05.01.2022 17:00 |

Spitalskeim untersucht

Multiresistenter Erreger entwickelte sich in Igeln

Keime, die gegen Antibiotika resistent sind und in Krankenhäusern grassieren, werden zunehmend zu einem Problem. Der übermäßige Gebrauch von Medikamenten steht unter Verdacht, für die Entstehung solcher multiresistenten Krankenhauskeime verantwortlich zu sein. Nun stellten Forscher fest, dass eine problematische Form eines solchen Bakteriums einen ganz anderen Ursprung hat, als vermutet: Der gefürchtete Krankenhauskeim mit der Abkürzung MRSA hat sich in Igeln entwickelt - schon lange vor der Entdeckung des Penicillins.

In Spitälern wird das Auftreten von Staphylococcus-aureus-Keimen (S. aureus) gefürchtet, kursieren doch gegenüber Antibiotikabehandlungen resistente Abkömmlinge des Erregers. Die multiresistente Form des Bakteriums wurde als Krankenhauskeim mit der Abkürzung MRSA in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend zum Problem. Im Fachblatt „Nature“ zeigt ein Forschungsteam nun, dass ein spezieller Keim-Typ seine Zähigkeit schon vor der Einführung von Penicillin in Igeln erworben hat.

Bekannt ist das Bakterium Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA) bereits seit rund 60 Jahren. 1960 wurde es erstmals bei Patienten festgestellt. Den neuen Analysen der Wissenschaftler um den Erstautoren der Studie, Jesper Larsen vom Statens Serum Institut in Kopenhagen (Dänemark), zufolge hat sich eine solche Resistenz aber schon deutlich früher entwickelt.

Igel rund um die Welt tragen resistenten Erreger in sich
Der Ausgangspunkt für die weitreichende Studie war die überraschende Erkenntnis, dass bis zu 60 Prozent der Igel, die in Dänemark und Schweden untersucht wurden, den resistenten S.-aureus-Typ „mecC-MRSA“ trugen. Im Zuge der anschließenden Analysen stellte sich heraus, dass dies bei Tieren von Europa bis Neuseeland der Fall war, heißt es in einer Aussendung der University of Cambridge (Großbritannien).

In etwa eine von 200 MRSA-Infektionen ist auf „mecC-MRSA“ zurückzuführen. Der Erreger stelle somit ein durchaus großes Problem für Menschen und Nutztiere dar, so die Forscher. Sie analysierten insgesamt über 1000 S.-aureus-Proben von Igeln und anderen Tieren. Die Untersuchungen der spezifischen Gene, die mecC-MRSA so widerstandsfähig machen, weisen demnach darauf hin, dass sich dieser Typ schon von rund 200 Jahren in Igeln entwickelt haben muss.

Kampf gegen Hautparasiten machte Bakterium widerstandsfähig
Diese Tiere werden oft von einem Pilzparasiten namens Trichophyton erinacei heimgesucht. Der Mitbewohner auf der Igel-Haut produziert zwei natürliche Antibiotika. Mit diesen Substanzen musste sich S. aureus also herumschlagen, um sich in der Igel-Population zu halten. Die Forscher gehen davon aus, dass diese direkte Koexistenz mit einem Antibiotika-Produzenten zu ursprünglichen Entwicklung der Resistenz geführt hat.

Nicht die Verwendung von Penicillin an Entwicklung schuld
Diese Entwicklung hat sich also schon lange vor der mittlerweile vielfach unkontrollierten Verwendung von Antibiotika in der Medizin und Viehzucht zugetragen. „Unsere Studie legt nahe, dass es nicht die Verwendung von Penicillin war, die zur Bildung von MRSA geführt hat. Es war ein natürlicher Prozess“, so Ewan Harrison von der University of Cambridge. Von der Haut der Igel sprang der Erreger dann irgendwann auf Menschen und Nutztiere über.

Übermäßiger Gebrauch von Antibiotika hilft multiresistenten Keimen
Das rüttle an der Annahme, dass solche Resistenzen vor allem ein moderneres Phänomen sind. Trotzdem steigere der unreflektierte und oft unnötige Missbrauch der wichtigen Arzneien die Wahrscheinlichkeit des Auftretens weiterer multiresistenter Keime erheblich. Denn es gibt vermutlich viele Erreger in der Natur, die dagegen gewappnet sind. Je mehr also Antibiotika eingesetzt werden, umso größer ist deren Überlebensvorteil gegenüber harmloseren Varianten. Die Arbeit sei daher ein Warnsignal, die Medikamente künftig sorgfältiger einzusetzen, so die Wissenschafter.

Wiener Forscher an Studie beteiligt
Mitbeteiligt an der Arbeit, die die genetische Geschichte des Bakteriums durchleuchtete, waren neben Forschern aus Großbritannien auch Igor Loncaric von der Veterinärmedizinischen Universität Wien und Heidrun Kerschner vom Ordensklinikum Linz Elisabethinen. Die Studie wurde im Fachblatt „Nature“ veröffentlicht.

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