12.10.2021 11:55 |

Mein Leben - mit Kind

Was Elternsein Menschen mit Behinderung bedeutet

Menschen mit Behinderung haben ein Recht darauf, Eltern zu werden. Über den Spannungsbogen zwischen diesem Recht auf Familie und dem Schutz des Kindeswohles sprachen Expertinnen und Experten bei der Fachtagung „Mein Leben - Mit Kind. Elternsein mit Behinderung“, zu der Jugend am Werk Steiermark und die Universität Klagenfurt gemeinsam eingeladen haben.

Jeder Mensch hat ein Recht auf Familie, auch Mütter und Väter mit Lernbehinderung. Um auch diesen Personen Familienglück zu ermöglichen, benötigt es einer optimalen Begleitung und Rahmenbedingungen, um das Spannungsfeld zwischen Recht auf Familie seitens der Eltern und dem Kindeswohl optimal abzudecken und zu behandeln. Während vor wenigen Jahren Kinder von Eltern mit Behinderung im Regelfall bei Pflegeeltern untergebracht wurden, ist mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention in Österreich ein Umdenken in Gang gesetzt worden.

Behindertenhilfe und Jugendhilfe sind mehr denn je gefordert
„Ziel soll nunmehr sein, diesen Personen eine Elternschaft zu ermöglichen, eben mit dem Ziel, sowohl das Recht auf Familie und als auch das Wohl des Kindes bestmöglich zu schützen und zu wahren“, sagt Walerich Berger, Geschäftsführer von Jugend am Werk Steiermark. „Die Behindertenhilfe und die Jugendhilfe sind daher mehr denn je gefordert, den Rahmen zu schaffen, innerhalb dessen ein geschütztes Aufwachsen eines Kindes bei Eltern mit Behinderungen möglich ist.“ Was es dabei zu beachten gilt, wurde bei der Fachtagung „Mein Leben - mit Kind. Elternsein mit Behinderung“ von Jugend am Werk erörtert, die am 30. September 2021 im Steiermarkhof stattfand.

Universitätsprofessor Stephan Sting beschäftigte sich mit der Bedeutung der Familie für das Aufwachsen in unserer Gesellschaft, sieht die Aufrechterhaltung und Pflege der Familie als grundlegendes Menschenrecht, das in einer inklusiven Perspektive für alle Menschen gilt und in der Kinder- und Jugendhilfe sowie in der Behindertenhilfe Berücksichtigung finden muss. Doch die Fähigkeit zur Elternschaft werde Menschen mit Lernbehinderung noch immer abgesprochen, sagt Christine Steger, Vorsitzende des Monitoringausschusses.

Persönliche Assistenz für die Elternschaft mit Rechtsanspruch
In der Praxis leben diese Eltern in ständiger Angst, kleinste Fehler könnten zur Kindesabnahme führen. Betroffene erleben das oft als Willkür, ohne genaue Gründe zu erfahren. Durch diese Angst trauen sich viele nicht, um Unterstützung bei der Kinder- und Jugendhilfe zu fragen, weiß Steger. Denn wer Unterstützungsbedarf formuliere, setze sich automatisch dem Vorwurf aus, überfordert zu sein. „Will Österreich die Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen erst nehmen, muss man sich zwingend dem Thema der Kindesabnahme annehmen. Dazu müssen wir unbedingt ein funktionierendes System der persönlichen Assistenz für die Elternschaft mit Rechtsanspruch schaffen und Hilfestellung, wo es nur geht, leisten“, sagt Christine Steger.

Über die Gratwanderung zwischen Selbstbestimmungsrecht der Eltern und dem Wohl des Kindes weiß Ingrid Krammer, Leiterin des Amtes für Jugend und Familie der Stadt Graz, bestens Bescheid und gab bei der Fachtagung beispielhaft Einblick in die Prozesse der Entscheidungsfindung - stets im Hinblick auf das Kindeswohl, unabhängig, in welcher Art und Weise die Eltern ihrem Erziehungsauftrag nicht ausreichend nachkommen können -, und berichtete über die bestehenden Unterstützungsangebote. Rahel More vom Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung an der Universität Klagenfurt hat für ihre Dissertation mit Müttern und Vätern mit Lernbehinderung gesprochen.

Die Fachtagung zum Nachsehen auf YouTube:

Sie hinterfragte in ihrer Arbeit die Fremdzuschreibungen und -wahrnehmungen sowie das Selbstverständnis dieser Personen. Die Ergebnisse sollen Handlungsempfehlungen für den künftigen Umgang mit diesem Thema bringen. Linda Schüchner vom Verein GIN und Vorstandsmitglied beim Verein NINLIL verglich die Entwicklung des Themas auf nationaler Ebene und im internationalen Vergleich, zeigte positive wie problematische Aspekte der Rahmenbedingungen auf und stellte die Unterstützungssysteme in Österreich auf den Prüfstand.

Walter Perl, Projektleiter bei Jugend am Werk, sieht in der Tagung den wichtigsten Aspekt des Themas, nämlich das Spannungsfeld zwischen dem Recht auf Familie und dem Kindeswohl ausreichend dargelegt, um weiter an der Verbesserung der Situation für Eltern mit Lernbehinderung zu arbeiten. „Es hat sich einmal mehr gezeigt, dass es Unterstützung seitens der Familie und des Umfeldes, weiters des ‘Sozialen Raumes‘ und auch gerade hier eine Umfassende Unterstützung durch professionelle Angebote braucht, um diesen Kindern ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen.“

Weitere Informationen finden Sie online im Internet hier!

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