21.03.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Das Problem mit der „normalen Sexualität“

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller darüber, warum sie nicht an eine „normale Sexualität“ glaubt.

Die Sexualitätsforscherin und sex-positive Vordenkerin Gayle Rubin hat das Problem mit der „normalen Sexualität“ in den 1980er Jahren auf den Punkt gebracht. Sie hat die Rangordnung zwischen einer „guten“, normalen, akzeptierten Sexualität und einer „bösen“, abnormalen, verwerflichen beschrieben: Als „normal“ gilt demnach vor allem Sexualität in einer heterosexuellen Paarbeziehung. Am besten verheiratet, zu Hause und zum Zweck der Fortpflanzung.

Die Abweichung von der (beliebten) Norm der Missionarsstellung im ehelichen Schlafzimmer ist dann umgekehrt: Sex allein oder in einer Gruppe, für Geld oder einfach nur zum Spaß, mit wechselnden PartnerInnen, homo- oder bisexuell, mit Sexspielzeug, Pornos und digitalen Medien oder SM (d.h. mit erotischer Dominanz und Schmerz verbunden). Diese Rangordnung gibt es bis heute. Nicht so sehr darin, was Menschen tun. Sondern die Rangordnung bestimmt vor allem, wie Menschen sexuelle Praktiken bewerten.

Die vermeintlich „nicht normalen“ Sexualitäten führen regelmäßig zu moralischen Panikreaktionen. Das ist überraschend, denn seit den konservativen 1950er Jahren ist bekannt, dass alle möglichen und unmöglichen Sexpraktiken in der Bevölkerung weit verbreitet sind. Das zeigt sich auch anhand der Sexualität in der Pandemie. Nehmen wir das Beispiel Analsex: Innerhalb von zwei Wochen haben elf Prozent von fast 5000 befragten Erwachsenen im Lockdown Analsex praktiziert. Auch (Online-)Sexshops boomen: Sextoys hat jeder Fünfte verwendet. Mit erotischer Fixierung und Schmerz spielen immerhin sechs Prozent der Befragten regelmäßig. Jeder dritte Befragte hat außerdem innerhalb des letzten Jahres zwei, drei oder mehr SexpartnerInnen gehabt - Pandemie hin oder her. Die „bösen“ Praktiken sind also viel üblicher als manche denken.

Natürlich kann man für sich selbst bestimmte Praktiken mögen und andere ekelhaft finden. Und sollte das auch bei anderen akzeptieren. Aber wenn man über Sexualität allgemein nachdenkt, ist eine Vision einer positiven Sexualität hilfreich, in der sich Menschen mit ihrem Begehren, ihren Körpern und Beziehungsformen wiederfinden können. Vorausgesetzt natürlich immer, alle Beteiligten haben Spaß dabei.

Lesen Sie HIER weitere Kolumnen!

Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

 krone.at
krone.at
Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Sonntag, 18. April 2021
Wetter Symbol