Mi, 20. Juni 2018

Goldene Rapid-Ära

07.04.2011 11:21

Kühbauer, Konsel, und Jancker über EC-Finaleinzug '96

Der eine zog mit seinen Hechtsprüngen Stürmer-Kalibern à la Henrik Larsson den Nerv, der andere zangelte sich als genialer Stratege durch die gegnerischen Defensiv-Reihen, und der dritte okkupierte die Strafräume halb Europas: Michael Konsel, Didi Kühbauer und Carsten Jancker - vor genau 15 Jahren manövrierten sie gemeinsam den SK Rapid ins Europacup-Finale nach Brüssel. Für krone.at lassen die drei Kicker-Granden die glorreiche Zeit noch einmal Revue passieren.

8. Mai 1996, ca. 21 Uhr in Brüssel: Der Schienbeindeckel von Rapids Abwehrrecke Peter Schöttel lenkt beim Europacup-Finale einen Brutalo-Freistoß von Bruno N'Gotty unhaltbar in das Gehäuse von "Panther" Michael Konsel - 1:0 für Paris St. Germain. Der Traum vom ersten Europacup-Sieg einer österreichischen Mannschaft ist geplatzt, Rapid verliert das Finale.

Fast genau 15 Jahre später: Graue matchen sich mit braunen Haaren um die Vorherrschaft auf den Häuptern der Herren Konsel und Kühbauer. Die "Wuchtel" bändigen sie beim Schau-Gaberln für krone.tv aber noch sehr gekonnt. Und auch der Schmäh rennt wie in besten Zeiten. "Der Carsten ist der erste lustige Deutsche", feixt etwa Ober-Schmähbruder Kühbauer in Richtung "Turban-Bomber" Jancker. "Und kicken hat er ja erst bei uns gelernt", sekundiert Konsel, ehe Kühbauer beim Studium des 96er-Mannschaftsfotos messerscharf analysiert: "A schöne Mannschaft war' ma schon!" Und eine erfolgreiche. Das große Interview mit Michael Konsel, Didi Kühbauer und Carsten Jancker zum 15. Jahrestag des Einzugs Rapids in das Europacup-Finale:

krone.at: Welche Emotionen kommen in euch hoch, wenn ihr den Namen Bruno N'Gotty hört?
Michael Konsel: Oje, den Namen hatte ich eigentlich schon verdrängt. Mir sind eher die Spiele davor in Erinnerung, bei denen wir alle sensationell aufgegeigt haben. Das Positive bleibt eher hängen - nicht dieser abgefälschte Freistoß von N'Gotty.

krone.at: Dabei wäre doch Paris St. Germain damals durchaus in Reichweite gewesen, nicht?
Didi Kühbauer: Naja, man darf nicht vergessen: Ohne eine gewisse Qualität kommt man nicht ins Finale. Und von den Namen her war Paris sicherlich auch über uns zu stellen. Aber wir haben das Finale eben nicht so bestritten wie die Spiele zuvor. Trotzdem: Es ist etwas Wunderschönes, als Österreicher überhaupt ein Europacup-Finale erleben zu können. Der Michl hat ja sogar zwei erlebt. Das ist nicht selbstverständlich.

krone.at: Michael, welche Niederlage war denn für Sie die schmerzhaftere: die von 1985 oder die von 1996?
Konsel: Beide waren sehr schmerzhaft, weil wir beide Male die Möglichkeit gehabt hätten, zu gewinnen. Wobei: 1996 war die Chance wohl noch größer. Denn Everton war 1985 schon eine Klassemannschaft, die bei Bedarf jederzeit einen Gang höher schalten konnte. Aber in beiden Finali war ähnliches zu beobachten: Manche Spieler waren vielleicht schon zufrieden, überhaupt ins Finale gekommen zu sein.

krone.at: Carsten, von Ihnen sind die Tränen der Enttäuschung nach dem Spiel in Erinnerung. Dabei muss diese Niederlage im Vergleich zu jener 1999 mit Bayern München im Champions-League-Finale gegen Manchester geradezu lächerlich gewesen sein, oder?
Carsten Jancker: Finalniederlage ist Finalniederlage. Sicherlich war die Art und Weise 1999 noch ein bisschen brutaler, aber ich hätte genauso gern 1996 gewonnen. Mit Rapid hätten wir damals die Chance dazu gehabt, wenn wir so gespielt hätten wie in den Runden davor. Und 1999 war halt ein bisschen Pech dabei.

