26.12.2020 08:00 |

Kolumne „Stadtpikant“

Von „Hauthunger“ und Gruppenkuscheln

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über das unbändige Verlangen nach Berührung, Gruppenkuscheln und eine besondere „Hungersnot“.

Menschen sind soziale Wesen und brauchen Hautkontakt. Schon kleine Berührungen können ein Gefühl der Verbundenheit, Vertrautheit und Sicherheit vermitteln. Über die Haut entstehen stabile Bindungen zwischen Menschen, nicht nur bei kleinen Kindern, die ganz unmittelbar die Welt mit ihren Stimmungen über die Haut aufnehmen. Auch Jugendliche und Erwachsene sind darauf angewiesen, sich durch liebevolle Zuwendung in Verbindung mit anderen Menschen zu erfahren.

Wenn körperliche Nähe als Gefahr für Leib und Leben oder als Bedrohung für die psychische Gesundheit empfunden wird, wird das Vertrauen und die Verbindung zu anderen Menschen jedoch unterbrochen. Das trifft auf eine virale Bedrohung genauso zu wie auf Gewalterfahrungen. Auf Dauer entstehen durch diese unterbrochenen menschlichen Verbindungen Stress, Einsamkeit, vielleicht sogar Depressionen. Vor allem aber führt soziale Isolation dazu, dass Menschen hungrig nach Hautkontakt werden. Ähnlich wie bei Hunger empfinden die meisten Menschen ein starkes Verlangen danach, andere Menschen zu spüren, in den Arm genommen oder gestreichelt zu werden, wenn sie länger niemanden berührt haben.

In manchen liberalen Großstädten haben sich deshalb Kuschelpartys etabliert, bei denen alle, die Lust auf Hautkontakt haben, unverbindlich miteinander kuscheln können. Während der Pandemie sind solche nicht-sexuellen Formen kollektiver Intimität nicht möglich. Einige Menschen haben seit Wochen oder Monaten keinen anderen Menschen mehr berührt. Und Hauthunger ist weiter verbreitet, als man meinen könnte. Menschen wollen mit ihren Freundinnen und Freunden kuscheln, ihre Familienmitglieder umarmen, sie lieben die kleinen Berührungen im Alltag - beim Begrüßen, beim Tanzen, beim Kontaktsport, beim Frisör.

Für den Entzug von Körperkontakt gibt es in der Forschung ein eigenes Wort: „Berührungsdeprivation“. Am Gefühl, dass körperliche Nähe zu anderen Menschen nichts Gefährliches, sondern im Gegenteil etwas sehr Wertvolles ist, werden wir nach der Pandemie wahrscheinlich kollektiv arbeiten müssen. In einer Zukunft, in der Gruppenkuscheln wieder lustvoll möglich sein wird.

Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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