Sa, 22. September 2018

Oscar-nominiert

28.09.2011 12:45

Brillantes Debüt als Regisseur: "Atmen" von Karl Markovics

Preisgekrönt dieses Jahr in Cannes sowie auch beim Filmfestival in Sarajevo. Karl Markovics' erste Regiearbeit "Atmen" erzählt von einem Jugendstraftäter und Freigänger, für den der Tod in gewisser Weise zum Bewährungshelfer wird. Ein herausragender Film.

Wenn Gitterstäbe den Horizont verstellen und die klaustrophobische Enge der Zelle spürbar machen, scheint alles, was da draußen ist, besser zu sein als die Gefangenschaft. Und doch: Mit Freiheit muss man umgehen können. Eine Überdosis davon führt schnell zu Orientierungslosigkeit für den, der sie nicht kennt, ja ermessen kann.

Romans Welt war seit jeher eng, von Beschränkungen umstellt. Als Heimkind war er immer unfrei. Weil Entfaltung eine Frage der Liebe ist, die ihm verwehrt blieb. Nun sitzt er in einer Jugendstrafanstalt, arretiert in einem monotonen Alltag, in dem nur die Schikane die Sprachlosigkeit lautstark durchbricht.

Roman, gespielt von Thomas Schubert, ist Protagonist im Film "Atmen", der ersten, von ungeschöntem Realismus durchzogenen Regiearbeit des Ausnahmetalents Karl Markovics, der seine Rollen als Schauspieler stets einer Art innerem Echolot unterzieht, bis er deren Tiefe ganz ermisst. Großartig - und Oscar-gekrönt - seine Performance in "Die Fälscher", in "Franz Fuchs - Ein Patriot", "Mahler auf der Couch" oder zuletzt in "Unknown Identity".

Roman, 19, vom Weg abgekommen
Nun aber hat ihn die Regie gereizt, oder vielmehr das "Ausloten" einer persönlich erdachten Geschichte, deren Koordinaten zwischen Gefängnis und Bestattungsinstitut, zwei gesellschaftlichen Tabubereichen, Gestalt annehmen. Roman ist 19, und er ist brutal vom geraden Weg abgekommen, weil es nie Markierungen für ihn gab. Seine Resozialisierung führt über das Eingliedern in die Arbeitswelt.

Als Freigänger findet der in sich gekehrte Straftäter einen Job in einem Bestattungsunternehmen. Zurück ins Leben durch Gevatter Tod, so der filmische Ansatz von Karl Markovics' Erstlingswerk, das bewusst auf karge Bildästhetik und bedachtsamen Diskurs, gepaart mit sporadisch-morbider Komik, setzt.

Recherche in der Welt der Bestattung
Drei Monate lang tauchte der Neo-Filmemacher bei seinen Recherchen in die Welt der Bestattung ein. Und in Thomas Schubert fand er einen jungen Mann, der noch nicht das glatte Furnier einer erfolgreich durchlaufenen Schauspielschule besaß, dessen Zögern und Zaudern seiner ureigensten Wahrhaftigkeit entsprach. Wie dieser zwischen den sterblichen Hüllen, den klammen und erstarrten Gliedern und Särgen agiert, mit dem stoischen Ernst eines Dienstleisters, der zurück ins Leben will - wenn's sein muss, über den Umweg aller Endlichkeit - geht unter die Haut.

Denn nur hier, außerhalb der Wände seiner Gefängniszelle, kann er aufatmen, durchatmen, während die, die vor ihm liegen, ihren Odem längst ausgehaucht haben. Eine bizarre Diskrepanz, deren Bedeutsamkeit von Karl Markovics überdies mit sterilen schwimmbadblauen Unterwasserbildern kontrastiert wird. Denn manchmal taucht Roman auch unter im Becken der Strafanstalt - und dann hält er den Atem an, solange er kann. Und es ist der lange Atem, der ihn rettet. Der uns alle rettet. Im Leben. Im Job. In der Liebe. Bis in den Tod.

"Totenkult wird heute tabuisiert"
Atmen ist ein vitales Grundbedürfnis. Wie die Freiheit auch. Davon erzählt Markovics' Film "Atmen" - und auch wie man sich dem Leben stellt. Mit geblähten Lungen - und Seelenflügeln. Weil Agonie und Resignation ein Ersticken auf Raten bedeuten. Karl Markovics zu seiner Regiearbeit: "Ich fand es spannend, einen Film über die Bestattung zu machen, einen Dienstleister, der von Berufs wegen mit dem Tod umgeht. Anders als in der Antike wird der Totenkult heute ja tabuisiert!" Raffiniert jongliert er dabei mit metaphorischen Bildern, die sich unaufdringlich-still in unser Gedächtnis einbrennen, dem Film Kontur verleihen, ohne dass ein Wort zu viel fällt.

Mit dem ersten Schrei erobern wir uns die Luft. Wer atmet, lebt. Und wer die Luft anhält, trägt ein kleines Reservoir Freiheit in sich. Karl Markovics' Hauptdarsteller Roman greift nach dieser Freiheit - aus der Einsamkeit heraus. Es gibt sie, die Berufung gegen das Urteil des Lebens.

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