Opfer berichten
Polit-Häftlinge in Ägypten brutal gefoltert
Der zwölf Tage lang inhaftierte ägyptische Internet-Aktivist und Google-Mitarbeiter Ghonim redete in dem emotionalen Interview Klartext: "Ich hatte zwölf Tage lang die Augen verbunden, ich hörte nichts, ich wusste nichts", sagte der junge Mann dem Privatsender Dream 2. Demnach wurde er am 27. Jänner zu Beginn der Proteste gegen Präsident Hosni Mubarak festgenommen und saß bis zu seiner Entlassung am Montag in der Haft des gefürchteten ägyptischen Sicherheitsdienstes (siehe Infobox). Grund für die Festnahme: Er hatte eine regierungskritischen Facebook-Seite betrieben.
Es war auch diese Art der willkürlichen Polizeigewalt, die die Menschen vor zwei Wochen zu ihren ersten Protesten gegen Mubarak auf die Straße getrieben hat. Immer wieder gab es in der Vergangenheit spektakuläre Fälle, die für einen Aufschrei gesorgt haben und die Wut über die Führung aufsteigen ließen: Im vergangenen Jahr machte der Tod von Chaled Said Schlagzeilen. Er wurde vor einem Internetcafé in Alexandria zu Tode geprügelt. Doch seit 2006 wurden laut Regierungsangaben lediglich sieben Beamten wegen Folter oder schlechter Behandlung belangt.
"Es hat sich nichts geändert"
Menschenrechtsaktivisten glauben nicht, dass das Regime wie versprochen in Zukunft härter gegen folternde Polizisten vorgeht. "Wenn man sieht, wie Sicherheitskräfte in den vergangenen zehn Tagen Demonstranten geschlagen haben, wird man sich bewusst, dass sie ihr Verhalten nicht geändert haben", sagt Hassiba Haj Sahraui von Amnesty International. Sie wirft den Sicherheitskräften vor, die Öffentlichkeit mit ihrem rigorosen Vorgehen einschüchtern zu wollen.
Alles sei auch heute "wie immer", bemängelt die Aktivistin Aida Saif el Dawla. "Die Sicherheitskräfte nehmen bei den Demonstrationen Menschen fest oder führen sie von zu Hause ab und foltern sie dann zum Beispiel mit Elektroschocks", sagt sie. Vorübergehend festgenommene Journalisten aus dem Ausland berichteten nach ihrer Freilassung, in den teils geheim gehaltenen Gefängnissen Augenzeugen von Folter geworden zu sein. Während früher zumeist politische Gefangene und Terrorverdächtige gefoltert wurden, wird das Machtinstrument laut Aktivisten heute auch gegen unbedeutende Verdächtige eingesetzt.
"Folter-Papst" als Mubarak-Nachfolger?
Auch der geplante Machtwechsel von Mubarak auf seinen Stellvertreter Suleiman dürfte nichts bewegen. Denn Suleiman ist für sie als früherer Chef des mächtigen Geheimdienstes für die Verbrechen hinter Gittern mitverantwortlich. Es sei schwer, Vertrauen in Omar Suleiman zu setzen, wenn man bedenke, wie mit den Menschenrechten während seiner Zeit beim Geheimdienst umgegangen worden sei, kritisiert Amnesty-Vertreterin Sahraui.
Auch Frauen unter den Protestierenden
Unterdessen beteiligen sich auch immer mehr Frauen an den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Sie geben dem "Freistaat Kairo", der da in den letzten zwei Wochen im Herzen der ägyptischen Hauptstadt entstanden ist, ein besonderes Kolorit. Zwar sind die meisten Opfer der Gewalt gegen die Demokratiebewegung Männer. Doch auch eine junge Frau wurde von einem Stein tödlich getroffen. Das Großposter von Sali Sahran ist - zusammen mit dem der anderen "Märtyrer" der Bewegung - auf dem Platz mehrfach zu sehen. Es zeigt eine blühende Schönheit mit langem, gelocktem Haar.
Am Dienstagnachmittag standen etwa 200 Frauen in einer großen Gruppe zusammen - sie trugen alle Kopftuch, einige wenige sogar den Ganzkörperschleier. Unermüdlich skandierten sie Parolen gegen das Regime des ungeliebten Präsidenten Hosni Mubarak. "Das Hindernis auf dem Weg zur Freiheit ist Mubarak" oder "Wir bleiben, bis er geht", sind Sprüche, die sie immer wieder herausschrien. Es sind religiöse Frauen, die sich in der Gruppe sicherer fühlen. Eine von ihnen, die Diplom-Kindergärtnerin Marwa, erklärt: "Im Islam ist es so, dass Frauen darauf achten sollen, dass sie im Gedränge nicht von Männern angerempelt werden. Aber es sind auch Christinnen mit uns."
Die Diätetikerin Sherifa Abul-Fatur hat derlei Berührungsängste nicht. Sie trägt ihr Haar auch offen. Mit großen Taschen und Säcken bahnen sie und ihre Freunde sich ihren Weg durch immer enger beieinanderstehende Menschenmengen. Sie steuern die Dauerdemonstranten an, die am Rande des Platzes, an Hausmauern gelehnt, auf schmutzigen Matten campieren. Abul-Fatur verteilt Sandwiches und Schokoriegel an die hungrigen Platzbesetzer.
"Ein selbstverständlicher Akt der Solidarität"
Für sie ist es ein selbstverständlicher Akt der Solidarität. Angehörige und Arbeitskollegen legen das Geld zusammen für die Einkäufe, sie und ihre Cousine Rasha, die als Erste die Idee dazu hatte, verteilen die Lebensmittel. "Ich mache das, damit diese Menschen hier weitermachen können", begründet sie ihren freiwilligen Einsatz. "Das muss hier weitergehen, damit es zu einem echten Wandel kommt." Sie formuliert, was viele hier denken: Ließe der Druck der Straße erst einmal nach, würde das Regime die versprochenen politischen Reformen im Sand verlaufen lassen.
In den Hinterhöfen der ersten Häuserreihe am Platz haben Ärzte und Medizinstudenten ein improvisiertes Lazarett eingerichtet. Hier waren junge Ärztinnen und Krankenschwestern mit dabei, als in den Tagen und Nächten der brutalen Angriffe auf die Demonstranten die Verletzten versorgt wurden. "Ich habe Eingriffe vorbereitet, Ampullen und Tupfer weitergereicht", erinnert sich die Zahnarzt-Studentin Hind Ahmed.
Sie hat, zum ersten Mal in ihrem Leben, aus nächster Nähe schreckliche Kopfwunden, Messerstich- und sogar Schussverletzungen gesehen. Die Wunden konnten nur unter lokaler Betäubung genäht werden, für die Vollnarkose fehlte es in diesem Katakomben-Spital an den nötigen Maschinen. Ahmed haben diese Erfahrungen nachhaltig geprägt. "Ich war vorher eher unpolitisch", sagt sie. "Ich kam hierher, als ich von den Verletzten hörte, die Hilfe benötigten. Mit der Zeit wurde mir klar, dass die Demonstranten mit ihren Forderungen nach echtem Wandel recht haben."











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