03.03.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Das „Problem“ mit der weiblichen Lust

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal zur Leerstelle weiblicher Lust. 

Eine der großen Leerstellen in der Debatte um Sexualität ist weibliche Lust. Die Sexualität von Frauen wird häufig nur als Problem diskutiert. Eine ungewollte Teenager-Schwangerschaft: eine Katastrophe. Zu viel Begehren: eine Katastrophe. Zu wenig Begehren und kein Spaß beim Sex: auch eine Katastrophe. Darüber hinaus drohen Gewalt und Krankheiten. Junge Mädchen und Frauen werden vor der Bedrohung durch Sexualität besonders gewarnt und geschützt. Da bleibt oft wenig Platz für ihre Lust und sexuelles Begehren. Generationen von Frauen müssen sich stets aufs Neue ihren Körper und ihr Begehren in einem positiven Sinn zu eigen machen.

In meiner sexualpädagogischen Arbeit habe ich mehrfach erlebt, dass junge Männer, die auf Frauen stehen, sehr interessiert daran waren, weibliche Lust zu verstehen. Sie wollten wissen, wie es so richtig geil wird für sie, was die beste Stellung ist, welchen Knopf sie drücken sollen, wie und wo genau, damit sie einen großartigen Orgasmus hat und er sich als guter Liebhaber schätzen kann. So gut gemeint diese Fragen sind: Kochrezepte und Erwartungshaltungen sind schlechte Ratgeber, wenn es um weibliche Lust geht - mindestens so schlechte, wie Pornos.

Junge Frauen sind bei weiblicher Lust häufig zurückhaltend. Wenn man mit Frauen über ihr Sexualorgan spricht, ist oft mehr Ekel als Begeisterung zu spüren. Viele junge Frauen finden ihre Scheidenlippen hässlich und Scheidensekret grauslich. Sie glauben, dass es schmutzig und sogar irgendwie gefährlich sein könnte, wenn sie sich „da unten“ anschauen und berühren. Gar nicht wenige Mädchen sind überzeugt, zwischen den Beinen nur ein „Loch“ zu haben. Dass man mit Tampon in der Vagina pinkeln kann, ist dann oft eine große Überraschung für jugendliche Mädchen in der Pubertät.

Bereits Schulkinder zeichnen - wenn man ihnen einen Stift und kurz unbeobachtet Zeit gibt - riesige Penisse auf Klowände, Schultafeln, in Schulbücher und auf kleine Briefchen, die unter der Bank weitergereicht werden. Dabei wird die Größe des männlichen Sexualorgans gerne übertrieben (im Übrigen nicht nur auf Kinderzeichnungen, sondern auch von erwachsenen Männern und in Pornos, aber das ist eine andere Geschichte). Bei Frauen wird nichts dargestellt, weil da gibt es vermeintlich nichts zu sehen. Nur einen Schlitz. Eine Leerstelle eben.

In der Schule erfährt man jedenfalls nur wenig über Vulva und Klitoris. Noch 2018 habe ich ein Biologie-Schulbuch durchgeblättert, in dem die Klitoris falsch eingezeichnet war. Es ist niemand aufgefallen.

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Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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