Mi, 19. September 2018

K2-Kletterin im Talk

22.09.2011 16:51

Kaltenbrunner eine Heldin? 'Damit kann ich nichts anfangen'

Sie ist die erste Frau, die alle 14 Achttausender ohne Hilfe von künstlichem Sauerstoff bestiegen hat - Gerlinde Kaltenbrunner. Am 23. August hatte die 41-jährige Bergsteigerin den Gipfel des K2 erreicht, Anfang September kehrte sie dann in ihre Wahlheimat Deutschland zurück und nun, zwei Wochen später, folgte ihr erster Auftritt nach der Weltsensation in der alten Heimat Österreich. Die "Krone" traf die laut Reinhold Messner "beeindruckendste Bergsteigerin der Gegenwart" im Anschluss zum Interview.

Das Dachfoyer des OMV-Gebäudes unweit des Wiener Praters ist gerammelt voll, die Spannung steigt. In wenigen Minuten wird Gerlinde Kaltenbrunner, die erste Frau, die jemals 14 Achttausender ohne Hilfe von Sauerstoff bezwungen hat, vor den anwesenden Journalisten erscheinen. Erster Eindruck von Gerlinde Kaltenbrunner: sehr zart, sehr zurückhaltend und eine unglaubliche Präsenz. Man spürt die innere Kraft und jene Demut, die übermenschliche Zielstrebigkeit von dreister Waghalsigkeit unterscheidet. Kaltenbrunner begrüßt die Anwesenden damit, dass sie "überrascht" sei, "dass sich so viele Menschen Zeit für diesen Termin genommen haben".

"Krone": Frau Kaltenbrunner, ist nun Ihr beruflicher Lebenstraum erfüllt?
Gerlinde Kaltenbrunner: Ein Lebenstraum ist nun in Erfüllung gegangen, aber man kann ja mehrere Lebensträume haben. Mein ganz großes Ziel war es natürlich, auf allen 14 Achttausendern gestanden zu haben. Zum Schluss war vielleicht sogar der K2 mein großer Lebenstraum, weil ich mich so sehr mit ihm beschäftigt habe.

"Krone": Beziehen Sie sich dabei auf das Bergsteigen oder Projekte in anderen Bereichen?
Kaltenbrunner: Es gibt Träume im sozialen Bereich. Zum Beispiel möchte ich mich auf meine Arbeit mit der Nepal-Hilfe konzentrieren. Sehr am Herzen liegt mir auch Pakistan, da unterstütze ich bereits eine Mädchenschule, und da möchte ich noch mehr machen.

"Krone": Sie sind ausgebildete Krankenschwester. Könnte der Fokus bei sozialen Projekten auch in der medizinischen Versorgung in gewissen Gegenden liegen?
Kaltenbrunner: Die Bildung ist der erste Schritt, weil sie viele Themenbereiche beeinflusst. In Pakistan ist es zum Teil wichtig, den Menschen zu erklären, wie man mit Hygiene umgeht und damit Krankheiten von sich weist.

"Krone": Gibt es auch Pläne für weitere sensationelle Besteigungen?
Kaltenbrunner: Jetzt erst einmal ist etwas Ruhe und Erholung angesagt. Aber wir haben bereits neue Ziele im Kopf. Für das Frühjahr denken wir an einen sehr hohen Siebentausender. Außerdem sind sehr viele Vorträge geplant.

"Krone": Wie haben Sie sich beim Aufstieg immer wieder motivieren können?
Kaltenbrunner: Man darf nicht an Mühsamkeiten denken, die auf einen zukommen können, sondern einfach Schritt für Schritt gehen und das Vorhersehbare einkalkulieren. Die Kraft ist mir zum Glück nie ganz ausgegangen. Ich hatte von Anfang an ein sehr gutes Bauchgefühl, obwohl mein Mann Ralf bereits vorzeitig abgestiegen ist. Wir sind an jenem Tag sehr langsam vorwärts gekommen, und es war klar vorauszusehen, dass wir Lager zwei nicht wie geplant erreichen werden. Ich habe mir also auf 6.100 Meter ein ebenes Platzerl ausgesucht und so haben wir übernachtet. Erst auf Lager zwei konnte ich mit Ralf wieder telefonieren. Ab jetzt konnte er uns den Wetterbericht durchgeben, um uns später aus zehn Kilometer Entfernung sagen zu können, wie wir zum Gipfel vordringen können, indem er beispielsweise Gletscherspalten gesehen hat. So hatte alles seinen Sinn, weil seine Mitteilungen äußerst hilfreich und motivierend für uns waren.

"Krone": Woran dachten Sie, als Sie auf dem Gipfel standen?
Kaltenbrunner: Es war schlichtweg ein ergreifender Moment nach so vielen Rückschlägen. Die ersten 15 Minuten war ich ganz alleine. Ich war einfach dankbar, das erleben zu dürfen, die Windstille, den Ausblick, das unglaubliche Licht. Mein Funkgerät war eingeschaltet. Ich wollte Ralf sagen, was ich fühle, aber ich habe nichts herausgebracht. Er hat mich durch das Fernglas beobachtet und das sehr gut verstehen können. Es war einfach nur schön.

"Krone": Aber dann kam noch der Abstieg...
Kaltenbrunner: Dieser ist beim K2 fast anspruchsvoller als der Aufstieg. Als ich endlich unten bei Ralf war und wir uns umarmt haben, war das eigentlich mein Gipfel. Ich wusste, jetzt haben wir es geschafft.

"Krone": Wie sehen Sie die Leistung Ihrer Kolleginnen, die vor Ihnen 14 Achttausender bestiegen haben, allerdings mit Hilfe von künstlichem Sauerstoff?
Kaltenbrunner: Auch mit künstlichem Sauerstoff ist die Leistung erbracht. Den Unterschied kann ich nicht sagen, weil ich auf 8.000 Metern noch nie Flaschen-Sauerstoff genommen habe. Es macht natürlich einen Riesenunterschied. Jeder muss das für sich wissen und entscheiden. Für mich war immer klar, dass ich einen Gipfel nicht mit diesem Hilfsmittel besteigen möchte, und es hat zum Glück geklappt.

"Krone": Warum haben Sie es als Einzige ohne Hilfsmittel geschafft und dabei auch Männer im Schnee stehen lassen?
Kaltenbrunner: Ich trainiere sehr viel und ich möchte sagen, dass wir dieses Mal ein besonders gutes Team hatten. Aber an dieser Stelle möchte ich einmal anbringen, dass nicht, wie viele sagen, die Kasachen für mich die Spur getreten und Seile angebracht haben. Ich vertrage die Höhe sehr gut, ich glaube auch, weil ich am Berg viel Flüssigkeit zu mir nehme. Ich höre mit dem Schneeschmelzen nicht auf, bis ich meine fünf Liter getrunken habe. Andere Kollegen hören bei drei Litern auf.

"Krone": Ist Ihnen bewusst, dass Sie für sehr viele Menschen eine Heldin sind?
Kaltenbrunner: Damit kann ich nichts anfangen! Aber ich weiß aus sehr vielen Briefen, dass die Menschen es so sehen.

"Krone": Ihr Lebensmittelpunkt befindet sich seit vielen Jahren in Deutschland. Welche Gefühle hegen Sie für Österreich?
Kaltenbrunner: Österreich wird im Herzen immer meine Heimat bleiben und es ist jedes Mal schön, zurückzukehren.

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