25.03.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Sex-positiv: Alles kann, nichts muss

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal über eine sex-positive Partykultur. 

Das Drehbuch „Küssen - Ausziehen - Oralsex - Penetration - Orgasmus - Ende oder Wiederholung“ gibt Sicherheit. Und für viele Menschen ist Sicherheit im sexuellen Bereich sehr wichtig. Ein relativ großer Teil der Bevölkerung ist jedoch nicht sicherheitsorientiert, sondern im Gegenteil sexuell erfahrungshungrig. Von fast 5000 befragten Erwachsenen suchen zwei Drittel neue und aufregende sexuelle Erfahrungen und Empfindungen. Jede vierte Person sieht sich selbst dabei als risikofreudig. Als Kurzformel einer sex-positiven Haltung hat sich in den letzten Jahren „alles kann, nichts muss“ etabliert: Offen zu sein dafür, was sich sexuell entwickelt zwischen Menschen, und gleichzeitig wenig zu erwarten.

Sexuelle Aufregung, Offenheit und Freizügigkeit werden in der sex-positiven Bewegung nicht nur im Privaten gelebt, sondern auch in Partyform gebracht. Mit großem Erfolg. Damals, vor Corona, bildeten sich lange Warteschlangen vor „Zusammen Kommen“, eine der (wenigen öffentlich zugänglichen) sex-positiven Partys in Österreich. Zwei Stunden oder länger warteten aufgeregte Partygeher in sexy Kleidung unter dem Mantel darauf, an der Tür vorbeizukommen, zu ekstatischer Musik zu tanzen und (vielleicht) Sex in dunklen Separees zu haben.

Wie viele Menschen Interesse an einer freizügigen Partykultur haben, zeigen auch die tausenden Sex-hungrigen Touristen, die jährlich in Party-Städte wie Berlin pilgern. Im Verlauf der Pandemie haben sich allerdings sogar die freizügigsten Party-Veranstalter Grenzen auferlegen müssen. Berlins prominentester Technoclub und Bezugspunkt einer sex-positiven Partykultur, das Berghain, wurde mittlerweile in ein Museum verwandelt. In den Räumen eines ehemaligen Fernheizwerks, in denen bis vor einem Jahr noch hedonistische Partys veranstaltet wurden, konnte man im Herbst Klanginstallationen und Kunst bewundern.

„Nichts kann mehr“ gilt auch in der sex-positiven Workshop-, Swinger- und BDSM-Szene. Sex-positiven Gemeinschaften ist nur die Zukunftshoffnung geblieben, dass es nach dem Ende der Pandemie zu einer neuen ekstatischen Party-Kultur kommt, in den goldenen 20ern, von denen erfahrungshungrige Menschen begonnen haben zu träumen.

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Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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