Mo, 19. November 2018

Agentenkrimi

16.10.2012 09:57

Brautschau für Top-Terrorist Awlaki ging über Wien

Die viel beschworene "Agentendrehscheibe Wien" wird offenbar nach wie vor gern benutzt. Das legt zumindest der neueste Krimi nahe, den ein dänischer Geheimdienst-Informant schildert: Er behauptet, als Doppelagent für den Top-Terroristen Anwar al-Awlaki auf Brautschau gewesen zu sein und dabei für die CIA den Weg zur Beseitigung des amerikanisch-jemenitischen Al-Kaida-Predigers geebnet zu haben. Die "Terrorpaten-Balz" wurde in Wien abgewickelt.

Awlaki war Ende des vergangenen Jahrzehnts der erste US-Bürger, der auf die Terror-Fahndungsliste der CIA gesetzt wurde. In New Mexico geboren, lebte er damals aber schon seit Jahren im Jemen, wo er mit seinen charismatischen Predigten junge Jihadisten für das Terrornetzwerk Al-Kaida anwarb. Der berüchtigte "Unterhosen-Bomber" von Detroit soll von ihm rekrutiert worden sein, der mutmaßliche Amokläufer von Fort Hood, Major Nidal Hasan, beschrieb Awlaki als sein Vorbild. Im September 2011 wurde Awlakis Versteck im nördlichen Jemen ausfindig gemacht, die CIA liquidierte den "Bin Laden des Internets", wie Awlaki aufgrund seiner Social-Media-Fähigkeiten genannt wurde, mit einem Drohnenangriff.

Terrorpate (38) sucht blonde Konvertitin
Dass der US-Geheimdienst den Terroristen überhaupt aufspüren konnte, soll laut der renommierten dänischen Zeitung "Jyllands Posten" aber der Verdienst des dänischen Geheimdienstes PET und seines Informanten namens Morten Storm sein. Storm gab der Zeitung mehrere Interviews und legte laut "Jyllands Posten" demnach auch Beweise vor, die seiner Schilderung Glaubwürdigkeit verliehen. Eine elfminütige englischsprachige Videozusammenfassung des Agentenkrimis findet sich auf der Website der Zeitung.

Die Geschichte beginnt 2006, als Storm erstmals im Jemen in Kontakt mit Awlaki tritt. Der spätere Doppelagent war zu dieser Zeit mehr Krimineller als Staatsdiener und machte mit Islamisten Geschäfte. Er gewann Awlakis Vertrauen - und witterte 2009 den Deal seines Lebens, als der damals 38 Jahre alte Terror-Prediger ihn mit der Bitte kontaktierte, ob Storm sich nicht um eine Frau für ihn umsehen könne. Hellhäutig, am besten blond und Konvertitin solle sie sein.

Auf Facebook Liebeserklärungen an Awlaki gepostet
Storm tat zunächst wie ihm befohlen und ging in Internetforen und auf Facebook auf Brautschau. Er wurde in einer 33-jährigen Kroatin namens Aminah fündig, die sich in mehreren Facebook-Gruppen als glühende Verehrerin Awlakis geoutet hatte. Die laut Storm bildhübsche Frau arbeitete in Zagreb als Behindertenpflegerin und war erst vor Kurzem zum Islam konvertiert. Der Däne konnte sie überzeugen, dass er tatsächlich auf Partnersuche für den Al-Kaida-Prediger war. Aminah erklärte sich bereit, Awlaki zu heiraten, und zeigte sich auch mit seinen Gewalt-Aufrufen einverstanden.

Noch während der Brautschau stellte Storm Kontakt zum PET her, der dänische Geheimdienst wiederum kontaktierte die CIA. Kurze Zeit später war Storm ein Doppelagent mit der Mission, Aminah bei ihrer Reise zu Awlaki mit einem GPS-Sender auszustatten, damit die Amerikaner seinen Aufenthaltsort erfahren würden. Dass bei einem Angriff dann auch Aminah getötet würde, nahmen die beiden Geheimdienste in Kauf, so Storm zur "Jyllands Posten".

