Fr, 22. Juni 2018

"Frech gelogen"

23.05.2011 14:52

Pfleger soll Ärztin am Arm gepackt haben - Freispruch!

Eine "Diskussion" zwischen einem Krankenpfleger und einer Sekundarärztin auf der akutpsychiatrischen Abteilung des Otto-Wagner-Spitals auf der Baumgartner Höhe in Penzing aus dem Jahr 2008 hat am Montag am Wiener Landesgericht mit einem - noch nicht rechtskräftigen - Freispruch für den Angeklagten geendet. Wie bereits in einer ersten Verhandlung hatte man dem Pfleger geglaubt, dass er bei einer praktischen Schilderung, wie er von einem Patienten attackiert worden war, nicht derart rüde gegen seine Kollegin vorgegangen ist, wie das die Ärztin geschildert hatte.

Der knapp 50-Jährige hatte die Ärztin auf die Station gerufen, da ein bekannt aggressiver Patient bereits zu Mittag und dann auch noch Abends die Medikamenteneinnahme verweigert hatte. Um zu unterstreichen, wie ihn dieser aus dem Zimmer geschupst hatte, hätte er seine Kollegin am Arm genommen und "einen Meter leicht nach vorne geschoben". Damit wollte er deutlich machen, dass der hochgradig psychotische Patient im derzeitigen Zustand gefährlich sei, fixiert werden müsste und intravenös und intramuskulär medikamentös behandelt werden müsse. Diese Behandlung wurde dann auch später vom Oberarzt veranlasst.

In der Schilderung der Sekundarärztin hörte sich der Vorfall hingegen ganz anders an: Der Pfleger hätte sie gepackt, nach vorne gerissen und schließlich noch derart im Kreis herumgeschleudert, dass ihre Füße den Bodenkontakt verloren. Die Folgen: Ein blauer Fleck am Oberarm, ein Schulterkapseleinriss und u.a. ein Peitschenschlagsyndrom. Zudem litt sie unter psychischen Problemen und begab sich in entsprechende Behandlung.

Ärztin nach Vorfall nicht ins Spital zurückgekehrt
Objektivierbar waren die schwereren Verletzungen jedoch nicht, da aufgrund einer kurz nach dem Vorfall festgestellten Schwangerschaft keine MR-Untersuchungen oder Röntgenaufnahmen durchgeführt werden konnten. Die Ärztin begab sich zunächst in den Krankenstand, dann in den vorgezogenen Mutterschutz und schließlich die Karenz. Auf der Abteilung wurde sie jedenfalls bis heute nicht mehr tätig, was sie aber wohl nicht bedauert haben dürfte. Nach eigenen Angaben fühlte sie sich auf der Psychiatrie nicht wohl und hatte dort nur gearbeitet, um schneller ihren Turnus absolvieren zu können. Zuletzt hatte sie sich um eine Versetzung bemüht und damit eine im Zusammenhang stehende angeblich nicht gerade schmeichelhafte Dienstbeschreibung erhalten. Verteidiger Johannes Schmidt argwöhnte, dass das angebliche Opfer deshalb seinen Mandanten angeschwärzt hatte.

Gesamte Zeit "frech gelogen"
Alle unmittelbaren Zeugen des Vorfalls schlossen sich der Schilderung des Angeklagten an. Als einzige objektivierbare Verletzung blieb ein winziger blauer Fleck über, der zudem laut Gutachterin auch schon älter gewesen sein könnte. Selbst die Staatsanwältin gestand in ihrem Plädoyer Diskrepanzen in der Aussage der Ärztin ein und forderte keinen Schuldspruch, sondern überlies die Schuldfrage der Beweiswürdigung des Gerichts. Der Verteidiger wiederum nahm kein Blatt vor den Mund und warf dem angeblichen Opfer vor, die gesamte Zeit "frech gelogen zu haben".

Richterin Bettina Körber fällte einen Freispruch im Zweifel, dürfte aber dabei selbst keine gehabt haben: "Ich habe Sie sehr glaubwürdig gefunden", beschied sie dem Angeklagten. Dieser habe die Ärztin ihrer Einschätzung nach nur geschoben haben. Als einzige Verletzung bleibt ein blauer Fleck, von dem sich nicht feststellen ließ, wann und wodurch er entstanden ist. Die Staatsanwältin gab keine Erklärung ab, deshalb ist das Urteil noch nicht rechtskräftig. Nach dem ersten Rechtsgang war einem Fortführungsantrag stattgegeben worden, weshalb eine neue Verhandlung notwendig geworden war.

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