jahres schließen. Zu den insgesamt rund 3.400 Mitarbeitern kommen noch 430 Beschäftigte eines Warenverteilzentrums, das eventuell ausgebaut werden soll. Opel-Chef Sedran bekräftigte, Deutschland bleibe "das Rückgrat und die Heimat unserer Marke". Insgesamt beschäftigt Opel in Rüsselsheim, Bochum, Eisenach und Kaiserslautern 20.000 Mitarbeiter. Europaweit sind es einschließlich der britischen Opel-Schwester Vauxhall knapp 40.000.

Nach Ford zieht damit auch GM Konsequenzen aus der Krise in Europa. Ford hat die Schließung von drei Werken in Belgien und Großbritannien mit 5.700 Mitarbeitern angekündigt. GM-Partner Peugeot will eine Fabrik nahe Paris dicht machen, wird daran aber von der französischen Regierung gehindert. Diese verlangt für staatliche Hilfen einen Verzicht auf massiven Stellenabbau. Experten halten europaweit 15 Automobilwerke in der Branche für überflüssig.

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