13.06.2021 10:55 |

Vorarlberg spricht

„Nicht in der Politik, um neue Freude zu finden“

FPÖ-Chef Christof Bitschi (30) zeigt nicht nur im Landtag die wirtschaftsliberale, hellblaue Ländle-Flagge. Auch gegenüber der Bundespartei und dem designierten Obmann Herbert Kickl vertritt er eine eigene Position.

Krone: Herr Bitschi, wie überraschend kam für Sie der Obmannwechsel an der Parteispitze?
Bitschi: Der Rücktritt von Norbert Hofer hat alle überrascht. Ich war gerade auf der Autobahn Richtung Oberland unterwegs, als mir berichtet wurde, dass es eine entsprechende Nachricht von Norbert Hofer via Twitter gegeben hätte. Es hat einige Telefonate gebraucht, bis dann Klarheit geherrscht hat.

Wer wäre denn Ihr Favorit für die Nachfolge gewesen?
Mit dieser Frage habe ich mich nicht beschäftigt, weil Herbert Kickl ja in Wahrheit der einzige Kandidat war, der zur Verfügung gestanden ist. Ich konzentriere mich darauf, wofür wir gewählt worden sind: nämlich die größte Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg zu überwinden.

Sie sind ja kein Fan von Herbert Kickl. Wie ist Ihr Verhältnis zueinander?
Wir hatten vergangenen Montag eine Präsidiumssitzung, bei der wir darüber diskutiert haben, wie sich die Partei entwickeln soll. Speziell Manfred Haimbuchner und mir war wichtig, dass sich die FPÖ weder personell noch inhaltlich einengt. Die zwei Angebote - knackige Oppositionspolitik und aktives Mitregieren - muss es weiterhin geben.

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Wir richten die Landes-FPÖ nicht nach den Wünschen der Bundespartei aus, sondern nach jenen der Vorarlberger. Wenn man sich ab und zu mal gegen die Bundeslinie stellen muss, soll das so sein.

Christof Bitschi

Die Vorarlberger FPÖ hatte immer schon einen eigenen, wirtschaftsliberalen Markenkern. Bleibt das so?
Wir richten die Landes-FPÖ nicht nach den Wünschen der Bundespartei aus, sondern nach jenen der Vorarlberger. Wenn man sich ab und zu mal gegen die Bundeslinie stellen muss, soll das so sein. Wir haben klare Ziele mit zwei Themenblöcken. Eines ist, die Gerechtigkeit zurückzubringen. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist, dass den Menschen, die 45 Jahre hart gearbeitet haben, die Pensionen gekürzt werden. Auf der anderen Seite erhält jeder Asylberechtigte, der neu ins Land kommt, die vollen Leistungen. Das ist nicht gerecht!

Und der zweite Punkt?
Das Land muss aus der Krise geführt werden, die Menschen sollen wieder arbeiten dürfen. Viele sind noch in Kurzarbeit, der Handel muss angekurbelt und wichtige Infrastrukturprojekte vorangetrieben werden. Die träge Politik der ÖVP muss enden.

Stichwort Oppositionspolitik: Sie scheinen sich ja in dieser Rolle wohl zu fühlen und haben sich bereits mehrfach gegen Landeshauptmann Wallner positioniert.
Ich bin nicht in die Politik gegangen, um neue Freude zu finden. Mir geht es darum, das Land voranzubringen. Dafür braucht es einen positiven Antreiber. Speziell nach Corona ist es notwendig, die heißen Eisen anzupacken. Bei vielen Zukunftsthemen sind wir ins Hintertreffen geraten, Stichwort Digitalisierung oder der Personalmangel in der Pflege, in den Gesundheitsberufen und im Bereich Sicherheit.

Sind Ihre Worte nicht ab und zu etwas zu scharf?
Es ist notwendig, Probleme klar und deutlich anzusprechen. Wer diese ignoriert oder immer nur schönredet, wird keine Lösung finden. Unterm Strich führt das natürlich schon dazu, dass der eine oder andere Politiker in der Landesregierung mit mir nicht sonderlich zufrieden ist.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den anderen Oppositionsparteien?
In der Politik ist es wichtig, die persönlichen Eitelkeiten zurückzustellen. Es stört mich, wenn manche Politiker nicht miteinander reden. In Vorarlberg ist eines klar: Wir wollen das Land weiterentwickeln und versuchen, dort wo es Überschneidungen gibt, mit allen zusammenzuarbeiten - auch mit der Landesregierung. Wir haben im Herbst das Budget mitgetragen und haben auch der Aufnahme des 150-Millionen-Euro-Darlehens zur Krisenbewältigung zugestimmt.

Gibt es konkrete Ziele, die Sie bis zur nächsten Landtagswahl verfolgen?
Es gilt alles zu tun, dass Vorarlberg bis 2024 in den zentralen Zukunftsthemen wieder an der Spitze liegt. Mein Ziel ist es, die Tugenden, die uns Vorarlberger auszeichnen, wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken und zu stärken. Es gibt viele innovative Unternehmer, fleißige Arbeitnehmer und großen familiären Zusammenhalt.

Was würden Sie sich von den Regierenden wünschen?
Es gab so Sager wie „Koste es, was es wolle“ oder „Kein Unternehmer im Land wird zurückgelassen“. Dennoch gibt es nach wie vor Menschen, die mit dem Rücken zur Wand stehen und Betriebe, die heute noch auf die Unterstützungszahlungen warten. Da wurden Unternehmen einfach zugesperrt. Das ist doch das Schlimmste, wenn man nicht mehr arbeiten darf, obwohl man könnte und dann nicht einmal die notwendigen Entschädigungszahlungen ankommen. Wenn man selbst Unternehmer ist, versteht man das besser, als wenn man nur im Glashaus Landesregierung sitzt. Ab und zu kommt es mir schon so vor, als ob da die Verbindung zur Bevölkerung fehlt.

In Sachen Corona äußern Sie sich - im Gegensatz zu Ihrem designierten Parteiobmann - recht zurückhaltend.
Ich gehöre nicht zu den Politikern, die durchs Land reisen und den Menschen erklären, was sie zu tun haben. Wichtig ist jetzt, dass die massiven Einschränkungen von Grund- und Freiheitsrechten zurückgenommen werden und dass die echte Normalität für alle zurückkehrt. Und damit meine ich jetzt nicht die neue Normalität der ÖVP.

Haben Sie sich schon impfen lassen?
Ich gehöre auch nicht zu jenen, die sich vorgedrängelt haben, sondern habe gewartet, bis meine Altersgruppe an der Reihe war. Das war vergangene Woche der Fall. Ich habe mich in erster Linie impfen lassen, weil ich als Politiker viele soziale Kontakte habe. Ob man sich impfen lassen will, muss jeder für sich entscheiden.

Fakten

Christof Bitschi wurde am 11. April 1991 in Bludenz geboren. Nach der Matura an der HTL Rankweil studierte er Bau- und Umweltingenieurwissenschaften an der Uni Innsbruck. Seit 2017 ist er Geschäftsführer der Martin Bitschi Transporte GmbH in Brand. Seine politische Laufbahn startete Christof Bitschi 2009. 2013 wurde er zum Landesobmann des „Ring Freiheitlicher Jugend“ gewählt. 2014 zog er in den Vorarlberger Landtag ein. Im Juni 2018 folgte er Reinhard Bösch als Landesparteichef nach. Seit November 2019 ist er auch Klubobmann der FPÖ.

Sonja Schlingensiepen
Sonja Schlingensiepen
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