30.12.2020 08:00 |

Kolumne „Stadtpikant“

Eine Jogginghosen-Firma müsste man haben

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über die Wiederentdeckung des Liebestöters und andere positive Nebeneffekte der Pandemie. 

2019 galt die ausgebeulte Jogginghose noch als Zeichen der Selbstaufgabe. „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, sagte Karl Lagerfeld vorher, ohne zu wissen, wie recht er damit haben sollte: 2020 gehörte die Jogginghose zum liebsten Kleidungsstück von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ich habe mir selbst im letzten halben Jahr vier gekauft: eine dünne, eine gestreifte, eine kuschelweiche und eine warme mit Feiertagsmuster. Freundinnen und Freunden der Körperpflege wird es ein Gräuel sein, aber viele Menschen haben im Lockdown beschlossen: Gepflegt sein ist überbewertet. Auch Frauen dürfen 2021 vielleicht ein bisschen weniger schön sein als noch vor einem Jahr - und sich dabei trotzdem wohlfühlen. Überhaupt hat uns die Pandemie einige positive Nebenwirkungen gebracht, die die Menschen seit dem Frühjahr schätzen gelernt haben.

Was könnte positiv an der aktuellen Situation sein? Das habe ich 1500 Menschen im November und Dezember während des zweiten Lockdowns gefragt. Gleich vorweg: Mehr Sex gehört nicht dazu. Weniger Stress auch nicht. Aber einiges können Menschen der aktuellen Situation doch abgewinnen.

Hier die Liste der zehn am häufigsten genannten, positiven Auswirkungen der Pandemie:

  1. Man lernt die wichtigen Menschen in seinem Leben stärker zu schätzen.
  2. Man merkt, wer einem wirklich nahe steht.
  3. Man hat mehr Zeit nachzudenken.
  4. Die Pandemie ist gut für das Klima und die Natur.
  5. Anrempeln und Bedrängung im öffentlichen Raum werden durch das Abstandhalten weniger.
  6. Man spart Zeit, weil Wege (in die Arbeit, Schule, etc.) wegfallen.
  7. Man spart Geld.
  8. Man kann den ganzen Tag Jogginghose tragen.
  9. Man muss sich nicht mehr rechtfertigen, um zu Hause bleiben zu können.
  10. Man kann das Zusammensein mit wichtigen Personen mehr genießen.

Zwei von drei Befragten freuen sich auch darüber, dass sie im Lockdown Treffen absagen können, zu denen sie ohnehin nicht gehen wollten. Und vor allem ältere Menschen haben 2020 gemerkt, dass sie alleine auch gut klarkommen.

Ein ganzes Jahr ist darüber geschrieben worden, wie viel Negatives die Pandemie über die Welt gebracht hat. Und vieles konnte tatsächlich noch gar nicht ausreichend skandalisiert und betrauert werden - weil es leider noch nicht vorbei ist. Aber wenn wir an die Zeit vor einem Jahr zurückdenken, müssen wir uns eingestehen, dass für die meisten von uns auch damals nicht alles gut war.

Dass so viele Menschen eine Pandemie gebraucht haben, um zu entdecken, wie man intime Vertrauensbeziehungen in der Jogginghose vertiefen kann, ist ein Seismograf der gesellschaftlichen Entwicklung. 2020 haben wir die Kontrolle über unser Leben verloren und dafür die Jogginghose gewonnen.

Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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