02.01.2021 08:30 |

Psychische Gesundheit

Experte rät in der Krise:„Offen und ehrlich reden“

Martin Gruber ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Er ist Obmann vom Kuratorium für psychische Gesundheit.

Herr Dr. Gruber, die derzeitige Situation fordert uns alle. Was ist es denn, was die Menschen ihrer Erfahrung nach vor die größten Herausforderungen stellt?

Ich glaube da spielen viele Dinge zusammen. Auf der einen Seite belasten natürlich die wirtschaftlichen Faktoren – es sind Arbeitsplätze gefährdet, viele Menschen sind in Kurzarbeit oder arbeitslos. Alleine das belastet psychisch – weil man sich natürlich Sorgen um seine Zukunft macht. Und das große Problem an der Sache ist, dass wir all diese Dinge nicht kontrollieren können. Und das ist es, was belastet. Der Mensch hat nämlich ein großes Bedürfnis nach Kontrolle. Und wenn wir dann merken, dass das auch für unsere Politiker – also die, die normalerweise einen Plan haben – eine neue, unbekannte Situation ist, macht sich natürlich doppelte Unsicherheit breit.

Wie merkt man, dass die eigenen Psyche belastet ist?

Wenn eine Person belastet ist, wird sie sich immer mehr vom sozialen Leben zurückziehen und weniger Interesse an den Dingen haben, die ihr früher Freude bereitet haben – sprich ihre Hobbys nicht mehr ausüben. Außerdem neigen belastete Personen zu vielen sorgenvollen Gedanken, die sich immer wieder im Kreis drehen. Diese Menschen, schlafen auch meistens nicht gut und reagieren leichter gereizt Draus können sich dann auch viele Konfliktsituationen ergeben. Durch psychische Belastungen können außerdem auch körperliche Beschwerden wie immer wiederkehrende Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen oder ein stetiges Erschöpfungsgefühl auftreten.

Kann man solche Belastungs-Reaktionen auch bei Angehörigen erkennen?

Natürlich. Hier fällt auch wieder die Lustlosigkeit, Gereiztheit und Schlaflosigkeit auf. Was auch noch ein Anhaltspunkt sein kann, ist wenn der Betroffene ständig nur negative Themen aufbringt und alles was er sagt und tut nur um diese Probleme kreist. Wo bei den Angehörigen die Alarmglocken wirklich läuten sollten, ist wenn sich ein Mensch Verschwörungstheorien anschließt. Das ist ein klares Indiz dafür, dass der Mensch mit der „realen“ Situation nicht mehr zurecht kommt und sich deswegen selbst eine Realität zimmert, in der plötzlich alles Sinn macht.

Was kann man tun, wenn man bemerkt dass man selbst oder einer der Liebsten psychisch belastet ist?

Das wichtigste ist, dass offen und ehrlich mit dem Betroffenen redet und ihm zur Seite steht, obwohl er vielleicht gerade nicht so ist, wie man ihn gern hätte. Und hier kann man ganz klar ein Gespräch mit einer Beratungsstelle vorschlagen.

Ob man dann zu zweit oder alleine Kontakt aufnimmt, ist ganz nach Situation zu entscheiden. Und was ganz wichtig ist: Auch Helfer können und sollen sich Hilfe suchen – es kommt nicht selten vor, dass die Betroffenen dann selbst nachziehen.

Marie Schulz
Marie Schulz
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