krone.at: Kriegt ihr die Aufstellung vom Finale 1996 noch hin?
Jancker: Konsel im Tor, Hatz, Schöttel ... (überlegt). Pivarnik rechts?

krone.at: Nein. Libero?
Kühbauer: Der Trifon natürlich. Mittelfeld war: Stöger, Heraf, ich, Marasek, Guggi. Und im Sturm Stumpf und Jancker.
Jancker (lacht): Ach ja, den Trifon hatte ich verdrängt.
Kühbauer (lacht): Ja, den darf man verdrängen. Seine Optik behält man nicht gern im Kopf.

krone.at: Jedenfalls war damals eine Ansammlung herausragender Fußballer - zumindest für österreichische Verhältnisse - am Werk...
Jancker: Nicht nur für österreichische Verhältnisse. Das war schon auch international ein sehr guter Jahrgang. Man darf ja nicht vergessen, dass wir danach auch noch Meister geworden sind. Wir waren ja der Doppelbelastung ausgesetzt. Dann wir waren nach den Spielen oft auch noch unterwegs (lacht).
Kühbauer (lacht): Geh, hör auf!
Jancker: Und trotzdem hatten wir die Kraft, am Wochenende die Spiele zu gewinnen und in der letzten Runde gegen Sturm die Meisterschaft zu fixieren. Das war schon ein geiles Jahr.
Konsel: Damals haben wir ja fast alles gewonnen.

krone.at: Welchen Anteil an diesen Erfolgen hatte damals Trainer Ernst Dokupil?
Konsel: Er hat eine Mannschaft geformt, die sich mit den Aufgaben gesteigert hat. Wir waren eine super-homogene Truppe, die auch abseits des Rasens viel Gaudi gehabt hat. Wir konnten beim Feiern auch schon mal die Sau rauslassen. Aber wir haben immer gewusst, wann wir feiern dürfen und wann wir wieder Gas geben müssen.
Jancker: Dokupil hat mich geholt und mir die Chance gegeben, international zu spielen. Von Rapid aus habe ich ja dann den Sprung zu den Bayern geschafft.

krone.at: Es heißt oft, eure Generation sei die letzte gewesen, die noch echte Typen hervorgebracht hat. Seht ihr das auch so oder hieß es zu eurer Zeit auch schon: "Früher war alles besser"?
Kühbauer: Ja, das haben wir auch schon gehört. Ich meine, dass es sehr wohl jetzt auch noch Typen gibt. Aber wenn wir als aktuelles Beispiel Marko Arnautovic heranziehen: Der ist zwar auch ein Typ, er vergisst dabei aber leider die Dinge, die auf dem Platz wichtig sind. Wir waren halt auf unsere Art Typen und sicherlich nicht einfach zu handlen. Dafür gebührt Trainer Dokupil schon großes Lob.

krone.at: Zweifellos ein echter Typ war damals Abwehrchef Trifon Ivanov. Michi Konsel, wie viel graue Haare haben Sie denn ihm und seinen unberechenbaren Ausflügen in den Sturm zu "verdanken"?
Konsel: Es hat zwei solche Typen gegeben: Ich glaub, der Reinhard Kienast und der Trifon haben meine Haarpracht am Gewissen (lacht). Einerseits war's super, mit ihm zu spielen, andererseits war er unberechenbar. Wenn er zwei Meter vor dir die Grätsche auspackt und daneben fährt, macht das deinen Job als Tormann nicht leichter. Aber er war eine Riesen-Persönlichkeit und seine Sturmläufe waren sowieso einzigartig.
Kühbauer: Er war sicher ein super Typ. Nur: Im Training wollte ich nie mit ihm in einer Mannschaft spielen - da bist du nach dem Training auf der eigenen Zunge gestanden, weil sich's der Trifon gemütlich gemacht hat. Ich hab' noch nie einen Spieler so schlecht trainieren gesehen.
Jancker: Da kann ich mich nur anschließen. Aber der Schiedsrichter hat das Spiel angepfiffen und er war da! Und so eine Persönlichkeit haben wir damals eben gebraucht.

