Das Epidemiengesetz sehe vor, dass ein Verdachtsfall schon dann der Behörde gemeldet werden muss, wenn ein Patient an blutigem Durchfall erkrankt sei und sich im Ausland aufgehalten habe - genau das sei bei dem 30-Jährigen der Fall gewesen. Der Salzburger habe sich zwei Wochen lang in den USA aufgehalten und anschließend noch zwei Tage in München.
Laut Michael Haybäck, dem Leiter des Amtes für öffentliche Ordnung, hat der Salzburger in München außerdem rohes Gemüse und Salat zu sich genommen. Kontakt nach Norddeutschland oder Hamburg habe der Salzburger zuletzt aber nicht gehabt. Offenbar dürften weder der Gemüsekonsum noch der Aufenthalt in Deutschland einen Zusammenhang mit der Durchfallerkrankung haben.
Laut dem Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin III, Primar Richard Greil, geht es dem Patienten inzwischen gut, er habe zwar blutige Durchfälle, aber keinerlei andere für EHEC typische Symptome wie etwa ein Nierenversagen. Zudem habe sich die Zahl der Stuhlgänge inzwischen wieder auf ein bis zwei pro Tag normalisiert. Der zweite toxikologische Befund steht noch aus. Der Arzt erwartet diesen für das bevorstehende Wochenende und rechnet auch hier mit einem negativen Ergebnis.
Zwei EHEC-Fälle in Tirol
Am Donnerstag waren in Tirol zwei EHEC-Fälle bekannt geworden. Betroffen sind ein Bub aus dem Unterland und eine deutsche Urlauberin, berichtete der ORF. Die Deutsche habe sich mit dem neuen, aggressiven EHEC-Bakterium infiziert, wurde Reinhard Würzner, Mikrobiologe und Immunologe an der Universität Innsbruck, zitiert. Bevor sie ihren Urlaub in Osttirol verbrachte, habe sie sich in Norddeutschland aufgehalten, wo es derzeit eine Vielzahl von EHEC-Fällen gibt. Inzwischen ist die Frau allerdings wieder nach Deutschland abgereist, so Würzner weiter. Ihr Gesundheitszustand hatte sich verbessert. Jetzt werde ihre Umgebung in Osttirol untersucht, erklärte der Mikrobiologe die Vorgehensweise nach dem Aufkommen des Keims.
Bei dem Buben sei die Infektion zufällig festgestellt worden. Er habe sich mit dem "alten, immer wieder auftretenden EHEC-Erreger" angesteckt, erklärte Würzner. Dieser ist weitaus weniger gefährlich als die derzeit in Norddeutschland grassierende Mutation.
Ungenügende Hygiene sei laut Würzner ausschlaggebend für die Verbreitung des Keims. Dieser werde nicht wie bei einer Tröpfchen-Infektion durch Husten oder Niesen übertragen, sondern per Schmierinfektion durch den direkten Kontakt mit infizierten Oberflächen.
Hoffnung auf Therapie wächst
In Deutschland sind bislang 18 Menschen an der neuen, aggressiven Variante des EHEC-Erregers gestorben. Wie am Freitag bekannt wurde, ist eine 80-jährige Frau aus Thüringen, die zur Kur im Nordosten war, am Mittwoch im Landkreis Nordvorpommern an dem Durchfallerreger gestorben.
Nach der Entschlüsselung des Erreger-Genoms wächst jetzt allerdings die Hoffnung, dass die Behandlung der Patienten verbessert werden kann. Mithilfe der genetischen Information könnten die krankmachenden Eigenschaften erkannt werden, erklärte der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Andreas Hensel, am Freitag im ZDF-"Morgenmagazin". "Und dann kann man daraufhin die Therapie ausrichten."
Kreuzung aus zwei verschiedenen Erreger-Typen
Experten des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hatten am Vortag mitgeteilt, mit Kollegen aus China das Genom des grassierenden Erregers entschlüsselt zu haben. Demnach handelt es sich um eine Art Kreuzung, die Eigenschaften zweier Erregertypen in sich vereint (siehe Infobox).
Die Quelle der Epidemie ist weiter unklar. "Im Moment kann sich jeder selber schützen", sagte Hensel im ZDF. Rohe Tomaten, rohe Gurken und Blattsalate sollten gemieden werden.
Keine EHEC-Keime in Gemüseproben des heimischen Handels
In Österreich gibt es bisher keine Hinweise auf EHEC-Keime im Gemüse. 111 von 130 im Rahmen einer Sonderaktion gezogenen Lebensmittelproben wurden getestet, all seien EHEC-negativ, sagte Fabian Fußeis, Sprecher des Gesundheitsministeriums, am Freitag.
Dabei handelte es sich sowohl um Proben aus der Rückholaktion von spanischem Gemüse, das über deutsche Großhändler an heimische Bio-Geschäfte geliefert worden war, als auch um Proben, die im Rahmen einer laufenden EHEC-Sonderaktion gezogen wurden. Weitere Ergebnisse sollen so rasch wie möglich vorliegen.
Die lange Dauer dieser Analysen durch die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit wird mit dem notwendigen Prozedere begründet: Zuerst wird auf das von dem Erreger gebildete Shigatoxin getestet und die Probe für den Fall, dass kein eindeutiges Ergebnis vorliegt, aufbereitet. Dann wird eine Kultur angelegt und bebrütet, sodass sie wächst und die Experten dann allenfalls enthaltene EHEC-Keime feststellen können.
Enormer Schaden für österreichische Händler
Obwohl in Österreich bislang keine EHEC-Keime gefunden wurden, haben die Händler durch die Angst der österreichischen Konsumenten massive Einbußen zu verbuchen: LGV Frischgemüse, Österreichs größter Gemüsevermarkter, musste am Freitag weitere 500.000 Gurken entsorgen und rechnet bis zum Wochenende mit einem Schaden von 300.000 Euro. Die Absatzzahlen haben sich seit Mittwoch nicht verbessert, so Vorstand Gerald König. Auch Spar und Rewe verzeichnen weiterhin ein dickes Minus, der Absatz von heimischem Salat, Tomaten und Paprika hat sich dagegen wieder normalisiert. Die Lebensmittelhändler rechnen über das Wochenende mit Entspannung.
Berlakovich: Maßnahmenpaket wird mit 1 Mio. Euro dotiert
Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich will mit einem Maßnahmenpaket gegen die Gemüse-Absatzeinbußen aufgrund von EHEC ankämpfen. Er wolle, dass der Gemüsesektor "wieder voll durchstarten kann". Dafür gebe es rund eine Million Euro aus AMA- und EU-Mitteln, sagte Berlakovich. Mit Marketing- und Informationsmaßnahmen hoffe man, "das Konsumentenvertrauen wiederzugewinnen und den Absatz anzukurbeln".
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