16.04.2022 00:01 |

Parkinson

Therapie gibt ein Stück Selbstständigkeit zurück

Bei Parkinson fehlt im Gehirn der wichtige Botenstoff Dopamin. Durch Medikamente wird dieser Mangel ausgeglichen. Mit Fortschreiten der Erkrankung lässt jedoch oft die Wirkung der Tabletten nach. Dank eines modernen Verfahrens kann die Niederösterreicherin Jutta Herbert ihre Krankheit wieder besser kontrollieren.

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Jutta Herbert aus Pernitz hatte plötzlich Probleme beim Gehen, Schreiben und Sprechen. „Es begann im Jahr 2004. Anfangs dachten alle an einen Schlaganfall, denn wer rechnet bei einer etwa 40-Jährigen mit Parkinson“, berichtet die heute 62-Jährige. Nach zahlreichen Arztbesuchen erhielt sie endlich die Diagnose und eine medikamentöse Therapie. Die Tabletten zeigten Erfolg, und jahrelang ging alles gut. Mit Fortschreiten der Erkrankung sprach Frau Herbert aber immer schlechter auf die Medikamente an.

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Es begann im Jahr 2004. Anfangs dachten alle an einen Schlaganfall, denn wer rechnet bei einer etwa 40-Jährigen mit Parkinson.

Jutta Herbert

Phasen mit völliger Bewegungsunfähigkeit
„Ich musste alle 2 Stunden Tabletten nehmen. Diese wurden nach und nach mehr, bis zu 18 Stück am Tag, und man darf keine einzige vergessen. Parkinson-Patienten gehen ständig mit der Uhr“, so die Niederösterreicherin. Zunehmend traten die gefürchteten Wirkschwankungen auf. Gatte Martin erinnert sich: „Von einem Moment auf den anderen war meine Frau wie ,eingefroren‘ und musste warten, bis sie sich wieder bewegen kann. Das ging so den ganzen Tag. Ich war immer in Sorge, wenn ich in der Arbeit und sie alleine zu Hause war. Wir konnten nirgends hinfahren, nicht essen gehen.“

Wirkstoff wird direkt in den Darm abgegeben
Nach viel Information und Beratungen stieg Frau Herbert auf eine Pumpen-Therapie um. Bei dieser wird das Medikament kontinuierlich über eine durch die Bauchwand gelegte Sonde direkt in den Dünndarm verabreicht. „Die Entscheidung dafür ist nicht leicht, es erfordert schließlich einen chirurgischen Eingriff. Die Sonde gehört auch gepflegt und gespült, und beim Anhängen der Pumpe in der Früh, wenn die Wirkung der Medikamente nachlässt, muss ich meiner Frau helfen“, so Herr Herbert.

Fachliche Unterstützung durch eine auf diese Parkinson-Therapie spezialisierte Gesundheits- und Krankenpflegerin erleichtern Jutta Herbert den Gebrauch des Geräts. Seit Herbst 2021 ist die unauffällig zu tragende Pumpe ständiger Begleiter der 62-Jährigen. „Meine Frau kann wieder alleine mit dem Rad zum Einkaufen fahren“, ist Martin Herbert glücklich über die gewonnene Lebensqualität. Auch einen Thermenurlaub in Ungarn hat das Paar für Ende Mai bereits gebucht.

Experte zu den Möglichkeiten der Behandlung im Interview

Krone“: Worauf basiert die Parkinson-Therapie?
OA Dr. Volker Tomantschger, Abteilung für Neurologische Rehabilitation, Gailtal-Klinik, Hermagor (Ktn): Sie wird individuell auf den Patienten abgestimmt. Stärkste und wirksamste Therapie ist L-Dopa. Dieses wird im Gehirn in Dopamin umgewandelt. Die Verabreichung erfolgt klassisch als Tablette. Treten mit der Zeit Schwankungen im Wirkungsbereich auf,kann das Medikament kontinuierlich mittels Pumpeüber eine dünne Sondein den Dünndarmverabreicht werden. Den zweiten Eckpfeiler stellen Dopaminagonisten dar.Sie regen die Bindungsstellen in den Nervenzellen (Rezeptoren) an, die für die Dopaminaufnahme zuständig sind. Dazu zählt u. a. Apomorphin, dessen Wirkstärke jener von L-Dopa entspricht. Dopaminagonisten gibt es als Tabletten, Pflaster, Pen sowie als Pumpe mit Verabreichung unter die Haut. Weitere Medikamente:COMT-Hemmer verlängern und erhöhen die Wirksamkeit von L-Dopa Präparaten, weshalb beide gemeinsam verabreicht werden.MAO-B-Hemmer reduzieren den Abbau von Dopamin im Gehirn.

Was ist bei Verwendung der Pumpen zu beachten?
Es sollten mehrere Bezugspersonen in das System eingeschult werden, sodass rasch Hilfe vor Ort sein kann.Auch istein Notfallszenario zu besprechen, um sicherzustellen, dass bei einem Systemausfall kurzfristig Medikamente oral genommen werden. Vor Tätigkeiten, bei denen die Pumpe stört oder nicht verwendet werden darf, wie Duschen, Schwimmbad, Sauna, partnerschaftlicher Intimität, ist es möglich, eine Extradosis zu geben und das Gerät für 30 Minuten abzuhängen.

Für jede Phase die optimale Pumpe
Abhängig von Alter, Bedürfnissen der Patienten bzw. dem Krankheitsverlauf können verschiedene Therapien die Beschwerden lindern. Bei den ersten Symptomen startet in der Regel eine oral medikamentöse Behandlung, um den Mangel des Botenstoffs Dopamin im Gehirn auszugleichen bzw. den Abbau zu hemmen.

Nach mehreren Jahren mit gutem Ansprechen auf die Tabletten beginnt mitunter die Wirkung, meist durch Magenentleerungsstörungen, zu schwanken. Dies führt zu - oft mehrmals täglichem - Wechsel von Phasen guter (On) und schlechter Beweglichkeit (Off) sowie teils störender Überbeweglichkeit.

Alternative zu den Tabletten
Um den Weg des Arzneimittels durch den Magen zu umgehen, kommen Pflaster, Pen oder Pumpensysteme zur Anwendung. Auch eine tiefe Hirnstimulation (Implantation von Elektroden) kann Abhilfe schaffen. Diese wird ab 70 kaum mehr durchgeführt.

  • Apomorphin Auto-Injektor-Pen: Kann stoßweise (wie Insulin-Pen bei Diabetikern) bei einer Off-Phase als Notfallmedikament verabreicht werden.
  • Apomorphin-Pumpe: Hier erfolgt die Abgabe des Wirkstoffs kontinuierlich mittels Infusion über eine kleine Pumpe direkt in das Unterhautgewebe.
  • Levodopa-Pumpe: Eine Sonde wird durch die Bauchdecke über den Magen bis in den Dünndarm gelegt, der Wirkstoff dort direkt aufgenommen und vom Gehirn in Dopamin umgewandelt.

Moderne Pumpen steigern Lebensqualität
Seit Anfang 2021 ist in Österreich eine neue kleine, leichte, geräuscharme und somit diskretere Parkinson-Pumpe verfügbar. Dies erleichtert den Patienten den Alltag.

Weitere Infos finden Sie hier: www.parkinson-portal.at/news

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