Oscar-Favorit

“The Descendants”: George Clooney als gehörnter Ehemann

Kino
25.01.2012 13:18
George Clooney, der Wandelbare. Mit dem Film "The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten" (Kinostart: 27. Jänner) unterzog sich der Star erneut einer schauspielerischen Reifeprüfung - in der Rolle eines vom Schicksal geprüften Vaters. Und er geht damit schnurstracks auf Oscar-Kurs. Exotischer Schauplatz ist Hawaii.

In seinen Anfängen, bevor er ein Weltstar wurde, verkaufte er Damenschuhe. Keine schlechte Erfahrung, ließ er uns wissen - bis auf die Lügen der Frauen, schwindelten diese doch fast immer bei der Schuhgröße. Später dann, als smarter TV-Weißkittel, löste er Herzflimmern im "Emergency Room" aus.

Er sprühte vor Charisma als Meisterdieb in "Ocean's Eleven", "Ocean's Twelve" und "Ocean's Thirteen", lieferte sich bedingungslos dem Regieirrsinn der Brüder Ethan und Joel Coen aus und legte so herrlich schräge Charakterstudien als entsprungener Sträfling in "O Brother, Where Art Thou?" oder in der Geheimdienstfarce "Burn after Reading" vor, er amüsierte als passionierter Vielflieger in "Up in the Air", gab den ausgebrannten Killer in "The American" und er bewies mit Produktionen wie "Syriana", "Michael Clayton" oder zuletzt "The Ides of March" (siehe oben) Rückgrat in Sachen politischer Verantwortungskultur im Kino. 

Mit Golden Globe prämiert
Er ist die Art von Schauspieler, die Hitchcock sofort engagiert hätte, punktet Clooney doch in Zeiten gnadenloser Jugendlichkeit mit adulter Autorität und charmanter Silberschläfen-Reife, die Müttern wie Töchtern gefällt. In dem nun in unsere Kinos kommenden, von Wehmut und Wahrheitsstreben durchzogenen Streifen "The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten" - dafür bekam er vor Kurzem bereits einen Golden Globe - bereichert George Clooney seine Filmographie als Darsteller um weitere charakterstarke Nuancen - als Familienvater, Anwalt und Großgrundbesitzer auf Hawaii, den das Schicksal schwer prüft. Regie führte Alexander Payne, der nach der Oscar-prämierten, süffig-weinseligen Napa-Valley-Tour "Sideways" oder auch nach "About Schmid" erneut seinen Protagonisten - und sympathischen Anti-Helden - an einer Lebenszäsur wachsen lässt.

Clooney spielt Matt King, einen Anwalt in Honolulu, dessen Familie seit Generationen auf dem Hawaiianischen Inselarchipel lebt und dem der Stolz auf seine beiden Töchter förmlich ins Gesicht geschrieben steht. Ein Speed-Boat-Unfall seiner Frau hat fatale Folgen: Nicht nur, dass diese ins Koma fällt, nein, Matt muss sich einer noch viel schmerzvolleren Realität stellen: Die Mutter seiner Kinder hatte eine Affäre - und wollte ihn verlassen... Gemeinsam mit seinen Töchtern - und dem Freund der aufmüpfigen Älteren - macht sich Matt auf die Suche nach dem anderen Mann. Dem Liebhaber.

Tour der Erkenntnis
Eine Reise - und Tour der Erkenntnis, die zum Kernstück dieses Films wird und nach Kauai führt - und den Filmfiguren berührende Widersprüchlichkeit zugesteht. Alexander Payne verwebt die filmische Adaption des Romans der Autorin Kaui Hart Hemmings - eine melancholische Ballade über Werte, familiäre Wurzeln und die im Leben eingebundene Endlichkeit - zu großem Erzählkino vor dem Hintergrund vulkanisch-archaischer Landschaften und er zeigt uns den Schauspieler Clooney, wie wir ihn noch nicht gesehen haben. Nein, dies ist keine Anspielung auf dessen kesse Strandshorts, aus denen zugegebenermaßen sehr ansehnliche, sportlich-gebräunte Männerbeine ragen. 

Vielmehr verzichtet der Hollywoodstar hier völlig auf die zuletzt in Politstreifen automatisierten Sunnyboy-Allüren und zeigt sich verwundbar und geerdet. Und so steht auf dem unsichtbaren Banner, das er vor sich herzutragen scheint: Familie ist, wenn man zusammenhält. Ein heftiger Disput über den Verkauf eines unberührten Stück Landes bereichert den Film "The Descendants" um zusätzliche Dynamik.

Vaterrolle noch nicht angepeilt
Die Vaterrolle hat George Clooney selbst bislang nicht angepeilt. Er hält seinen attraktiven Gen-Pool unter Verschluss. Für seinen Vater findet er nur lobende Worte. Clooney: "Mein Vater war der Typ, der immer die richtigen Worte im richtigen Moment parat hatte. Extrem schlagfertig eben. Ich stand daneben und dachte nur: Wow! Und er war durch und durch Idealist. Es war aber nicht immer einfach, das Kind eines Idealisten zu sein!"

Als Beispiel erinnert sich der Hollywood-Star an folgende Begebenheit: "Mein Vater war ein Vollblutjournalist. Ein echter Nachrichtenmann. Als Bobby Kennedy ermordet wurde, machte Dad eine TV-Show in Columbus, Ohio. Da stand er dann plötzlich in meinem Zimmer und ich musste alle meine Spielzeugwaffen, also Spritzpistolen und dergleichen, rausrücken. Alle! Er steckte sie in einen Sack und nahm sie mit in seine Show, wo er sich an das Publikum wandte: 'Mein Sohn hat mir dies hier gegeben. Er will - und wird nicht mehr damit spielen.' Eine eindringliche Botschaft, nicht wahr? Und clever dargebracht!"

Die Romanverfilmung "The Descendants" handelt von familiären Bindungen. Familie ist..? Clooney: "Unbedingter Zusammenhalt. Doch manchmal sind Freunde einfach die bessere Familie."

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