11.03.2021 07:00 |

„Krone“-Kolumne

Was verhindert die Orgasmus-Gerechtigkeit?

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller in einem weiteren Kommentar dazu, warum Frauen mit Männern seltener einen Orgasmus haben als ohne.

Zu wenig Wissen über die Klitoris und ihre Bedeutung für weibliche Lust ist nicht der einzige Grund für den Orgasmus-Unterschied, wonach Frauen häufiger einen Orgasmus in lesbischen Partnerschaften und bei der Selbstbefriedigung als mit Männern erleben. In der Sexualitätsforschung werden noch weitere Gründe für die Orgasmus-Ungleichheit verantwortlich gemacht:

  • In Filmen und Medien wird Sexualität häufig Männer-zentriert dargestellt, d.h. es steht die männliche Sexualität im Zentrum. Andere sexuelle Praktiken als Penetration gelten als „Vorspiel“, das man mehr oder weniger schnell hinter sich bringt, um „zur Sache zu kommen“. Weibliches Begehren und manuelle Stimulation bekommen demgegenüber oft wenig Aufmerksamkeit. Dabei lebt Sexualität von der Berührung und dem Spiel mit der Berührungsintensität.
  • Hinzu kommt, dass gesellschaftliche Schönheitsnormen Frauen daran hindern, ein positives Körpergefühl zu entwickeln. Anstatt ihren Körper und sexuelle Berührungen zu genießen, beobachten sie sich selbst. Sie sorgen sich beim Sex darum, wie sie aussehen, riechen, usw.; das Spüren und im Moment sein gelingt dann oft nicht mehr gut.
  • Vom Spüren lenkt schließlich paradoxerweise auch eine Orgasmus-Fixiertheit ab, d.h. wenn man sich zu sehr darauf konzentriert, einen Orgasmus zu haben, haben zu wollen oder haben zu sollen. Die meisten Männer möchten auch gerne ein guter Liebhaber sein. Wenn der weibliche Orgasmus allerdings zur männlichen Leistung wird, steigt der Druck und die Selbstbeobachtung.
  • Auch Stress und Erschöpfung von Frauen - aktuell durch die Pandemie wieder ein besonders großes Problem - sind wenig förderlich für weibliche Orgasmen.

Was auch immer es im Einzelfall ist: Dass Frauen seltener einen Orgasmus erleben als Männer ist nicht biologisch begründet. Es ist die Art, wie in unserer Gesellschaft Sexualität und Geschlecht gelebt wird, die eine umfassende „Orgasmus-Gerechtigkeit“ verhindert.

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Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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