krone.at: Ivanov war es auch, der in der 2. Runde gegen Sporting Lissabon in der 92. Minute das 2:0 von Stumpf vorbereitet hat. Um ein Haar wäre man also schon da ausgeschieden. Wie wichtig ist für einen derartigen Erfolgslauf also Glück?
Jancker: Sehr wichtig. Ich denke da auch an das Hinspiel im Halbfinale gegen Feyenoord Rotterdam: Wenn der Konsi da nicht so sensationell hält, können wir in der Halbzeit 7:0 hinten liegen. Aber es hat eben gepasst. Und daheim haben wir unsere Spiele sehr gut gestaltet.

krone.at: Zum Beispiel auch das Heimspiel gegen Dinamo Moskau, bei dem der "Turban-Bomber" Carsten Jancker geboren wurde.
Jancker: Ja, ich hatte eine Platzwunde, die mit dem Turban zugemacht wurde. Und damit habe ich zwei Tore gemacht. Das wurde dann eben in die Presse hineingetragen. Aber ganz ehrlich: Ich kann's nicht mehr hören.
Kühbauer: Also, da versteh' ich dich zu hundert Prozent! Er wird sich ja nicht gern den Schädel angehaut haben. Natürlich haben wir dann schmähhalber gesagt: "Geh, Carsten, renn bitte gegen die Wand, wstrong>krone.at: Etwa beim Halbfinal-Heimspiel gegen Feyenoord, bei dem Sie, Carsten, mit ihrem legendären Seitfallzieher das 3:0 erzielt haben. Wie genau ist Ihnen dieses Tor noch in Erinnerung?
Jancker: Wir haben uns auf links durchgetankt. Und dann kam, glaube ich, von Marasek die Flanke ...
Kühbauer (lacht): Nana, vom Stephan kann keine gekommen sein.

krone.at: Heraf war's - und zwar von rechts.
Jancker: Ja, stimmt. Und dann kam eben mein Seitfallzieher. Es war schön und damit brauch' ich das Ganze auch nicht mehr zu schildern.

krone.at: Welche Chancen seht ihr bei der aktuellen Mannschaft, irgendwann ähnliche Erfolge feiern zu können?
Kühbauer: Zunächst würde ich mir wünschen, dass sie in der laufenden Saison einen internationalen Startplatz erreichen. Natürlich wäre der Meistertitel schön. Aber man darf nicht vergessen, dass in den vergangenen Jahren viel gutes Material verkauft worden ist. Da muss man die Kirche schon im Dorf lassen. Rapid hat in den vergangen Jahren ganz guten Fußball gespielt, aufgrund der Abgänge läuft's eben im Moment nicht ganz so gut. Wir haben ja auch Schwächeperioden gehabt. Aber natürlich wollen wir auch einmal im Stadion sitzen und jubeln, dass Rapid wieder große Gegner geschlagen hat.

krone.at: Wer von euch dreien wird der nächste Rapid-Trainer?
Kühbauer zu Konsel: Du fällst ja aus (lacht), du hast ja noch keine Trainerlizenz, oder?
Konsel: Kann sich aber alles noch ausgehen. So alt bin ich ja auch noch nicht. Einen Teil hab ich ja schon.

krone.at: Didi, von Ihnen hat man ja vernommen, dass das durchaus ein Ziel wäre.
Kühbauer: Ich will dazu jetzt gar nichts mehr sagen. Natürlich will ich irgendwann Rapid-Trainer werden. Irgendwann will ich auch Teamchef werden. Das will ja jeder. Aber es ist nicht so, dass mich das beschäftigen würde. Ich wünsche ja jedem amtierenden Rapidler alles Gute. Daher noch einmal: Ich hätte nichts dagegen, eines Tages Rapid zu trainieren, aber im Moment bin ich mit der Aufgabe bei der Admira sehr zufrieden.

von Michael Fally
Fotos: APA; Michael J. Payer

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