Fr, 17. August 2018

Blutige Kämpfe

19.04.2011 12:25

Rebellen: Bereits 10.000 Tote, 55.000 Verletzte in Libyen

Erschreckende Zahlen haben die libyschen Rebellen am Dienstag über den italienischen Außenminister Franco Frattini mitteilen lassen: Seit Beginn der Kämpfe sollen in dem nordafrikanischen Land demnach 10.000 Menschen getötet und bis zu 55.000 weitere verletzt worden sein. Ärzte, die sich in der seit Wochen umkämpften Stadt Misrata aufhalten, berichten, dass alleine dort mehr als 1.000 Tote zu beklagen seien.

Frattini hatte sich mit dem Vorsitzenden des Nationalen Übergangsrats der Rebellen, Mustafa Abdel Jalil, in Rom getroffen. Dabei erklärte der italienische Außenminister, dass Italien dem libyschen Diktator Muammar al-Gadafi Hilfe leisten würde, sollte er in Lebensgefahr schweben. "Wir würden ihm wie jedem anderen Libyer helfen." Dasselbe gelte auch für die Anhänger Gadafis. "Wichtig ist, das Voranschreiten Gadafis zu stoppen, der ein blutrünstiger Machthaber ist", so Frattini.

Das blutrünstige Vorgehen belegte Jalil sogleich mit Zahlen, denn nach Angaben der Rebellen sollen bereits 10.000 Menschen getötet und 55.000 weitere verletzt worden sein.

Ärzte: 1.000 Toten in Misrata
Mediziner sprachen am Montag davon, dass allein bei den Kämpfen um die Stadt Misrata mehr als 1.000 Menschen gestorben sein. Die meisten der Getöteten sollen Zivilisten sein. Zudem habe es rund 3.000 Verletzte gegeben, erklärte das Krankenhaus in der umkämpften Stadt. Allein am Sonntag waren in der von den Aufständischen kontrollierten und von Gadafis Truppen umstellten Küstenstadt mindestens 17 Menschen getötet und 71 verletzt worden.

In der Region El Dschabal el Gharbi westlich der Hauptstadt Tripolis seien am Sonntag und Montag mehr als 100 Menschen gestorben. "Gaddafis Bataillone haben die Region ununterbrochen mit Grad-Raketen beschossen, vor allem Jefren und Nalut", sagte ein Bewohner von Jefren. Es seien in beiden Städten insgesamt 110 Rebellen und Zivilisten getötet worden. Ein Bewohner von Nalut nahe der tunesischen Grenze sagte, die Truppen von Gadafi seien dabei, "ein Massaker zu begehen". Auch er sprach von "mindestens hundert Toten in zwei Tagen". "Sie schießen blind mit Grad-Raketen auf Wohnhäuser, Krankenhäuser. Mehrere Familien sind nach Tunesien geflohen", sagte der Bewohner.

Einsatz von international geächteter Streumunition
Nicht nur gehen die Kämpfe in Libyen unvermindert weiter - so setzten die Truppen Gadafis am Montag den Raketenbeschuss von Misrata fort, und auch in Nalut im Westen und in Ajdabiya im Osten des Landes hielten die Kämpfe an -, seit vergangener Woche seien bei den Patienten besonders schwerwiegende Verletzungen festgestellt worden, die von dem Einsatz von Streubomben herrührten. Nach Angaben der Ärzte mussten zahlreichen durch Streubomben verletzten Menschen Gliedmaßen amputiert werden, um sie zu retten. Streumunition ist international geächtet. Ihre Behälter öffnen sich in der Luft und setzen viele kleine Bomben, sogenannte Bomblets, über große Flächen frei. Die Gebiete bleiben wegen der großen Zahl von Blindgängern auch nach dem Ende eines Konflikts verseucht.

Heckenschützen sorgen für Angst und Schrecken
Die libyschen Rebellen sowie Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch werfen den Regierungstruppen vor, die heimtückischen Waffen seit vergangenem Donnerstag einzusetzen. Zudem versetzen Heckenschützen die Bevölkerung in Misrata zunehmend in Angst und Schrecken.

