28.01.2022 19:00 |

International gefragt

Die weltweit führenden Lawinenexperten

Der Tiroler Lawinenwarndienst (LWD) zählt zu den modernsten und seine erfahrenen Mitarbeiter sind auf der ganzen Welt gefragt. Doch was machen sie anders als ihre Kollegen in Kärnten? Wir fragten nach. 

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„Tirol ist ein Land voller Berge, und jeder steilere Berghang ist ein Lawinenhang", weiß Rudi Mair, der Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes. Gegründet wurde der LWD Tirol 1960 nach großen Lawinenkatastrophen und kurz vor den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck.

„Der Wintertourismus ist bei uns in Tirol schon immer besonders stark, und die Gäste wollen sich in ihrem Bergurlaub natürlich sicher fühlen. Das weiß die Politik, die uns die finanziellen Mittel dafür zur Verfügung stellt“, erklärt Rudi.

Sechs Jahrzehnte nach der Gründung können die Tiroler heute auf das dichteste hochalpine Messnetz der Welt zugreifen. 

Mehr als 200 Messstationen liefern den Lawinen-Experten wichtige Daten über Schnee, Temperatur und Wind. Rudi: „Wir haben doppelt so viele Stationen wie die Schweiz - und in Kanada ist man froh, wenn auf einer gleich großen Fläche nur eine Station steht.“ 

Dazu kommen 100 Beobachter wie der erfahrene Matreier Peter Fuetsch, die täglich im Winter in den Bergen unterwegs sind, um neue Erkenntnisse über die Festigkeit der Schneedecke zu erlangen. Nicht zu vergessen die Tausenden Bergsportler, die dem Lawinendienst interessante Infos von ihren Skitouren, wie beispielsweise Fotos von Lawinenabgängen, zusenden. 

Diese enorme Datenflut wird beim LWD Tirol von einem hochkarätigen Expertenteam - neben Rudi sind das Patrick Nairz, Christoph Mitterer und Norbert Lanzanasto - analysiert. Die gewonnen Erkenntnisse bilden die Grundlage für den täglichen, umfangreichen Lawinenlagebericht. Dieser wird mittlerweile sogar über die Landesgrenzen hinaus auch für Südtirol und Trentino erstellt wird, was einzigartig ist. Der Lawinenbericht wird von den Tirolern neben Deutsch und Italienisch auch in den Sprachen Englisch, Französisch und Spanisch veröffentlicht.

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Nach der Lawinen-Katastrophe von Galtür im Februar 1999 wurde der Politik bewusst, wie wichtig ein funktionierender Lawinenwarndienst für die Öffentlichkeit ist.

Rudi Mair, Leiter Lawinenwarndienst Tirol

„Wir sind in vielen Bereichen Vorreiter. Aktuell sind wir dabei, eine eigene Datenbank samt Smartphone-App zu entwickeln, um die Daten besser erfassen zu können“, erklärt Rudi: „Doch die ganzen Computertechnologien können nicht die Erfahrung eines guten Lawinenprognostikers ersetzen, der die vielen geografischen Gegebenheiten im Land kennt.“

Der LWD Tirol versteht sich auch als anerkannte Schnittstelle zur Forschung. Rudi: „Wir sind weltweit bei vielen Kongressen rund ums Thema Lawine eingeladen, halten auch Vorträge auf Unis und wissen somit genau, was die Praktiker brauchen und was die Forschung und Entwicklung aktuell dazu liefern kann.“ Rudi selbst ist Meteorologe, der schon Erfahrungen in der Antarktis sammeln konnte: „Ein Grund, warum wir so gut sind, ist wohl, dass wir alle mit Herzblut bei der Sache sind. In den Wintermonaten ist unser Team eigentlich durchgehend im Dienst, es grenzt schon fast ein wenig an Fanatismus.“

Lawinenforschung wird immer wichtiger 

Doch die Bedeutung eines Lawinenwarndienstes wird in den kommenden Jahren wohl noch sehr viel größer werden - und nicht nur, weil immer mehr Wintersportler den Skigenuss abseits präparierter Pisten im alpinen Gelände suchen werden.

Denn der Klimawandel sorgt für merkliche Veränderungen, die wir bereits alle spüren. „Wenn es im Winter schneit, dann schneit es inzwischen einfach viel intensiver. Verantwortlich dafür ist, dass die Luft immer wärmer wird und somit auch mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann“, erklärt Rudi. Fällt mehr Schnee in kurzer Zeit, steigt damit auch die Gefahr von Lawinen. 

Unterdessen haben mehrere Sturmtiefs in den vergangenen Jahren ganze Bergwälder verwüstet, die bisher für Dörfer, Straßen und andere Infrastruktur einen natürlichen Schutz vor Lawinen gebildet hatten. 

Rudi: „Wir wissen, wo es brenzlig sein könnte, und wir werden im Notfall wie bisher vor Lawinen warnen."

Unser Stiefkind

Ein Winter ohne Lawinen? So etwas gibt es nicht. Denn wo Schnee in den Bergen fällt, da können Lawinen ausgelöst werden; und diese stellen nicht nur für alle Wintersportler und Urlauber eine Gefahr dar. Unvergessen ist etwa noch heute im Mölltal der 21. Jänner 1951. 100.000 Kubikmeter Schnee donnerten damals aus der Weißen Wand in Richtung Heiligenblut und rissen 36 Gebäude mit. Sechs Menschen starben den weißen Tod. Vieles hat sich seither zwar getan, und auch der nicht weniger gebirgige Süden Österreichs verfügt über ein Netz an Messstationen, das jedoch im Vergleich zu Tirol bescheiden ist. Denn der Lawinenwarndienst wird in Kärnten, das viele noch immer nur als das Land der tausend Seen wahrnehmen, obwohl der höchste Berg Österreichs in Kärnten steht, von der Politik äußerst stiefmütterlich behandelt. Während die Steiermark, Salzburg oder das Land Tirol mit seinem skitouren-begeisterten Landeshauptmann Geld für ganze Teams zur Verfügung stellen, muss sich in Kärnten dieser umfangreichen und verantwortungsvollen Aufgabe ein Einziger stellen. Trotz aller Schwierigkeiten gelingt es Wilfried Ertl dennoch, tagtäglich einen Lawinenlagebericht für alle Regionen Kärntens zu veröffentlichen, das Netz an Messstationen zu warten und auch Mitglieder der Lawinenkommissionen fortzubilden. Lawinen-Willi, Danke für deinen Einsatz! Hoffentlich erkennt auch die Politik, wie wichtig ein Schutz vor Lawinen ist - bevor es zu spät ist. 

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