18.03.2021 14:13 |

„Krone“-Kolumne

Sag Nein zu „normaler“ sexueller Identität

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal mit einer positiven Vision. 

Bei zwei Umfragen habe ich letztes Jahr gefragt, welche sexuelle Identität auf Menschen am besten zutrifft. Wählen konnten die TeilnehmerInnen zur Beantwortung aus folgenden Optionen: asexuell, bisexuell, heterosexuell, lesbisch oder schwul, pansexuell, queer, kinky, ich bin nicht sicher, andere Sexualität: … Bei der letzten Antwortmöglichkeit konnten die Befragten ihre Sexualität in eigenen Worten beschreiben.

Während der Auswertung ist mir aufgefallen, dass einzelne Befragte als Antwort „normal“ geschrieben haben. Bei der ersten Befragung habe ich es ignoriert. Bei der zweiten hat es begonnen, mich zu beschäftigen. „Normal“ ist bei Sexualität alles - und irgendwie auch nichts. Was haben die Befragten damit gemeint? Leider kann ich bei einer anonymen Umfrage nicht mehr nachfragen.

Der Duden, Onlinewörterbuch und Kontrollstelle der deutschen Sprachverwendung, schreibt jedenfalls zu „normal“ einen besonderen Warnhinweis, in dem Fall sogar in roter Farbe: „In der veraltenden, wertenden Bedeutung sollte das Wort normal im öffentlichen Sprachgebrauch nicht mehr verwendet werden. Das gilt besonders dann, wenn es als Gegensatzwort zu (geistig) behindert oder im Sinne von heterosexuell gemeint ist.“

Was normal ist, was die Norm und was die Abweichung, ist offenbar nicht ganz unproblematisch. Und in der Frage tut sich was. Einer der größten Hersteller von Haarshampoo, Hautcreme und anderen Schönheitsprodukten hat letzte Woche verkündet, dass er in Zukunft keine Produkte mehr für „normale“ Menschen mit normalem Haar, normaler Haut und normalem Gewicht verkaufen wird. In einer Umfrage hatte der Konzern nämlich herausgefunden, dass sich Menschen mit Shampoo, Creme & Co nicht nur schöner, sondern auch besser fühlen möchten. Sie wünschen sich ein vielfältiges Bild von Schönheit, in dem sie sich mit ihrem Körper wiederfinden können. In ihrer Vision einer „positiven Schönheit“ möchten Menschen deshalb mehr unterschiedliche Körper sehen: alternde Körper, verschiedene Körpertypen und -formen, verschiedene Hautfarben.

Unter dem Motto „Sag Nein zu ‚normal‘ und ja zu positiver Schönheit“ wird nun die Vielfalt Einzug ins Supermarktregal halten. Das ist löblich. Und wird nebenbei die Produkte besser verkaufen. In Sexshops glaubt allerdings längst niemand mehr an „normal“ und eine „normale Sexualität“. Gute SexualpädagogInnen auch nicht. Glauben auch Sie nicht daran.

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Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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