Auch der Oberbefehlshaber über den NATO-Militäreinsatz in Libyen, Generalleutnant Charles Bouchard, hat die Truppen des Machthabers Gadafi beschuldigt, in Misrata auf Zivilisten zu schießen. Die Streitkräfte stünden auf den Dächern von Moscheen und feuerten von dort auf Menschen, sagte Bouchard am Montag dem kanadischen Fernsehen. Sie versteckten sich in der Nähe von Krankenhäusern und hätten gepanzerte Wagen in Schulen abgestellt. Manchmal zögen die Gadafi-Verbündeten auch ihre Uniformen aus, damit niemand sie in der eingekesselten Rebellenbastion erkennen könne. Der Kanadier Bouchard kritisierte dieses Vorgehen als "unmoralisch" und "hinterhältig".

Libysche Führung bestreitet Vorgehen gegen Bevölkerung
Die libysche Führung hingegen bestritt, die Bevölkerung anzugreifen. Der Sohn von Machthaber Muammar al-Gadafi, Saif al-Islam, wies die Vorwürfe der Gewalt von Regierungstruppen gegen Zivilisten zurück. "Wir haben keine Verbrechen gegen unser Volk begangen", sagte Gadafis Sohn Saif al-Islam der "Washington Post". "Das ist nicht passiert. Das wird nie passieren." Sobald die "Terroristen" in Misrata und der Rebellenhochburg Bengasi besiegt seien, werde die Macht seines Vaters in einer neuen Verfassung beschränkt, fügte Saif hinzu. Ein Sprecher Gadafis sagte am Sonntagabend, die Beteiligung des Terrornetzwerks Al-Kaida an der Revolte sei "bewiesen".

Flucht nur über Seeweg möglich
Aus Misrata fliehen indes immer mehr Menschen vor der Gewalt. 10.000 Menschen sind nach Schätzungen des UNO-Flüchtlingshochkommissariats alleine in den vergangenen zehn Tagen geflohen. Da die Stadt von Gadafis Truppen weitgehend umzingelt ist, bleibt den Flüchtlingen derzeit nur noch der Seeweg. Am Sonntag blockierten Hunderte Menschen laut Augenzeugen den Hafen und behinderten ein Hilfsschiff der Internationalen Organisation für Migration. Die IOM befürchtet nun eine Massenflucht aus Misrata, wo 400.000 Menschen leben. In Misrata sitzen laut IOM immer noch rund 3.500 Gastarbeiter meist aus afrikanischen Ländern fest. Die gestrandeten Gastarbeiter warteten im Hafen von Misurata verzweifelt auf eine Möglichkeit, per Schiff in die zweitgrößte libysche Stadt Bengasi zu kommen, fügte er hinzu.

UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon forderte einen sofortigen Waffenstillstand in Libyen. Zudem wolle die UNO in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz ihre humanitäre Hilfe in Libyen ausweiten und in der Hauptstadt Tripolis eine Vertretung einrichten, kündigte er in Budapest an.

"Humanitärem Korridor" zugestimmt
Die libysche Regierung hat sich am Montag zur Schaffung eines humanitären Korridors für Helfer der Vereinten Nationen bereit erklärt. UN-Sprecher Farhan Haq sagte am Montag in New York, dies sei Teil einer Vereinbarung über humanitäre Hilfe, den die UN-Vizegeneralsekretärin für humanitäre Angelegenheiten, Valerie Amos, mit Regierungsvertretern in Tripolis erzielt habe.

"Sie haben zugestimmt, den Transport humanitärer Hilfsgüter und humanitären Personals zu erleichtern und die Einreise internationaler Mitarbeiter zu erlauben", sagte Haq über die Gespräche der UN-Vertreterin in Tripolis. "Die libysche Regierung hat gesagt, sie werde einen ungehinderten Zugang über die tunesische Grenze nach Libyen bis hin nach Tripolis garantieren und sie sagte, sie werde humanitären Helfern die sichere Durchreise in Gegenden unter Regierungskontrolle ermöglichen."

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