"Balz" per Videobotschaft in Wien
Doch es sollte noch mehrere Monate dauern, bis Storm die "Balz" des Terroristen mit der heiratswilligen Frau hinter sich bringen konnte. Er fungierte von Ende 2009 bis Mai 2010 als Kuppler zwischen den beiden und überbrachte bei insgesamt drei Treffen in Wien Videobotschaften des liebestollen Al-Kaida-Predigers, der seine Zukünftige gleich im ersten Film darauf einschwor, dass sie beide womöglich häufiger die Adresse wechseln und, statt in einem Haus, manchmal auch in einem Zelt im Nirgendwo leben würden. Die Angebetete blieb jedoch skeptisch gegenüber Storm, da die Botschaften sehr allgemein gehalten waren. Im letzten Video setzte sich Awlaki frisch gebadet und frisiert in weißem Gewand vor eine rosa Blumentapete (Bild links): "Diese Aufnahme habe ich nur für meine Schwester Aminah gemacht... Ich sage dir, jener Bruder, der mit dir in Kontakt ist: Du kannst ihm vertrauen."

Die Treffen fanden an verschiedenen Orten in Wien statt, meistens aber am internationalen Busbahnhof in Wien-Erdberg. Storm legte der "Jyllands Posten" als Beweis für seine Reisen nach Österreich unter anderem die Rechnung eines Hotels im 7. Bezirk vor. Aminah antwortete dem Terror-Prediger auch in Videobotschaften (Bild rechts). In der letzten, als sie den Entschluss fasste, Awlaki zu heiraten, sagte sie: "Ich hoffe, ich gefalle dir. Ich werde alles, was zu tun ist, auf mich nehmen, und Allah wird uns helfen."

250.000 Dollar für GPS-Sender im Gepäck der Braut
Im Juni 2010 sollte Aminah in den Jemen reisen. Storm bekam von der CIA bei einem Treffen im "Crowne Plaza Hotel" in Kopenhagen einen Koffer mit 250.000 Dollar und einen GPS-Sender ausgehändigt, samt Instruktionen, wie er das Peilungsgerät am Gepäck Aminahs anbringen solle. Die blonde Kroatin reiste tatsächlich in die jemenitische Hauptstadt Sanaa und blieb dort mehrere Wochen. Womit die Agenten jedoch nicht rechneten, war die Paranoia Awlakis, der sich mittlerweile ja auf der CIA-Fahndungsliste wusste. Aminah ließ ihr gesamtes Gepäck zurück, als sie nach wochenlanger Warterei abgeholt wurde, um zu Awlaki gebracht zu werden.

Im letzten Kapitel des Agentenkrimis trifft Storms Schilderung auf die offizielle Version der Amerikaner. Der Däne behauptet, er sei von Awlaki 2011 erneut kontaktiert worden, um dessen neuer Frau ein paar westliche Annehmlichkeiten in Form von Haarpflegeprodukten zu besorgen. Amerikanische Agenten hätten sich dann an die Fersen des Boten geheftet, der Storms Paket im Jemen überbrachte, und auf diese Weise Awlakis Aufenthaltsort erfahren. Die CIA, die bis auf den Umstand, dass es einmal "Hinweise" aus Dänemark im Zusammenhang mit Awlaki gegeben hat, bisher nichts von Storms Geschichte bestätigte oder dementierte, behauptet, ihre eigenen Bemühungen hätten zur Liquidierung Awalkis geführt.

Storm wegen Drohungen untergetaucht
Storm selbst ist laut "Jyllands Posten" untergetaucht, nachdem er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen war. Er habe mehrfach Todesdrohungen von Islamisten erhalten, die ihn bis vor Kurzem auf ihrer Seite wähnten. Aminah, Awlakis nunmehrige Witwe, führt die Propaganda-Bemühungen ihres Mannes als Mitarbeiterin einer Al-Kaida-Website weiter. Ihr Aufenthaltsort ist unbekannt.

Kommentare

Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen
Bei 2:1 in Nordirland
Die Noten: Schlager war unser bester Mann am Platz
Fußball International
Nach 2:1 in Nordirland
ÖFB-Kapitän: „Das müssen wir für 2019 mitnehmen“
Fußball International
Frühgeburten
Wenn es Babys eilig haben
Gesund & Fit
Grausame Drohungen
Europas Königskinder in höchster Lebensgefahr?
Video Stars & Society
Nations League
Schweiz holt sich Finalticket mit 5:2 über Belgien
Fußball International
Stimmen zu NIR - AUT
O‘Neill: Arnautovic-Einwechslung war Knackpunkt
Fußball International

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.