17.09.2021 22:19 |

„Krone“ vor Ort

Zyperns Pufferzone als Einfallstor für Migranten

In Zyperns geteilter Hauptstadt Nikosia liegt zwischen dem griechischen Süden und dem türkischen Norden die UN-Pufferzone. Seit 1974 darf dort niemand hinein. Für Migranten, die derzeit verstärkt in die Europäische Union drängen, ist sie ein Einfallstor. Die „Krone“ war mit Europaministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) auf Lokalaugenschein im Sperrgebiet.

Vor 47 Jahren wollte die Verkehrsmaschine von Cyprus Airways zuletzt abheben. Fast fünf Jahrzehnte später steht die Trident heute noch immer vor dem einstigen Flughafengebäude des International Airport Nikosia. Seit 1974 rostet die Maschine dort vor sich hin, mitten in der UN-Pufferzone, zwischen den griechischen und türkischen Landesteilen Zyperns.

„Grüne Linie“ ist 180 Kilometer lang
In dieser Zone, die Sperrgebiet ist, haben 1974 heftige Kämpfe stattgefunden. Sie erstreckt sich quer über die gesamte Insel. Die „grüne Linie“, die die Mittelmeerinsel in zwei Teile teilt, ist 180 Kilometer lang. Seit dem Waffenstillstand 1974 wird das Gebiet, das kein Zivilist betreten darf, von den Vereinten Nationen kontrolliert. Knapp 900 unbewaffnete Soldaten sollen den Waffenstillstand zwischen dem Norden, wo die türkischen, und dem Süden, wo die griechischen Zyprioten leben, sicherstellen und militärische Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen verhindern. Die türkische Seite kommt auf 30.000, die griechische auf 10.000 Soldaten.

UN-Friedensmission: Drei Soldaten aus Österreich
Die UN-Friedenstruppe versteht sich als Verwalter des Status quo, eine Lösung des Konflikts muss auf politischer Ebene erfolgen. „Es ist wichtig, dass die Bemühungen der EU und der Vereinten Nationen zur Wiedervereinigung fortgesetzt werden“, sagt Europaministerin Karoline Edtstadler (ÖVP).

Österreich ist seit Beginn an der friedenserhaltenden Mission beteiligt, aktuell mit drei Soldaten. „In den vergangenen Monaten haben wir vom Norden aus signifikant Migranten, die in den Süden wollen, wahrgenommen“, berichtet Oberst Rupert Koller, stellvertretender Stabschef der Friedenstruppe. Der Steirer, der in der türkis-blauen Regierung im Kabinett des damaligen Verteidigungsministers Mario Kunasek (FPÖ) tätig war, arbeitet seit August 2020 für die Friedensmission.

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In den vergangenen Monaten haben wir vom Norden aus signifikant Migranten, die in den Süden wollen, wahrgenommen.

Oberst Rupert Koller, stellvertretender Stabschef der Friedenstruppe

Die UN-Blauhelme lassen die Migranten de facto passieren. „Wir können einen Migranten nicht aufhalten. Das ist absolut nicht unsere Aufgabe“, sagt Koller. In den vergangenen Jahren kamen jährlich mehrere tausend. Nach der Übernahme Afghanistans durch die Taliban wird mit einer noch höheren Zahl von aus dem Norden kommenden Flüchtlingen gerechnet.

Zypern mit höchster Asylquote in der EU
Dass die UN-Pufferzone quasi ein Einfallstor für Migranten ist, nutzt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, um Migranten in die EU zu schleusen. „Die Türkei benutzt die Migranten als Waffe“, sagt Zyperns Außenminister Nikos Christodoulides. Seit vier Jahren hat Zypern die höchste Asylquote von allen EU-Ländern. Asylsuchende von hier in andere EU-Staaten zu bringen lehnt Brüssel nämlich ab. Europaministerin Edtstadler sicherte ihm aber „volle Solidarität“ zu.

Zypernkonflikt

1974 ist die Türkei nach einem Putsch von griechischen Nationalisten, die Zypern an Griechenland angliedern wollten, in Nordzypern einmarschiert. Später wurde dort die Türkische Republik Nordzypern ausgerufen, die, ausgenommen von der Türkei, völkerrechtlich nicht anerkannt ist. Seit fast 50 Jahren ist das Land daher geteilt. Im Norden leben die türkischen Zyprioten, die griechischen leben im Süden. In der UN-Pufferzone sorgen knapp 900 unbewaffnete Soldaten für einen Waffenstillstand der beiden Landesteile. Derzeit sind drei Österreicher für die Friedenstruppe im Einsatz.

Sperrgebiet: Mehrere Geisterdörfer und Natur
Es ist ein außergewöhnlicher Ort, an dem die UN-Blauhelme ihren Dienst versehen. Es gibt dort viele Geisterdörfer und noch mehr Natur. Der verlassene Schauplatz würde sich auch gut als Filmset eignen. Ob der Flughafen jemals wieder seinen Betrieb aufnehmen wird? Derzeit erinnert nur der Charme der Architektur der Siebzigerjahre an bessere Zeiten.

Sandra Schieder
Sandra Schieder
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